Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. November 1910 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Nov. 1910.
Mein lieber Bruder.
Ihr Brief kam gestern als eine ganz unverhoffte Freude. Denn ich wußte ja, wieviel in dieser Woche von Ihnen gefordert wird, u. wenn ich nur durch eine Karte weiß, daß es gut geht, dann warte ich ganz geduldig. Denn Sie sollen nicht schreiben, wenn Sie so müde sind, lieber Freund, das ist eine unnötige Anstrengung, u. es giebt unvermeidliche genug! Trotzdem ist mir freilich Ihr liebes Schreiben eine große Freude; auch so etwas wie ein Sonnenstrahl in dunklen Wintertagen. Denn Sie haben sehr recht damit, wenn Sie mich ermahnen, froh u. frisch zu sein. Es liegt ja nichts vor, was
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| mich zum Gegenteil berechtigte, u. doch fehlt der Seele so leicht [über der Zeile] die Schwungkraft, wenn draußen alles dunkel u. öde ist. Es ist mir sehr, sehr schwer geworden, nun wirklich darauf verzichten zu müssen, bei Hermanns Hochzeit zu sein. Aber es ist sowohl der Anstrengung, als der Kosten wegen eine Unmöglichkeit. Er schrieb mir sehr lieb u. herzlich, es doch einzurichten, aber ich glaube, er wird auch einsehen, daß nur zwingende, äußere Gründe mich fernhalten.
Ach, warum fordert das Leben nur ein so beständiges Verzichten? Liegt es in mir selbst, daß ich nicht die Kraft habe, darüber leichtsinniger mich fortzusetzen - durchzusetzen? Resignation, das ist die still verzehrende Flamme, in der mein Dasein verglüht, u. all mein Streben ist, daß es wenigstens ein klares, freudiges Licht sei. Aber das ist oft so schwer.
Erkälten Sie sich nur nicht bei
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| diesem unangenehm naßkalten Wetter. Es wird jetzt entschieden Zeit für den Wintermantel. Hoffentlich hat der Schneider Ihnen einen Gegenstand zurecht gemacht, der Ihnen bequem u. angenehm ist?
Ich höre in diesem Winter bei Wille Pfälzische Geschichte, Montag u. Donnerstag von 6-7. Wieviel lieber ich bei Ihnen "nassauern" würde, können Sie sich wohl denken. Aber ich freue mich, daß ich auch aus der Ferne daran werde teilnehmen dürfen, u. mich dann im Lesen u. Wiederlesen mehr hinein vertiefen kann, als ichs beim Hören mit meinem ungeschulten Verständnis aufnehmen könnte. - Ich habe Wille auch neulich nach der Sage vom Enderle gefragt u. er nannte mir als Auskunft: einen Aufsatz von Hufschmidt (Zeitschrift für Geschichte d. Oberrheins von vor 8-10 Jahren) "Georg Mackenhäuser, Der Enderle von Ketsch".
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| Er selbst wußte nichts Genaues. - In seinem Kolleg fängt er mit der Geschichte des Landes so ungefähr bei dem alten "Monstier" an, u. erzählte von den blühenden Kulturepochen, die hier schon lange vor der historischen Zeit vorübergezogen sind. Seltsam ist es, daß weit bevor die Alpenpässe Verkehrswege für römischen Einfluß abgaben, schon Kunsterzeugnisse griechischer Abkunft hier eingebürgert waren.
Und was mögen es für Menschen gewesen sein? Verklungen ist alles, was ihr Leben bewegte. Was mag das Bleibende sein, das ihre Arbeit dem Leben der Menschheit hinzufügte?
