Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Dezember 1910 (Kassel)


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Cassel. 31. Dez. 1910.
Mein geliebter Bruder.
Seien Sie nicht böse, daß ich Ihnen schon wieder schreibe. Es ist wirklich nur Sorge um Sie, daß ich es tue. Ich habe nun einmal den Verdacht gefaßt, daß Sie sich mit der Reise hierher schaden könnten u. das läßt mir keine Ruhe. Ich hatte ja nie recht den Mut, an diese Freude zu glauben, u. als Tanting von ihrer Erkrankung schrieb, da dachte ich gleich: nun ists vorbei damit. - Tantchen geht es nun wieder besser, aber ich bin überzeugt, daß die Luft hier noch immer infiziert ist u. dem möchte ich Sie nicht ausgesetzt wissen. Ich hatte mich auch schon seit Tagen nicht gut gefühlt u. Hofgeismar hat nun bei
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| mir einen recht kräftigen Katarrh zum Ausbruch gebracht. Seitdem ist mir besser u. ich glaube, daß ich ihn schnell überwinde, da es heute schon im Abflorieren ist, aber ich könnte doch möglicherweise noch bazillenhaltig u. - hinterhaltig sein. Wenn Sie sich dann hier solchen Katarrh holten, sich in bekannter Weise nicht schonten u. dann wieder krank würden - ich wäre ja außer mir! Ich möchte es also mit voller Aufrichtigkeit ganz in Ihre Hand legen, nicht im eignen Interesse irgend etwas verbergen oder beschönigen. Ich werde bis Montag wieder normal sein, denn ich fühle mich heute schon wesentlich besser, gestern war der Höhepunkt. Ich habe auch nicht das geringste Fieber gehabt, also die Sache ist überhaupt nur "äußerlich". Aber Sie müssen
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| sichs ernstlich überlegen, ob Sie fürchten, irgend etwas dabei zu riskieren. Sie können ja natürlich auch sonst in jeder Trambahn oder Stadtbahn Bazillen auffangen, aber dann weiß man eben nichts u. konnte es nicht vermeiden.
Ach, es wird mir sehr schwer, Ihnen so dringend abzuraten, aber wie sollte ich die Verantwortung tragen, wenn ich Sie nicht gewarnt hätte? Ein doller Schnupfen ist ja an sich kein Unglück, aber bei Ihrer Disposition zu Bronchialgeschichten könnte es doch ernstlicher werden.
Also, mein lieber Freund, verzeihen Sie, wenn Ihnen dies alles als Quängelei von mir erscheint u. denken Sie an das, was doch der tiefste Grund davon ist, wenn ich
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| gegen Ihre Reise Bedenken habe. Wenn Ihnen diese Bedenken schwerwiegend genug erscheinen, so - bitte - telegraphieren Sie mir morgen ab (Sonntag). Wenn Sie den Mut haben, es dennoch zu wagen, so darf ich umso freier u. verantwortungsloser mich der glücklichen Tage freuen. Ich möchte nur noch einmal betonen, daß nicht etwa hier irgend ein Grund ist, daß Ihr Kommen stören könnte, sondern daß Sie lediglich um Ihrer selbst willen entscheiden sollen. Wenn Sie im geringsten fürchten, sich zu schaden, darf es nicht sein.
Also, zum letztenmal im alten Jahr, im "Kometenjahre" innige Grüße von
Ihrer Schwester.

Von Tanting auch einen herzlichen Gruß u. sie würde sich natürlich sehr freuen, wenn Sie trotzdem kämen!