Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26./27. Oktober 1910 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Okt. 1910
abends.
Lieber Freund.
Haben Sie am Sonntag meinen großen Brief bekommen? Ich wollte, er hätte Ihnen so viel Freude gemacht, wie mir das Kleben u. Zeichnen. - Eigentlich hatte ich heut auf eine Karte gehofft. Aber ich habe so wenig zu tun u. auch "keine Zeit", also wie kann ich mich wundern, wenn ich auch mal vergeblich warte! Es ist nur lächerlich, daß man dann unwillkürlich denkt, der Brief könne verloren sein. Und das wäre mir recht unangenehm.
Ihre Beschreibung der Berliner Festtage hat mich gefreut u. amüsiert. Nun ist wieder der Alltag eingerückt, hoffentlich in befriedigender Arbeit. Ihre Definition der Religion hat mich viel beschäftigt.
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| Anfangs schien es mir garzu subjektivistisch gefaßt u. darum gerade die primitiven Religionen nicht einbegreifend. - Aber es scheint mir doch, als wäre die religiöse Gesinnung oder Grundstimmung damit umschrieben, aus der heraus dann die Religion, als etwas objektiv Gegebenes, geschaffen wird. Diese Grundrichtung, die über die Wirklichkeit hinaus will, deutet in die Außenwelt hinaus, was das Individuum aus den Erfahrungen für seine Entwicklung gestaltet u. hält sein eigenes, unbewußtes Schaffen für gegebene Offenbarung. Aber in der Tat enthüllen sich hier Zusammenhänge, die nicht nur auf einen vom Einzelnen zum Ganzen strebenden, sondern einen alldurchwaltenden Geist zu verraten scheinen. Es läßt sich, meinem Gefühl nach wenigstens, die religiöse Erfahrung ebenso wenig restlos ins eigene Innere verlegen,
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| wie die Erfahrungen der Außenwelt überhaupt. Es drückt sich in der Religion die bleibende, innere Stellungnahme zum All aus u. findet hier für die gläubige Überzeugung, wie Sie sehr mit Recht betonen, Befriedigung u. den Ausgleich für alle Unzulänglichkeiten des Daseins. Welche Gestalt dieser Ausgleich für den Einzelnen annimmt, zeigt sich im Dogma. Verstanden muß er sein, so gut wie die "Harmonie der Sphären"; aber seine Form in der menschlichen [über der Zeile] Vorstellung wird eine antropomorphe bleiben müssen. Je vergeistigter u. vom Individuellen losgelöst, umso reiner erscheint sie mir. Darum empfinden wir das Losmachen von den Bildern der kirchlichen Überlieferung als ein Freiwerden, weil nun im eignen Busen diese Tiefen des Lebens sich erschließen u.
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| für uns Gestalt gewinnen in unmittelbarer Lebendigkeit. Je näher diese abstrakte, geistige Welt dem gegebenen Dasein rückt, je tiefer sich Diesseits u. Jenseits durchdringen, umso voller u. ungebrochner das Lebensgefühl. Wie fühle ich dies heilige Leben in Ihnen glühen u. seine Macht entfalten zu segensvoller Wirksamkeit. -

26. Okt. Ich habe ganz kalte Hände u. kann kaum schreiben, aber ich möchte Ihnen doch gleich erzählen, wo ich heute war! Denken Sie nur: auf dem Weißenstein! Er läßt Sie grüßen u. sagen, Sie sollten doch auch einmal wieder kommen. Es war ein herrlicher, sonniger Herbsttag, tiefblauer Himmel u. der Wald in den leuchtendsten Farben. Wir waren wieder mit den Schwestern Seitz zusammen, die ein recht passendes Gegenstück zu Aenne u. mir sind. Luise sanft u. sich einfügend, wie Aenne,
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| Paula mehr kritisch u. energisch wie ich. Wir vertragen uns alle vier recht gut u. amüsieren uns immer zu viert, oder unterhalten uns paarweise recht ernsthaft u. angeregt.
Mir ists so leid, lieber Freund, daß Sie mit Leutnant Nieschling noch nicht wieder in das rechte Fahrwasser kommen können. Ich glaube nicht, daß er sich Ihnen gegenüber erhaben dünkt, er will vielleicht nur die Berechtigung seiner Lebenssphäre verteidigen. Werfen Sie nicht voreilig eine alte Freundschaft über Bord, versuchen Sie entgegenzukommen u. gerecht zu sein. Welcher Art Ihre Konflikte sind, kann ich mir nach Ihren Andeutungen nicht recht denken. Denn daß das Militärjahr Ihren Horizont erweitert hätte, kann er ja unmöglich meinen. - Ach, hätte ich doch diesen Weg heut mit Ihnen gehen dürfen! Ich weiß noch so gut,
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| was wir damals besprachen u. Sie waren mir überall gegenwärtig. Aber die Aussicht auf ein Wiedersehen wird geringer, da es nun doch ganz unwahrscheinlich ist, daß ich bei Hermanns Hochzeit sein kann. Er schreibt, sie hätten den 21. Dez. in Aussicht genommen. Da könnte ich nur gerade hin u. her fahren u. das wäre eine unsinnige Anstrengung u. auch garzu kostspielig. Am 24. will ich bei Tante Thes sein, spätestens am 20. müßte ich doch in Greifswald sein u. 2 Tage für die Fahrt rechnen. Also - es ist unmöglich. - Den Brief von Hermann fand ich auch seltsam. Schon daß er nicht ein Wort von seiner Braut schrieb, nach der ich ihn ausdrücklich gefragt hatte! So ist er aber oft. Er hat dann wohl gerade etwas andres im Sinn u. schreibt nur so eilig u. äußerlich.
