Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Dezember 1910 (Heidelberg)


Heidelberg. 14. Dez. 1910.
Lieber Freund. Einen Brief zu schreiben, habe ich heut keine Geduld, denn ich bin recht erkältet u. müde, aber ich muß Ihnen doch endlich sagen, wie ich mich freue!
Das Tanting schreibt, Sie hätten ihr zugesagt, in den Weihnachtserien nach Kassel zu kommen. Das ist eine sehr, sehr schöne Aussicht, u. ich habe fast nicht den Mut, mich darauf zu freuen, da es ja immer noch vereitelt werden kann. Sorgen Sie ja dafür, daß Sie Wort halten - ja? Aber wird es auch nicht zu anstrengend sein? Richten Sie es doch bestimmt so ein, daß Sie 2 volle Tage in Kassel haben, damit es nicht nur ein fortwährendes Hin- u. Herfahren gibt, sondern Sie dazwischen auch zur Ruhe kommen können. Es trifft sich ja gut, daß diese Einrichtung auch zu meinem Vorteil wäre. Sehr amüsiert hat mich Ihre Sorge um Plagiate aus Ihrer Religionsphilosophie u. die noble Vermutung, daß ich Ihnen nur den Vorrang damit ablaufen will! Sie haben ganz recht! Aber ich habe auch recht, u. wenn die Form auch sicher angepaßt ist, so ist es der Gedanke u. der Standpunkt nicht, u. früher haben Sie mir ähnliche Behauptungen flott bestritten. - Ja, es ist etwas Wunderbares u. Herrliches, wie uns ein immer neues u. volleres Einverständnis erblüht im gemeinsamen Erleben. Es ist ein stetes Suchen u. Erringen, aber auf dem Grunde einer stillen u. starken Gewißheit.
Wieviel haben Sie wieder zu tun! Ich will froh sein, wenn Sie all diese Alltagssorgen dann mal für ein paar Tage abschütteln. Sein Sie mal recht leichtsinnig, es geht doch, u. wir beide neigen dazu, uns mit Bedenken alles noch mehr zu beschweren, als eigentlich nötig ist. - Quälen Sie sich auch nicht soviel über die geringe Gemeinsamkeit im Hause. Ists nicht schon ein Gewinn, daß keine Differenzen mehr vorliegen? Nehmen Sie die Dinge natürlich u. messen Sie sie nicht an einem Maßstab idealer Ansprüche, die unerfüllbar sind. Erwarten Sie nicht immer - lassen Sie sich genügen am äußeren Einverständnis. Mehr ist unmöglich. - Es ist schon ganz dunkel, u. ich will nochmal in die Stadt. - Montag fahre ich zum Tanting, mit Aufenthalt in Frankfurt. Ein Paket an Sie geht noch von hier ab. Werden Sie es auch bis Weihnachten aufheben? Mit vielen innigen Grüßen
Ihre treue Schwester.

Ich freue mich so sehr auf Ihr Kommen!