Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Januar 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 10. Januar 1911.
nach dem Kolleg.
Liebe Schwester!
Einmal muß ich doch noch nach Cassel schreiben, damit Sie auch sehen, daß ich im Geiste noch dort bin. Was macht der Husten? Und der Hals? Sollte das nicht doch lieber in Heidelberg gemacht werden? Die Ferien haben Anstrengendes genug gebracht.
Was mich betrifft, so ist mir die Fahrt recht gut bekommen: Dessoir u. Hermann behaupten, daß ich breiter im Gesicht würde. Aber im Grunde bringe ich doch nur die Sehnsucht nach einer längeren so schönen Zeit mit. Ich fange nicht mit einem Plus an, würde aber wohl auskommen, wenn Dilthey nicht als 5. Verpflichtung immer im Hintergrund stünde. Diese physische Abspannung wirkt natürlich auch auf die Stimmung. Sie sahen ja, daß ich in Cassel erst allmählich der alte wurde. Auch im Kolleg heut merkte ich es sehr, obwohl ich anscheinend starke Wirkung hatte. Aber es kam nicht so scharf heraus, wie es sollte.
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| Übrigens war es sehr gut besucht. Aber ich selbst bin der beste Kritiker.
Dazu nun die Wohnungsfrage. Ich bin da gewissermaßen in Gefahr, die Sache kurz und - schlecht zu machen. Die jetzige Wohnung ist definitiv verloren; auf Anfrage Bescheid, daß bereits vermietet. Ich habe nun ein Auge auf Schillerstr. 4 im Hause v. Nieschling geworfen u. wäre Ihnen jetzt u. künftig für Ihr Urteil dankbar.
Gartenhaus I Tr.     4 Zimmer 950 M.
Vorzüge:   Nieschling bezeichnet Haus als gut u. ruhig.
ist leer u.Blick von den 3 nördlichen Zimmern
kann jetztim Sommer sehr hübsch: mehrere
renoviertgrößere Gärten, dahinter sieht
werdenman den Verkehr am Charl. Kreis.
Mängel: kann teilweise verbaut werden;
schon jetzt unmittelbar vis à vis
unabgeputzter Neubau.
Gesamtinhalt doch wohl nicht wie
jetzt, obwohl Zimmer größer.
Nur 1 Aufgang.
nur 1 Zimmer nach Süden, also Sonne.
Die Sache soll weiter verfolgt werden. Über uns III Tr. ist <gestrichen: Wort unleserlich> Wohnung für 928 zu haben, wie bei uns, nur niedriger; scheint mir nicht sehr
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| begehrenswert.
Grohmannstr. Gartenhaus I Tr. 4 Zimmer 1000 M. Das charakterisiert die Preise. Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Ich möchte um des Himmels willen nicht tauschen. Aber das hätte eigentlich in den Ferien gemacht werden sollen.
Ich legen Ihnen allerhand bei, mit der Bitte um Rückgabe; vielleicht als Bahnlektüre nicht unerwünscht.
Sonntag mit Registrator in Hermsdorf u. Frohnau: schöne Schneelandschaft, kein Platz im Lokal. Heute u. vorher sinnloser Matsch! Nieschling gestern sehr lebhaft und unterhaltend; wenn er öfter so wäre.
Mit der Klasse geht es besser, weil ich alle Verstimmung unterdrücke. Wollen sehen, ob es dauert.
Die Schwierigkeit des Kollegs liegt jetzt in Fertigwerden mit dem Denken. Das läßt sich oft beim besten Willen nicht erreichen, wenn eben die Probleme zu schwer sind. Glücklich die Leute, die beim Kolleg nicht denken! Ich werde nur fertig, wenn ich auf alles andre verzichte; denn in den Ferien konnte ich garnichts tun. u. D. meldet sich schon wieder.
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| Sie sehen, es kommt heut zu keinem ordentlichen Brief. Und doch hätte ich der Tante und Ihnen so viel zu sagen! Sie versprechen mir, daß Sie das nicht als Faulheit oder Gleichgiltigkeit deuten werden.
Falls Sie am Freitag fahren, innige Wünsche zur Heimreise und alles Gute besonders für die Gesundheit!
Noch eins: wenn hier Verstimmungen vorliegen, so wiederhole ich nochmals, liegt das jetzt an mir. An dem guten Willen von der andren Seite ist garnicht zu zweifeln, und wir wollen nicht ungerecht sein.-
Innige Grüße in treuer Liebe und für die liebe Tante herzliche Wünsche
Ihr
Bruder.

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