Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Dezember 1910 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 2. Dez. 1910.
Lieber Freund.
Ich glaube zwar nicht, daß Sie diesmal auf Nachricht warten, aber Sie denken doch vielleicht: "es ist ordentlich von ihr, daß sie dennoch schreibt!" Und ich habe gern, wenn Sie zufrieden sind, mein Verwöhnter.
Könnte ich nur etwas beisteuern dazu, daß der Grundton Ihrer Stimmung durchschnittlich ein etwas freudigerer wäre. Es quält mich, daß man zu allem, was ohnehin in Ihrem Leben an Schwierigkeiten liegt, nun auch wieder fremde Sorge gewälzt hat. Sie empfinden jede Verantwortung so tief u. gerade Ihr warmes Mitgefühl ist es, was diese beklagenswerte Mutter veranlaßt haben mag, sich um Hülfe gerade an Sie zu wenden. Und
[2]
| niemand bedenkt, wie viel ohnehin schon von Ihnen gefordert wird. Ich möchte Sie herzlich bitten, im eignen Interesse die innere Verpflichtung für diese armen Kinder nicht zu überspannen. Es ist ja ein Glück, daß die Kinder bei freundlichen Verwandten unterkommen können u. nicht auch noch getrennt zu werden brauchen, da sie so plötzlich elternlos wurden. Schrecklich hart finde ich es für die Mutter, so das Unabänderliche mit Gewißheit vorauszusehen, da sie doch noch so nötig für die Ihren wäre. Und die Mittel sind auch so gering! Denn was will das Kapital heißen zur Erziehung von - eigentlich noch 3 Kindern. Denn vermutlich wird die Älteste doch wohl irgend etwas erlernen müssen? Wie leid tut mir das arme Mädchen, das sicherlich noch mit großen Illusionen vor dem Leben stand, u. nun so Schweres durchmachen muß. Die kleineren Geschwister werden
[3]
| die ganze Härte des Schicksals gewiß noch nicht so klar empfinden. Ich glaube freilich nach dem letzten Brief, den Sie mich von ihr lesen ließen, daß ich sie früher zu hoch eingeschätzt hatte. Denn da war ein Ton von Unfeinheit, der mich sehr störte. - Aber wenn ich davon absehe - was ja doch im Grunde nur ein unberechtigter Anspruch meiner Phantasie war - so muß ich immer wieder daran denken, wie hier eine junge, noch weiche Seele vom Schicksal tief verwundet ist u. ob sie die Kraft haben wird, es zu tragen. Indem Sie diese Kraft zu wecken suchen, werden Sie helfen. Ist das religiös? Ich meine doch, aller Glaube an eine unzerstörbare Lebenskraft, an eine Welt, unabhängig von der Realität - oder vielmehr über ihr ist Religion. - Sie werden freilich nicht mehr in der Form kirchlicher Sprache zu trösten vermögen,
[4]
| aber je mehr Sie die eigene Überzeugung in diese Form zu kleiden vermögen, umso besser werden Sie hier wohl verstanden werden. Es ist für uns ein leeres Wort, daß Gottes Vatergüte auch das Schwere zu unserm Besten sendet, u. doch wissen u. fühlen wir, wie der Schmerz verborgene Kräfte auslöst u. wie wir mit dem Überwinden wachsen. Ist es notwendig, dieses Walten in der Wirklichkeit einer göttlichen Persönlichkeit zuzuschreiben, die die Geschicke lenkt, ist dieses göttliche Wirken nicht vielmehr in uns u. mit uns gegeben? Aber wenn wir dieses Wirkende nennen wollen, sagen wir Gott u. wenn wir es vorstellen, so personifizieren wir es als Idee.
Ich las neulich von einer wissenschaftlichen Theorie, die die Zeit als vierte Dimension des Raumes auffaßt.
[5]
| In einer ähnlichen Verknüpfung unsrer Vorstellungen zur Einheit kann ich mir Gott denken, nicht als ein Getrenntes, für sich Bestehendes, sondern als das rein Geistige, das in allem Sichtbaren verborgen wirkt, das Zeit u. Raum erfüllt u. doch nicht darin aufgeht. Es ist da, allenthalben; aber nur, wo es sich selbst erkennt, reden wir von einer Offenbarung. Aber immer liegt in der Gestaltung der Erkenntnis zur Vorstellung zugleich eine Beschränkung, u. darum kann kein Gottesbegriff seine Offenbarung in unserm Leben umfassend aussprechen. - Wenn wir am Begriff u. der überlieferten Vorstellung haften u. doch einen klaren Wirklichkeitssinn haben, so wird unsre Erfahrung uns in tiefe Konflikte bringen. Darum können wir nur aus dem eignen Leben Gewißheit erringen, umso reiner u. sicherer, je weniger wir nach vorgefaßten u. ererbten Vorstellungen suchen. Daß der Kampf um diese Wahrheit Ihnen gelinge, daran glaube ich. Warum klagen Sie um verlorene Illusionen? Sie können in die Dumpfheit kindlicher Vorstellung nicht zurück, aber es ist Irrtum, die Ungestörtheit derselben für Reinheit zu nehmen, die nun verloren sei. Nur was sich auch im Kanpfe bewährt hat, ist echt, u. es kann nicht verloren gehen, was ewigen Wert hat. - Das sind auch alles so "unfertige" Gedanken, wie Ihr lieber Brief sie in mir anregte. Ich kann heut nicht mehr schreiben, weil es schon spät ist u. ich morgen nach Mannheim muß. Was gäbe ich drum, könnten wir einmal wieder reden statt zu schreiben! Aber deshalb nach Greifswald zu fahren, kann ich mich nicht entscheiden. Denn ich weiß, daß ein gehetztes Zusammensein bei meiner eiligen Durchreise mehr Quälerei als Gewinn sein würde. So konnte dieses Moment eher gegen als für meine Reise sprechen. Und auch sonst lagen die Verhältnisse nun einmal so, daß ich trotz langem Schwanken u. Bedenken nun doch bei dem Verzicht geblieben bin. Den Brief von Lindau usw. - das nächstemal.
Grüßen Sie Ihren Vater. Ich hoffe bald auf Nachricht.
Die herzlichsten Grüße
von Deiner Schwester.