Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Dezember 1910 (Kassel)


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Kassel. 22. Dez. 1910.
Lieber Freund.
Es ist doch sichrer, wenn ich Ihnen das Krämchen schicke, denn es kann doch sein, daß wir uns erst im neuen Jahre sehen. Und ein bißchen Süßigkeiten müssen Sie doch zu Weihnachten bekommen, d. h. - auch von mir. Denn ich weiß ja natürlich nicht, was Sie sonst noch haben werden. Es ist ja alles eigentlich das Schicken nicht wert, lauter unbedeutende Kleinigkeiten, die Ihnen aber viele innige, treue Grüße bringen: die gewohnten Schloßbiskuits (u. von Aenne die "Zappen") ein Rot- u. Blaustift, den man auch nicht zu spitzen braucht (oder haben Sie schon so einen?) u. Ersatz
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|graphit für den Penkalastift. In der Blechhülse sind ein paar Blüten, die ersten, die aufgeblüht sind an einem selbstgezogenen Alpenveilchen. Es war voller winzig kleiner Knospen, als ich im Sommer von der Reise kam u. ich habe es sorglich gehütet, damit es doch rechtzeitig aufgehen sollte, um Ihnen einen lebendigen, farbenfrohen Weihnachtsgruß zu bringen.
Ich habe leider nicht das Gefühl, daß in alledem zum Ausdruck käme, was ich Ihnen zum Fest so herzlich wünsche u. ich zweifle an der Fähigkeit, Ihnen Freude zu machen, Sie froh zu stimmen. Ob die Schulfeiern Ihnen freudige Eindrücke brachten? Ich sehne mich recht nach Nachricht, aber ich weiß wohl, daß ich nun bis Weihnachten warten muß, denn vorher werden Sie kaum noch einmal schreiben können. - Daß Ihr Kommen vielleicht
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| um einige Tage hinausgeschoben wird, ist mir sehr schmerzlich. Aber hoffen wir, daß es dann umso ungestörter sein wird. Tantchens Befinden ist nicht bedenklich, aber man kann das Ende nicht absehen, da der Bronchialkatarrh sehr langsam verläuft. Sie hat immer noch ein wenig Fieber, liegt aber eben für ½ Stunde auf dem Sofa, damit ihrs dann im Bett wieder besser gefällt. Sie schwärmt für Umschläge u. unterstützt die gute Wirkung durch ihren frommen Glauben daran. Sie ist eben nicht wie - andre Leute! Wir könnten Ihre guten Witze so gebrauchen, denn die Stimmung ist recht mies, u. mein Zureden will nicht verfangen. Ich leiste mir dann höchstens mal eine unfreiwillige Komik, - aber wenn sie nur wirkt.
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Wie lange können Sie bleiben, wenn Sie erst am 2. Januar kommen? Nur recht, recht lange! Daß Dilthey auf Ihre Ferien spekuliert, kränkt mich. Lassen Sie sich ja nicht alle freie Zeit fortnehmen u. sorgen Sie, daß Sie täglich igendwie ins Freie kommen. Hier ists jetzt kalt geworden u. klar, sehr gutes Wetter. Wie gern streifte ich mit Ihnen da in Wilhelmshöhe herum. -
Meine Weihnachtsfreude ist die Aussicht, Sie zu sehen u. zu sprechen, so vieles reden zu können, was sich nicht schreiben läßt; es giebt ja immer so viele Schwierigkeiten. Sorgen Sie, daß Sie gesund bleiben. Ich zähle die Tage, bis Sie kommen. Was würde Ihnen besser passen, der 28. oder der 2.? -
Lassen Sie auch in Ihr Herz den weihnachtlichen Klang bringen, der in diesen Tagen die Erde erfüllt. Lassen Sie ein wenig dazu beitragen die unendliche Liebe Deiner treuen Schwester.