Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Januar 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. Januar 1911.
Liebe Schwester!
Nun sitze ich wieder am alten Fleck und gedenke mit Sehnsucht des schönen Zwischenspiels. Ihre lieben Worte haben mich heimwärts geleitet und sollen mich weiter geleiten, wie es ja stets schon der Fall war. Dieses Bewußtsein ist mein höchster Trost und bewirkt, daß ich mich inmitten dieses Menschenmeeres nicht einsam fühle.
Der lieben Tante schreibe ich heute nicht selbst. Aber Sie werden ihr sagen, daß sie mir unendlich schöne Stunden bereitet hat und daß sie zu alter Liebe neue gefügt hat. Ich bin so sehr empfänglich für Liebe und Verständnis, und sie gehört zu den wenigen, denen ich mich offen, ohne Formalitäten, aufschließen kann.
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Die Rückfahrt wurde mir entsetzlich lang, als wollte sie zum Symbol dessen werden, was in dem kl. Kalender steht. Es ging eben fort von Ihnen. Auf die Minute war ich zu Hause und wurde von einer Post von 31 Nummern begrüßt, wozu heute noch 5 kamen, z. T. allerdings Dank für Neujahrswünsche, aber auch viel Geschäftliches, z. B. die Steuerveranlagung etc. etc. Ich habe schon eine ganze Serie von Briefen geschrieben und fluche innerlich auf Berlin, in Gedenken an Wilhelmshöhe u. s. Ruhe. Aber es fand sich doch auch manches Dokument vom Durchdringen des großen Humboldt, und das freut mich schon wegen R. u. R.
Die Schule habe ich mit einer Neujahrspredigt eröffnet und will mir nun selbst die erdenklichste Mühe geben. Was meinen sie zu dem eben gegebenen Aufsatzthema: "Wie können die Frauen ihre Vaterlandsliebe betätigen?" - Elisabeth Lüpke soll
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| ich nun doch noch für das Kgl. Seminar empfehlen.
Hier ist heute ein Schneefall, der mich gestern vielleicht erfreut hätte. Heute bringt er nichts als einen - verzeihen Sie - unerhörten Dreck, um die Kontrastwirkung zu verschärfen. Die Arbeit beginnt mit der gewohnten Hast, und ich will froh sein über jede Woche, die vom Semester abrollt. Meine höchsten Gedanken, das was ich in Ihnen, durch Sie und mit Ihnen erlebt habe, kommen ja doch nicht zur Reife, solange dieser Stundenplan dauert: die Deutung der Welt von der Liebe und vom Verstehen aus. So will ich dann in kleiner Münze hingeben, was ich habe. Es muß doch wohl so sein, daß andre von meinen Groschen noch reich werden können.
Begegnung mit Walzel habe ich versäumt, Otto Braun heult ante portas, Brief v. Bauch, der sehr schwer krank gewesen, von Ruska u. beiliegendes von Petsch, Frankfurter Zeitung.
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| Andere Briefe etc. schicke ich demnächst. Ich muß heut kurz sein, damit die Karre wieder in Gang kommt.
Bitte erstatten Sie mir doch Bericht über Ihren Husten. Hoffentlich ist er heut besser. Wann kommt der Halsschnitt? Und wie ist der lieben Tante m. Anwesenheit bekommen? Viele Grüße an alle, die meiner gedenken, und alles Gute und Treue!
Der Sinn der Welt will durch eignes Leben entdeckt werden. Niemand erfährt ihn durch Romane. Im höchsten Verstehen aber liegt die höchste Geistigkeit: das ewige Gesetz des Lebens in seiner sublimiertesten Individualität. Niemand kommt zum Vater, der nicht durch dieses letzte Verstehen hindurch ginge, und die Liebe selbst ist niedrig, wo sie nicht diese wertvollste Frucht aus sich erzeugt. Niemand glaube, daß er in der Einsamkeit die Welt ergründe; sie spricht weder durch Natur noch durch Geschichte, sondern nur durch eine lebendige Seele.
<li. Rand>
Innig Dein Bruder