Immer u. überall suchen wir das "Bleibende", u. doch ist dies sich gleich Bleibende nur zu oft das Erstarrte, Tote. Wir lesen abends jetzt das Buch von Hoensbroech, der von seinen Erfahrungen als Jesuit berichtet. Wie eine fremde Welt steht dieser or
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|thodoxe Katholizismus in unserer bewegten Gegenwart unbeweglich u. umspannt unzähliche Menschen mit eisernem Zwange. Aber in nichts unterscheidet sich das geistige Niveau dieser Religiosität von dem der armen, rohen Hirtenvölker in Tibet, die auch die einzige Erhöhung u. den Trost ihres geplagten Daseins durch eine Priesterkaste zu erwerben suchen, die auf ihre Kosten lebt. Nur daß dort alles noch naiv u. natürlich erscheint, was am Kulturmenschen nur durch künstliche Verkümmerung möglich ist. Wie kann man seine Seelenruhe um den Preis der freien Menschenwürde erkaufen wollen! Was dazu gehört, sich aus diesen vererbten Traditionen frei zu machen, das empfindet man tief bei dieser Lektüre. Denn wieviel Wurzeln der Existenz müssen durchschnitten werden, wo das ganze Leben auf diesem Grunde aufwuchs. Und
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| ich bewundere die Kraft des Mannes, der nach alledem noch ein neues Leben beginnen konnte. Ganz abgesehen vom religiösen Zwange bekämpft er auch sehr eifrig das Märchen von den vorzüglichen Jesuitenschulen; u. was er von dem Lehrplan, den Büchern u. Lehrern mitteilt, ist höchst erstaunlich. Wenn man bedenkt, wie die moderne Schule sich bemüht, statt der bloßen Überlieferung fertigen Wissens bildende Anregung zu persönlicher Arbeit zu geben, dann erstaunt man, wie der tote Drill durch meist ganz dürftig vorgebildete Lehrer in den Jesuitenanstalten so großen Ruf genießen konnte. Ich glaube, es würde Sie auch interessieren, das Buch einmal durchzublättern.
Aber wann? Die Tage sind voll besetzt u. ich freue mich nur immer, wenn auch dazwischen Zeit zu einem Ausflug bleibt. Denn für die Gesundheit
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| müssen Sie nun einmal immer bedacht sein bei Ihren rebellischen Nerven. Denn wie kann man bei Ihren glänzenden Fähigkeiten vor dem Beginn des Collegs aufregungs-krank werden? Lieber Freund, das sind die kleinen Studenten ja garnicht wert! Und Sie könnten Ihrer Sache doch nun wirklich sicher sein. Macht Sie das Bewußtsein solcher bedeutenden Wirksamkeit nicht sehr glücklich? Lassen Sie sich jetzt unbefangen von dem Gefühl des sicheren Gelingens tragen. Nach außen können Sie zunächst beruhigt sein u. das größere Behagen des häuslichen Lebens, das Sie mit der neuen Einrichtung erkämpft haben, ist doch unendlich wertvoll. Wie glücklich macht es mich, aus Ihren Briefen zu fühlen, wie günstig das Ihre Stimmung u. Ihre Stellung zum Vater beeinflußt.
Wie hat es sich denn in Bezug auf
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| die Mehrkosten erwiesen? Kommt das Mädchen auch zum Nähen u. Flicken? Die Vormittage sind doch sehr lang, da Sie erst so spät essen. Sind Sie mit dem Essen dauernd zufrieden? Ob die Rotwein-Zeit nun wieder überwunden ist? Seien Sie doch recht vorsichtig, mein liebster Freund. Es macht mir soviel Sorge.
Wie war der Vortragsabend in der "Hütte"? Amüsant? War die Sache etwa auch wieder im Namen Deutschlands? Ich bin so sehr dagegen, daß Sie sich so über die Maßen ausnützen lassen. Wo eine Notlage vorliegt, ists etwas anderes; aber die bloßen Gefälligkeiten schieben Sie nach Möglichkeit ab. Wollen Sie? - Es ist sehr, sehr gut, daß Sie für den Winter keine Nebenarbeiten übernehmen wollen. Lassen Sie sich ja zu nichts Derartigem bereden. Denn Sie brauchen Ihre volle Kraft zu dem, was Ihnen
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| Hauptsache ist u. Sie wären unbefriedigt, wenn Sie es wieder nur abgehetzt u. überstürzt durchführen müßten.
