Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. November 1910 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 22. Nov. 1910.
Mein lieber Bruder.
Jetzt habe ich schon zwei liebe Briefe von Ihnen u. immer komme ich nicht zum Schreiben. Ich bin ja nicht etwa so mit Arbeit überlastet, wenn ich auch stets zu tun habe, sondern eigentlich bin ich [über der Zeile] nur herzlich faul. Das kommt mit von einem argen Catarrh, den ich mir wieder zugelegt habe u. der durch einen gründlich nassen Schneespaziergang am Sonntag nicht gerade besser wurde. Wir haben nämlich erst seit ganz kurzem Schneefall gehabt, u. liegen blieb er nur von der Molkenkur aufwärts. Da fuhren wir Sonntag mit Frau Fürbringer auf den Königsstuhl in die herrlichste Winterpracht hinein. Heute hat ein warmer Regen all den Zauber schon wieder abgewischt u. wir haben den üblichen Heidel
[2]
|berger "Suddel". Da wird der Neckar wieder mächtig anwachsen. - In Bezug auf die trübsinnig düsteren Novembertage haben wirs hier um nichts besser, u. für meine kunstfertigen Beschäftigungen ist das sehr vom Übel. Ich soll ein kleines Aquarell für eine Dame in Kaiserslautern kopieren u. warte dazu sehr auf Licht. Schrieb ich schon, daß ich jetzt auch Freitags wieder 3 kleine Schüler habe? So sind es doch im ganzen wieder 6! Nach Weihnachten will auch Luise Seitz, die ich so gern habe, bei mir zeichnen. So kommt doch immer mal wieder was zum Trost.
Getröstet bin ich übrigens jetzt, seit mein Entschluß, nicht nach Greifswald zu reisen, definitiv geblieben ist. Walters Nachricht beruht auf irgendeinem Mißverständnis. Ich hatte an Tante Thes geschrieben, daß ich im Sommer dann Hermann u. Hete besuchen wolle, u. dabei dann auch nach Rostock u. die verschiedenen
[3]
| thüringischen Stationen: Halle, Jena, Gotha etc. Abstecher machen. Gerade die arge Erkältung jetzt zeigt mir, wie wenig ich zu solcher Winterreise in gänzlich unbekannte Verhältnisse geeignet bin. Ich habe mich zu dem Verzicht sehr schwer entschlossen, denn dies übertriebene "Vernünftigsein", wo es meinem Wunsch u. Gefühl so absolut entgegen ist, liegt mir garnicht u. es ist viel leichter, wenn in solchem Falle ein äußerer Zwang widerspruchslos entscheidet. Der freie eigene Entschluß scheint da leicht etwas von Willkür an sich zu haben, u. man erwartet, daß nicht Vernunft, sondern Gefühl den Ausschlag giebt!
Wollen Sie mir nicht einmal [über der Zeile] ehrlich sagen, was Sie in meinem Fall für richtig halten zu tun? - (so als wenn der Weg nicht über Berlin ginge, wovon wir überhaupt kaum etwas haben würden!)
[4]
|
Daß Walter diesmal mit Glück durchs Examen kam, hat mich riesig gefreut. Durch Sie hörte ich es zuerst, u. gleich darauf kam auch ein Brief von Ihrer speziellen Freundin, der es gleichfalls meldete. Ob er nun wieder in Cassel ist? Er hatte dort - wunderlicher Mensch - nicht mal seine Adresse genannt. - Heut in vier Wochen bin ich also voraussichtlich auch schon bei der Tante Thes. Ich hörte zuletzt vor 14 Tagen von ihr, da gings ihr leidlich. Ich freue mich sehr, sie wieder zu sehen. -
Daß Sie mich "schimpfen" wegen der Widmungssache, suche ich mit Würde zu tragen. Der Mensch ist halt manchmal wunderlich! Warum sollte ichs nicht eingestehen? Ich weiß, wir haben immer Nachsicht miteinander, weil wir uns verstehen. - Heute müssen Sie doppelt Nachsicht üben an diesem
[5]
| Brief, denn ich bin recht müde. Aber ich habe soviel über Ihre lieben Briefe nachgedacht, u. ich habe solche Sehnsucht, mit Ihnen zu plaudern, daß ich trotzdem schreiben möchte.
