Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. November 1910 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Nov. 1910.
Liebster Bruder.
Meinen höflichen Dank für die Übersendung des Aufsatzes im Vierteldutzend werden Sie gefunden haben? Das eine Exemplar habe ich noch nicht abliefern können, da ich Herrn Dr. Coss noch nicht wieder sah. Aenne freut sich sehr, die Sache noch für sich gründlicher zu lesen. Mir bleibt der Druckbogen aber doch lieber, der mir zuerst den vollendeten Eindruck der Arbeit u. zugleich so lebhaft das Bild ihres Entstehens gab. Jetzt mit der "Dutzendwidmung" ist er mir so officiell u. fremd. - Aber ich sehe in allen Buchläden mit Freude den stolzen Band ausliegen u. suche mir immer mit großer
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| Genugtuung unter all den Berühmtheiten Ihren Namen. - Ich meine, in dieser "Skizze" sei etwas Verwandtes, nicht inhaltlich, aber in Stimmung, persönlicher Färbung u. programmatischer Bedeutung, mit jenem schönen Humanitätsaufsatz, den ich so liebe. Ich fühle die lebensvolle Spannkraft, möge sie reich u. vollendet sich auswirken.
Wie gern hörte ich von den Taten dieser Woche! Wissen Sie, daß ich noch garnichts über die pädagogischen Übungen weiß? Hoffentlich ersetzen Ihnen die Hörer dabei an Interesse u. Fähigkeit, was sie an Zahl vermissen lassen. Und die Vorlesungen? Nehmen die Hörer noch zu? Quantitativ meine ich, denn geistig ists ja ohne Frage! Ach, lieber Freund, ich habe manchmal eben doch eine recht unvernünftige Sehnsucht nach Nachricht, u. es wird mir sehr schwer, wenn
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| ich das Gefühl habe, daß Sie auch rein garkeine Zeit mehr für mich haben. Und nun ist nicht einmal die geringste Aussicht, das mündlich nachzuholen. Denn, selbst wenn ich nach Greifswald gereist wäre, hätten wir von den wenigen Stunden in Berlin kaum etwas gehabt; u. ein Wiedersehen in Cassel? Ich habe mir im Sommer fest vorgenommen, dazu niemals zuzureden. Sie wissen, was es für mich wäre. Aber Sie sollen es nur tun, wenn es Ihnen selbst den Wert hat, es durchzusetzen. Es darf kein Freundschaftsopfer sein.
Mit meinem Befinden ist es jetzt durchschnittlich besser. Es geht mir so sehr gegen die Ehre, daß ich noch immer nicht dauernd wieder in Harmonie der Stimmung bin, da es doch rein körperlich ist, wenn die Nerven versagen. Diese seltsame Abhängigkeit ist eine Qual. Und
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| es gehört ganz entschieden ein bestimmtes Maß körperlicher Spannkraft dazu, um den Druck der Existenz zu tragen. Ich empfinde es oft wie ein Gefangensein, aus dem ich vergeblich den Ausweg suche. Und ganz von selbst ist dann plötzlich wieder eine Initiative da, die ich mir tags zuvor mit allem Wollen nicht geben konnte. Ein kümmerliches Dasein, nicht wahr? - Aber umso mehr genieße ich jeden Tag, an dem ich mich frei fühle u. glücklich bin ich, wenn Sie mir Gutes von Ihrem Leben u. Ergehen zu berichten haben. Wenn ich doch nur sicher sein könnte, daß Sie sich nicht wieder zu viel zumuten. Sind die Paulsen-Aufsätze erledigt? Wie stehts mit Dilthey?
- Meine paar Stunden erledige ich schlecht u. recht. Die Tage gehen immer sehr rasch dahin, u. ich verschlafe ja auch einen so großen Teil.
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| Wie ists eigentlich mit dem Sanatogen? Bekommt Ihnen das? Ich will doch mal wieder Leriko nehmen. Ich friere so viel. - Es ist aber auch ein schauerliches Wetter. Der Neckar ist so hoch, wie selten u. sieht sehr imponierend aus. Der alten Brücke steht es aber nicht, so tief im Wasser zu stecken. Das schöne Ebenmaß ihrer Bogen ist sehr beeinträchtigt.
Ich schicke Ihnen hier endlich all die "geliehenen" Sachen wieder. Es ist hoffentlich alles? Dann lege ich noch 2 Nummern einer Fachschrift bei, die Sie vielleicht auch interessieren. Der Artikel von Albien gefiel mir sehr, u. ich stimme sehr damit überein. Es scheint mir zwar öfter, als wenn jetzt etwas viel psychologisch experimentiert
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| würde u. die praktische Ausbeute nicht dem Umstand der Untersuchungen entspräche. Denn dieses Einteilen in Typen ist doch etwas sehr schematisch u. man findet [über der Zeile] in Wirklichkeit lauter Übergänge u. Mischungen. Ich sehe darum nicht recht, was für den Unterricht dabei gewonnen wird. Aber es regt zum Nachdenken an u. vor allem mit den Forderungen bin ich sehr einverstanden. Klarheit, Verständnis der Form, Gefühl für organische Entwicklung u. Zusammenhänge, das soll bei weitem mehr Zweck des ersten Zeichenunterrichts sein, u. der künstlerische Effekt bleibt Sache der persönlichen Begabung. Die Lehrer legen eben vielfach allen Wert auf die Wiedergabe eines oberflächlichen Eindrucks. Ich habe mich instinktiv
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| immer bemüht, nur aus dem Verstehen heraus zeichnen zu lassen. - Und dann muß doch auch noch beachtet werden, daß bei kleinen Kindern die visuelle Begabung ganz seltene Ausnahme ist, daß sie vielmehr [über der Zeile] durchweg schematisch konstruieren. Das Aufnehmen objektiver Einzeleindrücke muß also wohl irgendwann einmal plötzlich beginnen. - Jedenfalls ist ja die visuelle Begabung die spezifisch künstlerische, das Konstruieren intellektuell, u. Gedächtnis u. Phantasie geben dazu die interessanten Mischungen. - Hansel Bassermann in Schwetzingen war ausschließlich visuell beanlagt. Ich konnte sie mit aller Mühe nicht zu einem gewissenhaften Studieren bringen. Ob es mir etwas geholfen hätte, wenn ich
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| diese Tatsache damals in so klarer Formulierung erkannt hätte? Ich glaube eigentlich nicht. Aber vielleicht vertraue ich garzu sehr auf die Eingebung des Moments, ohne feste Theorie. Also will ich versuchen, mich darin fördern zu lassen. -
Schreiben Sie mir recht bald - wollen Sie? Grüßen Sie Ihren Vater herzlich. Hoffentlich ist er gesund.
Ihnen selbst viel treue Grüße! Und nun - lebewohl!
Deine
Schwester.