Die Wahl des Collegs, die Sie als ungünstig empfinden, wäre wohl eine andre gewesen, wenn Sie nicht schon vor der Krankheit darüber bestimmt hätten. Denn sonst wäre es wohl in der Tat natürlich gewesen, wenn Sie das unterbrochne Thema nun zu Ende gebracht hätten. Aber mir schien in der neuen Ankündigung gerade die Absicht zu liegen, daß Sie nicht einseitig auf Pädagogik festgelegt sein wollten u. die Berechtigung u. Kraft dieses Anspruchs auf Allseitigkeit empfand ich freudig. Darum lassen Sie es keinen Druck sein, wenn es sich pekuniär als weniger günstig erweist. Ihre Arbeit ist doch gesegnet u. Ihr Weg geht aufwärts. Es schadet keinem Menschen, wenn er sich einteilen, bewußt
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| sparen muß. Und das ist ja in der Tat notwendig. Aber die Sorge ist ein lähmender Druck, u. die soll u. muß Ihnen fern bleiben. Lassen Sie mich dazwischen stehen u. vertrauen Sie, daß das Schicksal es zu meinem Glück bestimmte, da helfen u. vermitteln zu dürfen, wo die Last der Anforderungen für eines Menschen Kraft zu groß ist. Es ist ja nicht mehr viel, was fehlt.
Leben Sie ungetrübt dem reichen Wirken, das Ihnen geschenkt ist, es ist eine wertvolle, hoffnungsvolle Gegenwart.
Sehr froh bin ich, daß Sie Ihre Schwierigkeiten mit Nieschling nur als eine Krisis ansehen. Denn so sehr ich selbst nur für einen Verkehr bin, der irgendwelche Förderung mit sich bringt, so wenig kann ich das Nietzsche-sche Abbrechen bewährter Beziehungen bei der geringsten Differenz billigen.
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| Das ist kein gesundes Abstoßen leeren Ballastes mehr, sondern krankhaftes Isolieren, das bald jede Berührung als Verletzung empfindet. -
Wollen Sie ihn u. den Registrator von mir grüßen?
Daß ich den Kalender nicht ausdrücklich häßlich nannte, wie Sie es wünschten, tut mir ja aufrichtig leid!! Ich dachte, ich hätte das indirekt angedeutet, schon durch die Nashörner. Die Illustrationen sind halt garnicht nach meinem Geschmack, aber technisch nicht übel.
Ich selbst bin unglaublich faul. Meine Nerven sind auch oft nicht auf der Höhe, sodaß die rechte Energie fehlt. Dabei ist es so dunkel, daß man zum Zeichnen kaum sehen kann. Die Stunden sind meistens die angenehmste Beschäftigung.
Und von den Menschen wollen Sie auch hören? Ich sehe ja im ganzen sehr wenige. Anfangs vermied ich es,
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| um nicht gefragt zu werden. Jetzt fällt das keinem mehr ein u. ich habe nie Veranlassung gehabt, direkt zu lügen, was ich doch eben nicht wollte. Also - warten wirs ab. Ich habe es innerlich überwunden u. abgeschüttelt, u. sollte ja darüber noch geredet werden, so wird es mich weiter nicht berühren.
Haben Sie eigentlich in dem Bleistift auch den Reservegraphit schon verbraucht, der am oberen Ende in der abschraubbaren Kapsel ist? Es waren 6 Stifte. Aber ich schicke gern mehr, sobald Sie's brauchen.
Für heute genug! Seien Sie gesund u. lassen Sie keine dunklen Stimmungen aufkommen. Grüßen Sie Ihren Vater herzlich. Sie selbst läßt Aenne vielmals grüßen.
Wenn Sie froh u. zufrieden sind, dann wirkt das auch zu mir herüber u. hilft mir! In stetem treuem Gedenken
Ihre Schwester.

[li. Rand] Viele innige Grüße!