Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./28. November 1910 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Nov. 1910.
Lieber Freund.
Sie werden meinen dummen, eiligen Wisch morgen früh erhalten, u. schon sitze ich wieder am Schreibtisch mit den Gedanken in Berlin. Soeben hat mich Dr. Coss verlassen, der in der Voraussicht, daß man doch nicht spazieren gehen könne, eine Anzahl Photographien von seiner Sommerreise mitgebracht hatte u. mit viel Begeisterung, Wissen u. Verständnis über Kunst sprach. Er ist ein sehr sympathischer Mensch u. ich freue mich sehr, daß Sie ihn mir schickten.
In der Hochzeitsfrage bin ich ja nun eigentlich so klug als wie zuvor. Ich hätte so gern von Ihnen gehört, daß Sie es nicht "roh, kalt u. gefühllos" von mir finden, wenn ich fort bleibe, sondern es unter den obwaltenden Verhält
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|nissen begreiflich finden. Mit Hermann hatte ich bereits hin u. her verhandelt. Er hat mir versichert, daß er Wert darauf legt, wenn ich komme, aber zuletzt, da ihm auch Mutti u.s.w. erklärten, es sei verständiger für mich nicht zu reisen, geschrieben: "Schade, aber scheinbar unabänderlich." - Und gerade das, daß scheinbar eine Abänderung immer noch in meinen Willen gestellt ist, läßt mich nicht definitiv zur Ruhe kommen. Denn wenn ich mir lebhaft vorstelle, wie schwer es mir sein wird, wenn es erst unabänderliche Wirklichkeit ist, dann überkommt es mich immer wieder, wie eine nicht nachzuholende Versäumnis. - Warum sind die Schwierigkeiten auch so extra gehäuft? Es ist einfach alles dagegen, außer dem persönlichen Wunsch. Denken Sie allein an die Bahnfahrt: am 18. Dez. 12 Stunden, am 19. 4 ½ Std. 20. u. 21. in Greifswald. 22. nach Berlin. 23. nach Cassel - nein, ich glaube wirklich, es ginge nicht!
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Doch nun einmal genug davon, es ist ja zu langweilig für Sie! Aber Sie begreifen, daß ich etwas, was mich so beschäftigt, immer wieder auch vor Ihnen auskrame. Sie sollten meinem mühsam behaupteten Verzicht eigentlich den Stempel der Sanctionierung aufdrücken. An der Art, wie Sie sich darum drücken, sehe ich, daß Sie im Grunde empfinden wie ich u. daß alles dafür spricht - außer den wirklich enormen äußeren Schwierigkeiten, die Sie ja nicht einmal bis ins Einzelne kennen.
Schreibe ich so miserabel, daß mans nicht mal lesen kann? Und was ists mit der Vorstellung bei Wille? Ich habe doch Vorlesung geschrieben - habe ich nicht?
Die schöne Schneekarte aus Ilmenau steht vor mir. Dort gingen wir einmal zusammen, ich erinnere mich gut der Buche. Jetzt liegt alles im Winterschlaf, kalt u. fern. - Aber nein, in mir ists gegenwärtig so wie es damals war - für immer.
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Es ist gut, lieber Freund, daß Tantings Wohlbefinden nicht daran hängt, ob Sie es persönlich kontrollieren. Denn Sie knüpfen wohlweislich diese Möglichkeit an eine unmögliche Bedingung. Aber nicht wahr, Ferien machen Sie doch, damit Sie frisch bleiben?
Es tut mir so leid, daß der Verkehr mit Leutnant Nieschling eben so garnicht ersprießlich ist. Aber ich hoffe nicht, daß Sie ernstlich vor der Wahl stehen: er oder der Registrator. Denn da schiene mir doch N. der wertvollere Mensch. - Der andre ist Ihnen bequem, u. ich habe das Gefühl, daß solch ausruhender Umgang auch zu Zeiten sehr angebracht ist. Sonst spricht bei mir für den kleinen Juden allerdings auch nur seine Treue u. Gutmütigkeit, u. ich würde gerade ihn eher unter die - "Droschken II. Klasse" rechnen. Aber Sie wissen, ich kenne ihn ja nur wenig u. bin darum vielleicht nicht gerecht. Jedenfalls ist es doch höchst wertvoll,
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| daß er so immer zu Ausflügen bereit ist.
