Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Januar 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, 16.1.11.
Liebe Freundin!
Ihren lieben großen Brief habe ich mit tiefem Dank empfangen, und seine Worte sollen nicht verloren sein, wenn auch vom Wissen zum Wollen und vom Wollen zum Gelingen immer noch unendlich weit ist. - Leider schreiben Sie so wenig von der Operation, ob sie schmerzhaft war, ob Ihnen der Schnitt noch jetzt merkbar Hindernisse bereitet u. s. w. Daß Sie noch in Cassel bleiben und sich pflegen, gefällt mir sehr. Im ganzen hatte ich doch trotz des Katarrhs den mich herzlich erfreuenden Eindruck, daß Sie besser aussahen, als im Sommer, und ich bitte nunmehr um nochmalige Photographie im selben Format wie die Ilmenauer!!
Sie haben gewiß schon längst Nachricht erwartet. Dafür kann ich aber heute
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| einen Fortschritt melden: der Würfel betr. die Wohnung ist gefallen, und Sie sehen schon aus dieser Geschwindigkeit und der Tatsache, daß ich nicht um Rat anfragte, daß ich gut gewählt zu haben glaube und schnell zugreifen wollte. Das Verdienst hat eigentlich Nieschling. Wenn auch die Wohnung in seinem Hause sich bald als ungeeignet erwies, so kam er doch am Freitag zu mir und schleppte mich auf die Suche, die mindestens so viel lehrte, daß auch in unsrer Gegend billige Wohnungen zu haben sind. Ich dachte erst an Schiller- Ecke Leibnizstr, wo Nieschling 1900 ff. 2 Jahre gewohnt hat. Dort waren 3 Tr. 4 enorme Zimmer nach Süden, 1 Fenster Osten, alles nach vorn, für 920 M. Aber abgesehen von der weiten Entfernung v. Bhf erschien das Mädchenzimmer mit Stiege unbrauchbar, ferner nur ein Aufgang. Ich ging auch als listiger Fuchs Herodes (bitte unter uns!) zu m. speziellen Freundin, die leider eben noch an den Folgen einer Influenza litt
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| und kein Mädchen mehr hat, brachte ihr recht, recht schöne Expreßgrüße aus Cassel, inspizierte das Feld und fand, daß der Preis für diese Löcher doch enorm ist. Sonnabend früh sah ich mir auf Grund der Wohnungszeitung Pestalozzistr. 9a an und am Sonntag um 12 hatte ich bereits den Kontrakt unterschrieben. Die Straße ist zwar sehr unsympathischbitte im Original prüfen, ob hier ein Satzzeichen ist, bzw. welches. aber das Haus ist das 2. von der Schlüterstraße, man sieht also in diese hinein, der Aufgang ist recht gut im stande, und 950 M für eine Vorderwohnung 3 Tr, wovon 2 Zimmer nach vorn, 3 aber sehr groß sind, ist wohl billig zu nennen.
Ich versuche die Lage auf beiliegendem Blatt zu skizzieren.
Die 3 Hauptzimmer sind so groß, daß sie alles, was wir an Möbeln brauchen, gut aufnehmen, z.B. m. Arbeitszimmer den großen Schreibtisch, 3 Bücherschränke, Sopha u. Fauteuils des sog. Salons und noch mehr. Licht und Sonne w. überreichlich. Das Schlafzimmer m. Vaters
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| bekommt die Chaiselongue u. a. (NB. Parkettfußboden.) Das Wohnzimmer ist das dunkelste. Dorthin muß das Klavier. und alles, was jetzt im Balkonzimmer.
Die Mängel will ich nicht verschweigen: Von dem 4. Zimmer ab ist die Wohnung mansardenartig [über der Zeile] leicht abgeschrägt, obwohl noch Boden darüber, also wie bei der Tante. Mein Schlafzimmer ist größer als mein jetziges und hat Morgensonne, aber es ist (wie die ganze Wohnung) niedriger. Die Küche ist sehr klein. Mädchenzimmer besser als bei uns. Wenn ich in m. Schlafzimmer außer dem Bett nur Kleiderschrank u. Waschtoilette nehme, so ist alles gut. Die Wirtin macht einen guten Eindruck, u. die Portierfrau auch, obwohl zu ausführlich. Der jetzige Inhaber, ein Stabsarzt, hat fast keine Möbel drin, aber viel Gerümpel.
Wenn Sie also Ostern kommen, hoffe ich Ihnen das Ganze vorstellen zu können. Die Lage ist ebenso bequem wie früher und alles doch repräsentabler für nur 22 M mehr. Der Umzug ist auch leicht, da alles schwer Verpackbare direkt getragen werden kann.
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Neulich habe ich im Handumdrehen 100 M verdient, indem ich die Humboldtabschriften an die Akademie verhökert habe. Erich Schmidt hat nobel genug den Betrag statt der geforderten 75 so normiert.
Gestern wäre beinahe eine wirkliche Excellenz aus m. Korridor rausgeschmissen worden. Wilamowitzkam um ¾ 3, und das Mädchen sagte, wie es korrekt, war, daß wir bei Tisch wären. Er wollte nun durchaus sofort wieder gehen. Ich faßte ihn nur noch am Rockzipfel und wurde zum jour fixe Mittwoch eingeladen. Der 1. Wirkl. Geheime Rat, der m. Schwelle betrat. Am 4.II. großes Freßdiner bei Riehl. Frau Geheimrat schrieb mir 8 Seiten sehr persönlich; habe sie dies Jahr noch nicht gesehen.
Sie sollen sich keine Sorge machen um mich. Es ging mir ein paar Tage schon besser, und ich habe sehr mäßig gearbeitet, infolge guter Einteilung. Dann aber ärgerte mich wieder der ewige Krakehl, den mein Vater mit dem Mädchen hat. Sie ist ja gewiß kein Engel, aber im ganzen doch zuverlässig,
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| und wenn sie aus Ärger gerade zum 1.IV kündigt, bin ich es doch, der den Schaden hat.
Ich denke, daß ich mit den Semesterarbeiten durchkommen werde. Es ist jetzt alles wieder im Gange. Die Rel. phil. ist zwar leer geworden, aber es ist doch wohl der Crime bitte im Original prüfen, ob es wirklich "Crime" heißt. geblieben. In den Übungen referierte ein Mathematiker sauschlecht.
Gewiß verspreche ich Ihnen, Sie zu rufen, wenn es nötig sein sollten, wenn Sie mir versprechen, keine Sorge zu haben, wenn es nicht nötig ist.
Der verehrten lieben Tante habe ich immer noch nicht geschrieben; aber es wird geschehen, wenn Sie fort sind. Heute bestellen Sie ihr noch die innigsten Grüße von mir. Ihnen selbst aber wünsche ich glückliche Reise und einen guten Empfang in Heidelberg.
Auch Frl. Knaps lasse ich vielmals grüßen.
In Treue und Liebe
Dein
Bruder.

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| <Zeichnung: Grundriss der Wohnung. Text: Himmelsrichtungen eingetragen, Zimmerbezeichungen und erklärende Erläuterungen>