Ihre Angaben über die Kosten des Haushalts beschäftigen mich sehr u. ich habe mit Aenne berechnet, ob das wohl zu viel sein mag. Wir finden nun nach genauer Beratung, daß es nicht zu viel Haushaltsgeld ist, wenn Sie dafür wirklich gut u. nahrhaft beköstigt sind. Knapsens brauchen als Minimum 120 M, ohne Eier, Kaffee, Wäsche, Gas, Heizung, was noch etwa 32 M macht. - Als Vorschläge zum Sparen wären etwa zu raten: 1x in der Woche Fisch zu essen, (2½ Pfund) mit einer dicken Suppe vorher. Dann 1x gekochtes Fleisch u. Mehlspeise (Reis, Pudding etc.). Ferner benutzen K. jetzt (u. Tanting tut es auch) Palmona, statt Butter
[6]
| zum Kochen. D. h. man nimmt es dazu, um nur ausnahmsweise noch reine Butter zu verwenden. Es ist ganz rein schmeckend u. geruchlos. - Ferner wäre es gut, wenn man die sogenannte "kleinere" Wäsche im Haus machen könnte; etwa alle 14 Tage: Taschentücher, Küchenwäsche, Mädchenwäsche, Unterwäsche, Strümpfe, Handtücher, Servietten. So hält man es allenthalben. - Sie rechnen darauf, in einer andern Gegend billigere Preise der Nahrungsmittel zu finden. In Vororten wäre das vermutlich nicht der Fall. Wenigstens haben wir das in Pankow erfahren, daß die geringere Concurrenz alles teuer u. schlecht lieferte. Da käme höchstens eine andre Gegend von Berlin in Betracht. Und wo sollte das sein? Ich bin ganz ratlos, wenn ich daran denke. Für den Umzug an sich bleibt sich die Entfernung ja gleich u. wenns im Nachbarhaus wäre, das fährt halt im Möbelwagen.
[7]
| Aber die Beziehungen u. Gewohnheiten! - Sparen an der Ernährung ist nicht vernünftig. Aber es giebt etwas, u. das sind die Luxusausgaben. Wir berechneten einmal im Sommer, daß Ihr Vater täglich ungefähr 1,30 M für sich verbraucht, nebenher. Lieber Freund, seien Sie nicht böse; aber wollen Sie nicht versuchen, ihm gut zuzureden, daß er suchte, mit 30 M im Monat auszukommen? Das ist doch schon viel Geld. - Weisen Sie diesen Gedanken nicht gleich von der Hand. Er ist nicht ungerecht, denn Sie richten sich doch selbst mit weniger ein. - Ach, was gäbe ich darum, wenn es nicht nötig wäre! In unsrer Zeitung stand neulich, das große Los sei nach Charlottenburg auf lauter Achtellose gefallen. Ich war ganz unruhig bei dem Gedanken, daß es Ihrem Vater nun doch vielleicht noch damit geglückt sei! Allen Prinzipien zum Trotz hätte ich mich
[8]
| schrecklich gefreut, wenn Sie damit über all diese kleinlichen Schwierigkeiten fortgewesen wären. Aber Sie schreiben nichts, also -. Und jetzt ist doch die Lotterie hoffentlich wirklich aufgegeben? - Aber, mein geliebter Bruder, Sorgen müssen Sie darum doch nicht einlassen! Sie wissen wir haben noch Reservemittel; u. wenn es noch so verzweifelt schien, es hat noch immer eine Hülfe gegeben! Sie tun, was möglich ist, u. tun es doppelt, wenn Sie dabei nicht die nötige Schonung für Ihre Kräfte vergessen - das übrige ist Sache des Schicksals. Und das Schicksal hat es doch so verschwenderisch gut mit Ihnen gemeint, das kann nicht wollen, daß soviel lebensfrohe, heilige Kräfte sich an der materiellen Sorge sich aufreiben. Also - Vertrauen! Macht nicht der Glaube unüberwindlich? Und wir wollen doch beweisen, daß auch wir "Glauben" haben, wenn
[9]
| auch die Schwärzlichen unsern Standpunkt zu "negativ" finden. Für die ist freilich Ihre Religionsphilosophie nichts. Ich freue mich so, daß dieser Unverstand Ihnen die reine Freude des Ausarbeitens u. Gestaltens nicht nehmen kann. Und es wird mehr wirken, als Sie wahrnehmen können. Sie hätten anfangs an der Schule mehr Freude gehabt, [über der Zeile] wie als Universitätslehrer? Es ist freilich eine unmittelbarere Wirkung, dann waren es erste Erfahrungen persönlicher Machtentfaltung - aber trotzdem! Sie müssen ja auch hier den Einfluß spüren, den Sie üben, denn es ist kein toter Buchstabe, sondern zündendes Leben, was Sie den Menschen geben. Ich weiß es doch, mein lieber, jugendlicher Schwärmer! - Den Zeichenaufsatz können Sie behalten, so lange Sie ihn brauchen. Ob sich der kleine Feuerbach als Thema eignet, weiß ich nicht recht. Er hat
[10]
| eigentlich wenig "Inhalt" u. die klassische Ruhe u. Schönheit geht wohl über das kindliche Verständnis. Sie kennen die Klasse ja, ob sie etwas daraus machen kann? Ich glaube, Sie werden es wecken können, wenns auch von selbst nicht da ist.
