Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Dezember 1910 (Heidelberg)


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Heidelberg. am letzten Advent 1910.
Mein lieber Freund.
Es ist noch früh, um einen Weihnachtsbrief zu schreiben - u. doch auch spät, denn es ist schon mitten in der Nacht.
Morgen wollte ich eigentlich nach Cassel, nun habe ich auf Tantings Wunsch die Reise um einen Tag verschoben; u. ich bin froh darum, daß ich diese Zeit noch hier habe, denn ich wüßte nicht, wie ich hätte fertig werden sollen. - So konnte ich doch gestern noch eine kleine überraschende Weihnachtsfeier
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| für Großmutter Knaps u. Aenne zurecht machen u. es war sehr gemütlich. Als sie fort waren, stellte ich auf den tannengeschmückten Tisch unter das Bäumchen - Ihren Kasten, u. malte mir aus, wie viel schöner es wäre, wenn ich ihn so hübsch umrahmt für Sie aufbauen könnte, anstatt ihn so prosaisch verpacken zu müssen.
Die Arbeit ist nicht so gut gelungen, wie ich es für Sie gewünscht hätte, aber für seinen Zweck wird das Ding schon genügen. Wie sehr wünschte ich, Ihnen damit ein wenig Freude zu machen. Denn das ist ja doch das Beste zu Weihnachten, wenn man für andre etwas zu geben hat. Ich habe nichts hinein getan, als
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| lauter Tannengrün u. viele liebe Gedanken. Ob sie Ihnen entgegen klingen aus den Zweigen u. frohes Licht für Sie sein dürfen wie die kleinen Kerzen? Wenn Sie in weihnachtlichen Gedanken die kleinen Lichter anzünden, dann denken Sie in froher Zuversicht der leuchtenden Begeisterung, die ein göttlicher Wille in Ihrer Seele entzündete, um eine neue Sprache zu finden für das religiöse Sehnen des modernen Menschen. Und niemand kann das tiefer, dankbarer u. beglückter mitempfinden, als ich. Mir ist, als hätte ich gerade in dieser Zeit aufs neue das tiefinnere Einssein unsrer Seelen wie eine Offenbarung erlebt. Wir können ja
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| nicht mehr trennen, was in uns lebt, denn es ist gemeinsam errungen. Mögen in dieser Gemeinsamkeit Kraft u. Segen lebendig bleiben in alle Zukunft.
Wie sehr hoffe ich, Sie bald zu sehen u. zu sprechen. Bis dahin bleiben Sie gesund, u. lassen Sie sich von der Öde, die Sie nicht überwinden können, nicht lähmen. Schütteln Sie einmal alle Ansprüche ab u. suchen Sie selbstlos nur teilzunehmen u. freundlich einzugehen. Ich weiß ja, wie liebevoll u. treu Ihr Wille ist!
Und liebevoll u. treu grüßt Dich, mein lieber Freund,
Deine
Schwester.