Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./25. Dezember 1910 (Kassel)


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Cassel, am heiligen Abend.
Mein geliebter Bruder.
Unter dem kleinen Tannenbaum, wo wir unsre stille Feier hatten, u. den Sie doch auch noch sehen werden, wie ich hoffe, möchte ich Ihnen schreiben von allem, was mir das Herz tief bewegt. Ich möchte Ihnen danken; aber wie könnten Worte audrücken, was ich empfinde? Sie haben mich so überschüttet mit lieben, schönen Gaben, daß ich mich fast bedrückt fühlen müßte, wenn mir nicht aus allem so etwas Liebes entgegen klänge. Denn eigentlich ist ja dieser Pelz viel zu schön u. kostbar für mich. Ich wagte kaum ihn anzurühren u. habe ihn nur leise gestreichelt, wie ich die Hand der lieben, verehrten Frau streicheln
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| möchte, der er gehörte. Ich habe sie leider im Leben so wenig gesehen, aber wir haben uns doch wohl verstanden u. bei den Gedanken an sie ist etwas in mir wie ein heiliges Vermächtnis. Es brauchte keine äußeren Zeichen, aber Sie wissen, daß auch diese Zeichen mir geheiligt sind.
Das Album mit dem Rosenkränzchen mahnt mich, auch für mich die Abzüge lieber Bilder zu sammeln. Noch ist da leider keine Vollzähligkeit erzielt. Denn für sich selbst ists einem immer nicht die Mühe wert. - Was haben Sie für lauter liebe, zarte, sinnige Ideen! Diese "Handarbeit" im Ilmenauer Aufsatz ist mir eine unendliche Freude. Sie haben mich doch ausgezankt, daß ich mit dem "offiziellen" Exemplar nicht zufrieden war u. ich fand, daß Sie ganz recht hatten. Nun schenken Sie ihn mir doch noch einmal mit so lieben Worten, eingeschlossen in das
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| unendliche Band unvergeßlicher Erinnerungen, dies unser Leben durchzieht. - Und die "Universitätsjubiläumsdenkmünze" ist nit emal entzweigegangen beim Auswickeln! - Fühlen Sie es denn, wie ich Ihnen für all die lieben Gaben danke? Ach, wenn Sie sich doch nur halb so gefreut hätten über meine Sendung. Ich kann mirs nicht denken. Und doch hätte ich Ihnen so gern Freude gemacht.
Den Kalenderblock habe ich übrigens vergessen. Den müssen Sie dann mitnehmen, wenn Sie kommen. Leider wird es erst am 2. Januar sein können (Denn am 1. können Sie es wohl keinesfalls möglich machen?) Tanting hat noch immer diese schwache Fieberneigung u. Onkel mahnt sehr zur Vorsicht. Sie soll durchaus im Bett bleiben, bis die Temperatur wieder normal ist. Die Erkrankung
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| ist garnicht heftig, aber umso langweiliger. Also müssen wir uns schon noch die fünf Tage länger gedulden - so schwer es mir wird. Aber Sie kommen dann doch 8 Uhr 20 (?) ab, Zool-Garten? In Sangerhausen steht* [li. Rand] *oder fährt gleich ein. bei der Einfahrt auf der andern Seite des Bahnsteigs ein Zug Leipzig-Cassel, der schon 2 Uhr 50 hier eintrifft. In den kann man umsteigen, ich habe es schon getan, u. spart ½ Stunde Fahrt. Mit dem möchte ich Sie erwarten dürfen, ja?
Es ist noch eine lange Woche bis dahin u. Ihnen wird sie leider wenig erfreulich verlaufen. So lassen Sie sich doch nicht auch noch immer so viel unnötige Arbeit zuschieben! Lehnen Sie ab u. denken Sie dabei immer, welche Freude Sie mir damit machen. Dilthey freilich muß einmal wieder auf Abschlag befriedigt werden. Nehmen Sie es nicht so schwer, lieber Freund u. schütteln Sie ab, was irgend geht - an Arbeit u. an Gedanken. Lassen Sie uns Ferien haben! Weihnachten!
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25. Dez. früh. Soeben kam schon Ihr lieber Brief, mein Freund, durch den aber leider die Verstimmung über die gestörten Ferien hindurchklingt. Es wäre so gut gewesen, wenn die Reise Sie da schon am 28. heraus gerissen hätte. Aber es ist doch besser, wenn wir warten, damit das Tantchen dann doch mehr u. ohne Anstrengung teilnehmen kann. Von allem hier, den Besuchen, Briefen, Sendungen habe ich garkeine Geduld mehr, zu schreiben. Sie können sichs doch nicht vorstellen, wie ich mich freue auf den 2. Januar! Aber nicht erst des abends kommen, bitte! Lassen Sie fünfe gerad sein u. richten Sie sich, daß es geht. Sie brauchen für hier garnichts an Umständen, hören Sie, ganz wie immer, denn wir werden nur unter uns sein u. bei dem
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| schauderhaften Wetter möchten wir doch nicht eines guten Anzugs wegen ganz zu Haus sitzen bleiben.
Tantchen trägt mir auf, Ihnen für das schöne Buch viel - vielmals zu danken. Es war ihr eine große Überraschung, u. sie wird in ein paar Tagen das noch selbst schreiben.
Über Paul Ruges Befinden hört man garnichts. Kurt u. Aenne kommen am 28. zurück, aber Mutter bleibt noch in Berlin.
Mir ist, als hätte ich Ihnen noch sehr viel zu sagen, aber ich hoffe ja, es bald mündlich zu tun. Meine kleine Sendung von hier ist nun wohl doch zu spät abgegangen, da sie noch nicht am 24. eintraf. Es ist alles so armselig, u. ich habe keinen Ausdruck für das, was ich Ihnen gerade in diesen Tagen doppelt sagen u. tun möchte. Nur reden Sie
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| mir nicht immer von Dankbarkeit, mein einziger Bruder, wenn es Sie für eine Stunde froh u. glücklich macht, das ist alles, was ich will. Mit Tantchens Befinden ists immer gleich. Also kein Grund zu Besorgnis. Wir sind still u. zufrieden bei einander u. - freuen uns auf Sie! Ich war gestern garnicht wehmütig u. wäre es auch nicht gewesen, wenn Ihre liebe Sendung nicht rechtzeitig hätte da sein können. Es ist eine Ruhe in mir, die nicht von äußeren Dingen abhängt; u. dieses stille, tiefe, gehaltvolle Leben das danke ich alles Dir, mein lieber Bruder.
In Treue
Deine
Schwester.

Onkel war eben da u. findet den Katarrh entschieden im Rückgang. Nur der Appetit läßt noch zu wünschen.