Wenn die Zahl der Hörer auch diesmal nicht so groß ist, so haben Sie doch tatsächlich keine Ursache, ihr gänzliches Ausbleiben zu fürchten. Aber denken Sie, daß Arnold Ruge nicht zum Lesen gekommen ist aus Mangel an Hörern. Was soll da nun werden, wenn das wieder vorkommt? Er tut mir recht leid, denn er giebt sich ganz gewiß ernstlich Mühe, etwas zu leisten. - Dr. Coss war am Sonntag hier u. wir werden nächsten Samtag zusammen spazierengehen, respektive bei mir Kaffee trinken. Er sprach auch mit Interesse von Arnold Ruge. - Ich gab ihm Ihren Aufsatz u. er läßt vielmals danken, u.
[11]
| Ihnen sagen, er habe an - Prof. Dewy? - geschrieben. Aenne kam - (wie gewöhnlich), während er hier war, u. es war sehr nett u. gemütlich mit ihm. Von Troeltsch ist er ganz entzückt u. hört alles, was er liest.
Daß Sie alle Nebenarbeiten ablehnen u. ganz besonders die unrentablen, freut mich sehr. Bleiben Sie ja so vernünftig, mein lieber Freund. Aber wissen Sie, daß Sie mir schrieben, auch einen Salamander würden Sie nur wieder kommandieren, wenn Reklame drinliegt?! Das hat mich sehr amüsiert. - R. u. R. aber sind Leimsieder, u. ich würde mit denen keine Geschäfte mehr machen. Man sieht die Humboldts hier nie ausliegen, aber die F. Schl. St. u. die Weltanschauung überall. Das muß doch auch am Verlag liegen.

[12]
|
23. Nov. Gestern wäre ich dann doch beinah über dem Schreiben eingeschlafen. Heut habe ich nun wieder ein paar gemütliche Abendstunden für mich. Großmutter Knaps ist im Colleg bei einem jungen Dozenten: Ranke, über Alt-Ägypten. Wir lasen von den Dichtungen jener Zeit im 2. Jahrtausend v. Chr., zum Teil höchst poetisch u. eigenartig. Ein Hymnus an die Sonne vom König Echnaton (1300) gemahnt an das alte Testament, oder mehr noch an Goethes Aphorismen über die Natur in seiner religiösen Glut u. begeisterten Sprache. - Ich bedaure eigentlich, daß ich nicht lieber dies Colleg besuche statt das von Wille. Ich habe nicht den Eindruck, als ob er die Gabe hätte, einem ein klares Bild der Entwicklung u. Zusammenhänge zu geben. Er springt beständig ab, häuft Einzelheiten u. deutet an, ohne daß ich viel davon verstehe. Wir wollen aber versuchen, den
[13]
| Häusser nebenher zu lesen u. hoffen dadurch, mehr Stützen zu haben. Ich kann eine solche Beschäftigung mit der Geschichte sehr gebrauchen bei meiner großen Unkenntnis. - Bei Wille stört es auch, daß er kein Redner ist, sondern immer auf seinen Blättern herumkriecht, um abzulesen. Es ist doch eine große Unterstützung der Wirkung, wenn jemand frei sprechen kann. Gewiß ist es nicht die Hauptsache für den Dozenten, "Redner" zu sein. Aber wer, wie Sie, die Gabe der Rede besitzt u. sie nur bewußt zu schulen u. auszubilden braucht, der hat darin einen hohen Vorteil. Wie anders zwingt das unmittelbare Gestalten der freien Rede zum Mitdenken, wie viel leichter gleitet das abgelesene Wort unpersönlich an uns vorüber. - Ach, warum kann ich nicht mal wieder hören, wenn Sie "reden"!