Es beschäftigt mich, daß Sie daran denken, die Religionsphilosophie drucken zu lassen, aber eigentlich nur als notwendige Erwerbsquelle. Das sollten Sie nicht, liebster Bruder, wenn Sie denken, daß das Buch noch an Durcharbeitung gewinnen kann. Ich biete Ihnen Vorschuß auf diesen Druck u. bitte Sie, nur das Interesse der Arbeit entscheiden zu lassen. Glauben Sie, daß sie in dieser Grundgestalt zu einer höheren Vollendung herauswachsen kann, so warten Sie ja. Etwas anderes wäre es, wenn sie mehr die Bedeutung einer Epoche hätte u. darum besser frisch, unmittelbar, im ersten Guß veröffentlicht würde. Ich bin überzeugt, daß Sie sich darin völlig auf Ihr Urteil
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| verlassen können. Und dieses Urteil lassen Sie maßgebend sein, nicht irgendeinen augenblicklichen, äußeren Nutzen. Wollen Sie mir das versprechen?
Sie können sich garnicht vorstellen, wie glücklich u. ruhig es mich macht, wenn ich so gute, zufriedene Nachrichten von Ihnen bekomme. Sorgen Sie ja, daß es so bleibt. Ganz extra freut mich die Ruhepause nach Tisch.
Sehr, sehr herzlich danke ich Ihnen für die Absicht, mir die Sachen von Ihrer lieben Mutter zu schicken. Eigentlich bin ich aber im Augenblick mit dem Nötigen versorgt. Ist es Ihnen sehr lästig, die Sachen noch etwas aufzuheben? Ich komme doch vor dem nächsten Winter jedenfalls mal nach Berlin u. da könnten wir sehen, ob ich hineinpasse. Es wäre mir ein sehr lieber Gedanke. Wollen Sie es aber lieber schicken, so tun Sie es.
Wie können Sie meine paar lumpigen Stunden mit Ihrer Arbeit vergleichen wollen! Es sind auch übrigens
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| nur 3, da einmal 2, einmal 4, einmal 1 Kind vorhanden ist. - Ich bin mit dem Betrieb nicht immer zufrieden. Manchmal will es garnicht vorwärts gehen.
An der Böhmschen Schule bin ich nicht, weil mein einflußreicher Freund nichts für meine Anstellung dort getan hat! Ach - übrigens: wie leid wird es Kl. Runge jetzt tun, daß sie s. Z. Ihre Vermittlung für eine Berufsausbildung nicht genutzt hat. Geben die Verhältnisse, abgesehen von der Krankheit der Mutter, auch zu Sorgen Anlaß?

28. Nov. Eben kommt Ihr Brief, mein Freund, der mich tief bewegt. Ach, sehen Sie, das war es immer, was auch damals in Dresden mich wohl warm u. sehnsüchtig mitfühlen ließ, u. was doch meinem bewußten Erleben nicht wahr erscheinen konnte: Der Geist der Welt ist nicht nur Güte, weise Fürsorge. Ein dumpfes Tragen des ehernen Geschicks war das Einzige, was mir möglich war, bis allmälich die
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| gebeugte Kraft der Seele die Kraft [über der Zeile] Fähigkeit zu überwinden wiederfand. Der einzige religiöse Trost, den ich damals als solchen empfand, war der Spruch, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. - Weist uns das nicht auch nur auf uns selbst zurück? Nicht unser Bestes ist es, was uns von außen kommt, aber die göttliche Kraft in uns kann es dazu gestalten. Und ist das nicht eine Macht, die über alle Realität hinausgeht? Lieber, lieber Freund, können wir zweifeln an der Göttlichkeit des Lebens - wir Beide? Ich kann es nicht mehr. - Und ist es nicht mehr als menschlich, was sich uns in den höchsten Erfahrungen auftut, dichten wir nur, wenn wir hier von einer höheren Macht sprechen? In der Liebe geht das Selbst unter, zu einem höheren Leben befreit. - Aber wohl führt es irre, wenn wir diese Macht draußen in den Ereignissen als eine lenkende Vatergüte suchen. Nur in uns selbst kann sie sich auftun, u. in der selbstvergessnen
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| Sorge für die kleinen Geschwister wird Klara Runge den nächsten Trost finden. Aber noch ist das Leid wohl zu neu u. betäubend.