Von Aenne soll ich Ihnen sehr
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| herzlichen Dank sagen für den Kalender. Wir haben verschiedene von den kleinen Aufsätzen gelesen. Wer ist der medicinische Kollege? Er ist nicht sehr stilbegabt! - Seit wann ist aber das Berliner Wappentier ein Nashorn? Denn so siehts doch wirklich auf dem Vorsatzpapier aus.
Die Rezensionen vom kleinen Scholz hatten wir gelesen. Knapsens halten die klägliche Rundschau. Ich schicke die Sachen gelegentlich zurück, es eilt wohl nicht? Wie stehts mit dem hoffnungsvollen Verwandten? Da ist doch wohl keine Beziehung vorhanden? - Der Brief von Erdmann ist doch sehr liebenswürdig u. aufrichtig. Er hat wohl von Ihrer stillen Ablehnung nichts gemerkt. - Lustig finde ich es, daß man Ihnen die Ehrenrettung Schöns ans Herz legt, als wenn Sie nun noch all die Zeitgenossen einzeln
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| vornehmen müßten. Na, u.s.w. - ich habe alles mit Interesse gelesen.
Vorige Woche war ich einen Tag in Frankfurt bei Weises. Anna war lieb u. herzlich u. teilnehmend wie immer. Sie ist sehr glücklich, daß es Willy nun doch dauernd besser geht. In die Schule darf er zwar erst zum nächsten Herbst wieder. Aber wenn sie jetzt von der Reise nach Meran zurückkommen, soll er wieder Stunden haben. Er ist groß u. sieht auch ganz wohl aus, nur um die Augen finde ich noch einen Ausdruck von Angegriffenheit. Auch Georg sah ich nach längerer Zeit einmal wieder. Er hat eine so nette Anhänglichkeit für die Tante Käthe, u. wir haben uns viel unterhalten. Er ist jetzt sehr eingenommen für das frühe Mittelalter, hat aber über seine Arbeiten nichts Näheres erzählt. Sehr entrüstet ist er
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| über das zunehmende Frauenstudium, das die Institute überfülle u. die Leistungen herabdrücke. Also auch einer!
Aber es giebt doch auch wohl einzelne tüchtige Frauen im Reiche der Wissenschaft. Und wieviel biedere Philister sind auch unter den Männern. Gegen Ada haben Sie eine ganz persönliche Aversion, geliebter Freund, u. dann z. B. Alice Salomon, Gertrud Bäumer- sind das nicht eigenartige Persönlichkeiten? - Wer die Dame am Bahnhof war? Wir haben nicht von Ihnen gesprochen, also hat sie mir nicht gesagt, daß sie Herrn Dr. Spranger kennt, sondern ich weiß durch Sie, wer Frl. Glinzer in Hamburg ist! Sie gefiel mir in den wenigen Minuten recht gut u. entsprach ganz dem Eindruck Ihres Briefes, sodaß ich bedauerte, nicht mehr von ihr gesehen zu haben.
Augenblicklich war hier große Bach
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|vereinsfeier. Die H-moll-Messe war für mich unmusikalisches Menschenkind großenteils zu schwierig; aber gestern vormittag war ich in einem herrlichen Concert: Sopran-Kantate ("Non sa che sia dolore"), Partita für Violine No 2 in D moll u. das Brandenburgische Concert No 5 - das waren Sachen, die auch dem schwachen Verständnis zugänglich sind. Und das alles in geradezu vollendeter Ausführung. Es ist in dieser Bachschen Musik eine dramatische Ausdrucksfähigkeit, die mich sehr überraschte, u. doch eine abgeklärte Hoheit, die unendlich wohltut. Ich habe dafür doch mehr Sinn als für die moderne chaotische Stimmungsmalerei.

Donnerstag früh - Wieder kein Lebenszeichen! Wenn Sie nur meine Sendung gekriegt haben, dann ist mirs ja recht. Bitte, schreiben Sie doch eine
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| Karte! -
Heut habe ich von 2 - 3 Zeichenstunde bei den kleinen Brausechen. Das freut mich recht, daß sich das wieder eingerichtet hat. - Wie läßt sich Ihre Schule an? Sind unter den "braven Lämmern" einige Ausnahmen? Bitte, lieber Freund, lassen Sie mich wissen, wie Ihre Collegs liegen; ich weiß doch so gern genau Bescheid, wenns auch nur eine Äußerlichkeit ist.
Soviel ich auch über Ihre Religionsdefinition nachdachte, ich wüßte nicht, wie man sie anders fassen könnte, ohne sie weniger umfassend oder gar banal zu machen. Anfangs meinte ich, es sei vielleicht möglich statt der "Concentration" zu reden von einem "Glauben an Werte, die über die Wirklichkeit hinausweisen, aber durch dies Leben erworben werden sollen. Aber das ist alles eine Verengung des
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| Begriffs, die bei Ihnen vermieden ist. Eine objektiv gegebene Offenbarung gehört wohl kaum in den wissenschaftlichen Begriff, da sie doch nie als Objekt, sondern immer nur als Schöpfung der religiösen Persönlichkeit nachweisbar ist. - Aber, das wird Sie wenig interessieren. So wollen wir lieber wie bisher in der bewegten Wirklichkeit gemeinsam weiter ringen um den bleibenden Gehalt des Lebens, treu u. vereint im Heiligsten, Unvergänglichen.
Deine Schwester
Käthe.