Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1911 (Charlottenburg 2)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 24. Januar 1911.
Liebe Freundin!
Von einer ungemein wirkungsvollen Vorlesung recht ausgepumpt heimgekehrt, möchte ich, wenn auch nur wenige Worte, gern mit Ihnen plaudern. Denn ich habe Sie noch garnicht in Heidelberg begrüßt. Also Sie sind wieder dort, und mit den Medizinern behalte ich selbst leider auch recht, also stimmt es. In diesem Falle tut es mir leid, daß ich recht habe - und Sie wissen, was das sagen will. Wie steht es denn jetzt? Hat sich vielleicht doch noch die vermeintlich fehlende Wirkung eingestellt? Sonst ließe ich den Kunden durch Herkules schinden und schwänzen.
In so kurzer Zeit passiert immer unendlich viel und ist ebenso schnell vergessen. Also der Reihe nach. Mittwoch bei Wilamowitz. Er selbst sehr nett, haut und fuchtelt mit den Armen,
[2]
| schreit und zetert, versteht einen immer falsch und ist immer genial. Ihre Excellenz - Tochter Mommsens- präsidiert mit dem (!) Strickstrumpf und ist süß und bitter gemischt, aber auch nett. Töchterchen gefiel mir recht; war bescheiden und natürlich, wie eigentlich der ganze Ton. Aber die Stulpen der Umgebung! Wenn die das Altertum hochhalten sollen, na, dann ist es tot. Die lebendigen Schuster. Vorne vor Prof. Meister, frisch verlobt, kucke da, Kaffeesachse. u. s. w. Mag tüchtiger Textkritiker sein, als Menschen aber sind diese Leute nicht von Westend bis Savignyplatz unterhaltsam.
Donnerstag erstes großes Florieren der Übungen - durch eine Dame, die ausgezeichnet über Fröbel referierte. Eindruck war groß, und ich hörte und fühlte, daß man mit den Übungen sehr zufrieden ist. Der Siebenbürger Reimesch sandte mir eine kl. Schrift von sich mit freundlicher Dedikation, worauf ich gestern s. Familie besuchte.
Freitag Abend im Verein ehemaliger "Böh
[3]
|minnen". Böhm hielt einen ganz excellenten Vortrag über Gottfried Kellers Frauengestalten. Darauf einige Zeit Chorgesang: "Stumpfsinn, Stumpfsinn - etc." 12 Schluß. Dann saß ich mit Böhm im Bierlokal u. s. Seele öffnete sich mir wie ein Herzklappenfehler u. beinahe hätten wir uns Konfessionen gemacht. Stattdessen war ich um 2 Uhr zu Haus.
Sonnabend Nachm. Reuther, der Hund hat die Auflage noch nicht ausverkauft. Aber 400 Ex. sind fest weg, ca 200 doch wohl sonst, also ist, bei einigem Florieren, die 2. Aufl. zu erwarten. Die Frage interessiert mich; denn am 15.II. bin ich auf M 1000, und muß dann entschieden einen Extraverdienst haben oder in Aussicht haben, sonst komme ich in Schwierigkeiten.
Sonntag - Musenbund (Ihlefeldt, Pütter, Roding, Ruben, Goedecke, Müller) Tegel -Hermsdorf. Ich hatte viel Freude. Denn alle sind doch recht hübsch und verständig geworden, bes. die Else Müller, mit der früher weniger los war. Jetzt kann sie reden. Käthe Ihlefeldt dieselbe innige
[4]
| Natur. Pütterchen still, Roding launenhaft, Ruben Frechschnabel - und die große Seligkeit ihres Lebens: das Tanzen. Wir unterhielten uns recht hübsch. Ich fühlte, daß der Konnex noch da ist. - der arme Knauer soll wieder Unglück mit dem Bein gehabt haben. Sonnabend ist Vorberatung des 50jähr. Jubiläums der Schule.
Montag - Pech und Schwefel - 2 Stück Gobisch.
Dienstag: Ein ungeheuer schwieriges Kolleg mit fühlbarer Wirkung durchgeführt. Aber die Ausgabe ist immer noch zu groß.
Prognose: Sonntag: musikalischer Tee bei Riehls.
Sonnabend 4.II. Solemns Freßakt bei Riehls.
Weiter will die Feder heut nicht. Hoffentlich bald mehr u. ausführlicher. Übrigens bleibt immer die Möglichkeit zur baldigen Publikation d. Rel. phil. bitte im Original prüfen, ob bis hierhin unterstrichen. Kopie ist unleserlich. Aber dann kann ich die Pädagogik wieder nicht ordtl. vorbereiten.
Viele Grüße an Frl. Knaps.
Schreiben Sie mir bitte ein Wort über Befinden, Stimmung, Erlebnisse. - Meine Klasse wird besser.
Und was ich bin, bin ich durch Dich.
E.