Woher haben wir in allem Leid u. Kampf die lebensbejahende Kraft? Warum habe ich in der Welt nichts Seligeres erlebt, als das, wie in Ihren lieben Augen leise u. allmählich wieder ein froher, starker Lebenswille aufleuchtete? Es ist das Leben unser einziger Weg zur Ewigkeit u. wenn wir ihn versäumen, verfehlen, bleibt nur das Nichts. Nur was dies Dasein umfaßt, im Tiefsten ergriffen hat, ist sein bleibender Gehalt. Keine endlose Fortdauer könnte gewähren, was dieses Leben nicht entfaltet hat! Ewigkeit ist keine Zeit, es ist ein Wert! Und daß diese Werte alle im Leben liegen, die die Religionen in Symbolen u. Bildern herausgestellt, das glaube ich. - Aber wir wollen die Wahrheit selbst u. nicht die Bilder.
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| Sie soll aus dem ganzen Leben hervorbrechen mit überirdischer Klarheit. Wir wollen keine Täuschungen u. tröstlichen Illusionen u. doch möchten wir trösten können. - Warum haben die Menschen Vertrauen zu Ihnen? Weil Ihr Trost keine Worte sind, sondern echte, persönlichste Lebenserfahrung. Was Sie sind, das sind Sie in mühevollem, ernstem Kampfe geworden u. doch haben Sie nur entwickelt. Der Kern ist göttlich, den fühlen die Menschen u. darum vertrauen sie Ihnen. Und darum suchen Sie nicht, geliebter Freund, leben Sie. Vertrauen Sie sich selbst, wie ich Ihnen vertraue. Unser Glaube, der die Feuerprobe von Zweifel, Qual u. Verzweiflung überdauert hat, ist vielleicht nicht mehr in die alten Formeln zu fassen, aber er ist da als unüberwindliche Kraft. Er überwindet auch das äußere Leben. Ach - wenn ich Sie doch sprechen könnte! Wie soll ich das
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| alles schreiben, was ich gerade über diese Schwierigkeiten Ihres täglichen Daseins auf dem Herzen habe! Können Sie denn nicht nach Cassel kommen?
Ich meine, es müßte all den Konflikten gegenüber, die aus Vergangenheit u. Zukunft herüber quälend u. verdunkelnd Ihre Gegenwart umstricken, sich ein Standpunkt finden lassen, der Sie innerlich frei sein läßt.
Es ist doch seltsam, daß Sie jetzt, wo Mitleid u. der Wunsch zu helfen, Sie mit Verantwortung für die verwaisten Kinder erfüllt, gerade an die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Versetzung von Berlin denken? Was Sie für die Kinder tun können, ist doch wohl kein eigentlich persönliches Eingreifen auf die Dauer. Und zunächst sind Sie ja da? Warum also diese Sorge, die vielleicht nie notwendig wird?
Quälen Sie sich doch nicht auch noch unnötig, mein lieber Bruder; es ist
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| doch etwas so Schönes, wie Ihnen diese Frau vertraut. Kann das nicht Ihrem Herzen wohltun? Und was Sie in ihrem Namen den Kindern sind, das wird nicht vergeblich sein. Also - wollen wir uns nicht an die positive Seite halten u. das Licht sehen u. grüßen? Weihnachten kommt u. auch für Dich, mein liebster Bruder.
Es ist das alles so garnicht, was ich Ihnen sagen möchte. Legen Sie nicht in selbstquälerischem Verantwortungsgefühl diese neue Aufgabe als Last zu so vielem, was Sie bedrückt. Lassen Sie es ein Stück Leben sein, das Ihnen zu segensvoller Wirksamkeit geschenkt ist. Denn was Sie geben, kommt immer aus einer Höhe, die nie die Fühlung mit dem rein Menschlichen verloren hat u. doch darüber hinaus hebt. Fühlen Sie denn nicht, daß Sie Macht haben zu helfen? Warum grübeln, ob es das Rechte ist? Sein Sie Ihrer wundervollen Kräfte froh, u. verlangen Sie nicht nach abgegriffnen Formeln, wo Sie volles, echtes Leben zu geben haben. <li. Rand> In Kampf u. Suchen, in Glauben u. Hoffen treu bei Dir Deine Schwester.