Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Dezember 1910 (Kassel)


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Cassel. 29. Dez. 1910.
Lieber Freund.
Ich sollte eigentlich Neujahrsbriefe schreiben, aber es will nicht recht gehen. Gestern in Hofgeismar war es ganz nett. Die beiden Kinder sind niedliche Würmer u. man hat den Eindruck eines behaglichen, zufriedenen Familienlebens. Es war dicker Winter u. schneidender Wind mit Schneegestöber den ganzen Tag, u. ich fing an, mir Sorge zu machen, ob Sie bei solchem Wetter den Reiseplan nicht lieber aufgeben sollten. Denn es wäre mir schrecklich, die indirekte Ursache zu sein, daß Sie sich etwas Schädliches zumuten. Wenn Sie irgend Bedenken haben, lieber Freund, schreiben Sie es offen. Es wäre doch unrecht,
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| da aus irgendwelchen Rücksichten etwas zu riskieren.
Heute freilich ists hier schon wieder über 0°, u. die Sonne scheint. Auch hat Tantchen jetzt Erlaubnis, von 10 - 4 Uhr aufzustehen. Ganz gut gehts ja noch nicht mit dem Katarrh u. die Temperatur bleibt dabei, nachmittags immer um ½ Grad zu steigen. Aber Dr. Sebald, den Onkel heute nochmal zur Untersuchung mitbrachte, erklärte auch, es sei ein geradezu negatives Resultat, man müsse sich große Mühe geben, noch etwas zu hören. Und Tante hustet auch fast nicht mehr. - Aber sie ist recht angegriffen u. schwach u. meist sehr bedrückter Stimmung, was die Pflege natürlich auch erschwert. Es sind eben immer bei ihr die Nerven sehr beteiligt u. ich hoffe jetzt viel, von der Abwechslung, die das Aufstehen mit sich bringt. - Eben war Kurt da u. hat sie in seiner munteren Art eine
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| Weile unterhalten. Das reißt sie doch heraus, wenns auch vielleicht im ersten Augenblick nicht ganz bequem ist. Ich habe garkein Glück mit meinen Ablenkungsversuchen, da ists gut, wenn etwas von außen kommt.
Gestern, während ich fort war, kamen auch allerlei Besuche. Aber da die Leutchen sich nie verabreden, treffen sie oft zu mehreren zusammen u. das strengt an. Drum ist es besser, wenn ich da bin u. sie nur einzeln zur Audienz vorlasse.
Wie vieles mich bei meinem jetzigen Leben an den Sommer erinnert! Ich bin so glücklich, daß Sie die schwere Attacke so glatt u. gut überwunden haben. Wenn man alt ist, geht das natürlich alles langsamer.
Was mir das Herz für Sie erfüllt an Wünschen u. Gedanken zum Beginn des neuen Jahres, das wissen Sie ohne Worte. Voll unendlicher Dankbarkeit
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| sehe ich zurück auf dieses Jahr, das trotz all des Schweren, was es brachte, doch so reich war an Glück u. gemeinsamem Leben. Von diesen Gedanken lebe ich, sie sind mein Licht, u. ich gehe still u. gefaßt in die dunkle Zukunft.
Von Ihrem lieben Vater kam gestern ein großer Brief. Sagen Sie ihm doch bitte, dafür herzlichen Dank, Grüße u. gute Wünsche zum neuen Jahre.
Und wie es nun wird mit Ihrem Kommen, das stelle ich ganz in Ihre Entscheidung. Hier würde es nur Freude machen u. garkeine Störung, wenn Sie mit einem Hotelzimmer für die Nacht zufrieden sind. Aber um Ihretwillen möchte ich keine Verantwortung haben, denn ich kann nicht wissen,was Sie Ihrer Gesundheit zumuten können. Ich warte mit Ungeduld auf Ihr Kommen, aber wenn Sie es vorziehen, jetzt nicht zu reisen, dann lassen Sie es mich gleich nach Empfang dieser Zeilen definitiv erfahren. Sonst - am Montag um 2 Uhr 50 auf Wiedersehen! Ja - auf Wiedersehen?
Ihre Schwester.