Sehr lebhaft empfand ich neulich auch den Vorzug des frei gesprochenen Wortes
[14]
| vor dem Ablesen bei einem Vortrag im dramatischen Verein: Die Frau eines hiesigen Dozenten, frühere Schauspielerin, Klara Schmid-Romberg rezitierte den "armen Heinrich". Es war eine Übertragung, die sie sprach, aber in einer so fesselnden Weise, als ob sie es nur eben erfände. Es war ein großer Genuß. Wie seltsam ist diese Dichtung, voll feinen zarten Gefühls, ernster, kraftvoller Gesinnung - u. [über der Zeile] mit krassem Realismus gemischt. - In Erinnerung an eine schöne melodramatische Aufführung des Hexenlieder von Schillings besuchten wir das Concert, das wieder von seinen Sachen bot. Aber es war ein Reinfall. Wie weit beim Eleusischen Fest die Darstellung an der geringen Wirkung Schuld war, will ich nicht entscheiden. Auch die "Vertonung" vom Prolog des "Oedipus" war ganz ansprechend. Aber ein Violinconcert mit Orchester, das schier unmenschliche Ansprüche an den Spieler stellen soll, war eine Zumutung an den Hörer, die über
[15]
| meine Fähigkeit geht. Ich habe das Gefühl, daß der Mann seine wenigen musikalischen Gedanken in endloser Wiederholung einfach zu Tode hetzt. Es sind einzelne Schönheiten da, aber Dreiviertel der Geschichte sollte man streichen. Wie vermisse ich in solchen Fällen Ihr sachverständiges Urteil!
Und was halten Sie von Tolstois Ende? Mir tut es leid, es ist ein Mißton an dem Bilde, das seine Persönlichkeit hinterläßt.
Haben Sie mit Walter auch über Beuren geredet? Ich möchte S. M raten, einmal den Hoensbroech zu lesen, um zu erfahren, was er bei der Spekulation auf kirchliche Stütze des Thrones bei den Ultramontanen zu hoffen hat. Und selbst, wenn die Dinge anders lägen, wäre es doch immer unklug, diese Absicht bei der Unterstützung der Kirchen so naiv auszusprechen. Ist das Politik?
Von Tanting hatte ich heut einen Brief. Es geht ihr gut, sie ist sogar ganz
[16]
| vergnügungssüchtig, war in Theater u. Vorträgen u. hatte allerlei Besuch. Sie schreibt sehr amüsant, es sei allen ein Stein vom Herzen gefallen bei der Nachricht von Walters glücklich bestandenem Examen, aber seiner Mutter ein Felsblock.
Nun aber endlich genug! Ich könnte ja egal so weiter schwätzen, bis Ihnen ganz drehend wäre. Das wollen wir lieber nicht. Wie geht es übrigens mit dem Befinden? Ich möchte gern mal wieder ein gewissenhaftes Bulletin. Sind Sie auch frei von Erkältung? Hüten Sie sich recht davor u. lassen Sie diese Spezialität mir. - Abgesehen davon geht es mir jetzt nämlich ganz gut, u. ich denke manchmal, ob es nicht doch Feigheit war, daß ich mich vor der großen Reise so graulte?
Nun leben Sie wohl, mein lieber, lieber Bruder. Ich wünsche Ihnen viel frohe, erfolgreiche Stunden u. uns Beiden Ruhe u. Freudigkeit des Herzens, um das Leben zu tragen.
Wie immer
Deine Schwester.

[Kopf,S.16] Aenne grüßt, ebenso ich Ihren Vater.[li. Rand] Was meinen Sie, wenn ich Hermann zur Hochzeit auch solch kleinen [re. Rand,S.14] Brange-Adorante schenkte, zur Erinnerung an Schönhausen?
Baldige Antwort auf die
[Fuß] die Hochzeit betreffenden Fragen erwünscht.