Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Februar 1911 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 3.II.11.
Liebe Schwester!
Wie Inseln aus dem Meere ragen die wenigen Tage, an denen ein Privatleben möglich ist. Als ich am Dienstag an Frl. Knaps schrieb, wußte ich schon, daß vor Freitag keine verfügbare Minute mehr sein würde. Das Wintersemester ist doch über alle Begriffe anstrengend, und ich zähle wie die Soldaten die Tage, bis es zu Ende ist. Heute kommen dazu noch Aufsätze, ein Bericht etc.
Ihr letzter lieber Brief sprach nicht gerade von günstiger Stimmung, und ich habe wohl herausgefühlt, daß in erster Linie der Fall Braus daran schuld war. Haben Sie darüber nun noch etwas gehört? Sie werden ihr hoffentlich nicht zu viel Gedanken mehr widmen. Denn davon sprachen wir ja schon, daß den Kindern bei dieser Erziehungs
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|methode nach aller Berechnung doch keine vernünftige Entwicklung beschieden sein kann. Auch mit Ihrem Befinden waren Sie nicht zufrieden. Wer könnte es bei solchem Wetter! Aber hoffentlich ist nun alles besser, wie es ja auch der verehrten Tante nach ihrem lieben Begleitbrief zu dem freundschaftlichen Puff relativ gut geht. Was sind das für Modelle, nach denen Sie zeichnen? Ist Frl. Königsberger die Tochter von Helmholtz? Lernen Sie bei Ihr Mathematik? Denn mit den Naturwissenschaften ist es vorläufig aus - das wissen Sie doch? Wir brauchen uns garnicht mehr vor ihnen zu fürchten, sie wissen garnichts, kommen also gleich hinter den Medicinern.
Wir leben doch hier in einer großen Stadt, liebes Kind, und haben die Februarnummer der "Deutschen Rückschau." Doch hoffen wir fröhlich, daß Sie die Januarnummer recht bald bekommen. Im Februar steht höchst Interessantes für mich. Aber was ich eigentlich suche, kommt erst später.
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Kaisers Geburtstag habe ich gefeiert, indem ich den amerikanischen Aufsatz fertig machte, 21 Folioseiten ins Reine in 2 Tagen. Er ist fort und wird hoffentlich bald und gut bezahlt; das war das Hauptmotiv. Ich weiß nicht, ob ich mich dabei überarbeitet habe oder ob sonst etwas in mir steckte; jedenfalls wollte ich Sonntag nach dem Musikal. Tee bei Riehls ein bißchen krank werden, entweder Influenza oder Blinddarm aus Sympathie. Da ich aber Dienstag lesen u. mich sehr viel präparieren mußte, ging es nicht, und so blieb ich in Gang, wenn auch mit allen möglichen Nervenschmerzen und klappernd, so daß man es im Auditorium auf der letzten Bank merkte.
Sonnabend hatte ich rechte Freude. Bei Knauer war Vorbesprechung des Jubiläums. Ich war unter ca 150–200 Damen der dritte Herr u. mußte als solcher reden, obwohl ich eigentlich garnichts zu sagen hatte. Aber ich sah die meisten ehemaligen Schülerinnen, die ich alle noch von Namen u. Ansehen kannte, sprach mit ihnen und fühlte, daß ich in gutem Andenken bin. Die meisten
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| sind im Geschäft und klagen sehr über Überanstrengung, was man ihnen auch ansah. Die aber nichts tun, tragen verrückte Frisuren und Kleider etc. Auch Klara Runge war da, also Generationen bis 1906 Oktober Abgangszeit zurück! Es soll ein Verein ehemaliger Knauerianerinnen gebildet werden. Er hat übrigens wieder mit dem Bein Malheur gehabt.
Alle Vorlesungen sind gut im Gange. Aber sie machen jetzt enorm viel Mühe, weil ich nicht nur viel dazu lesen muß, sondern auch Fragen lösen, mit denen ich noch nicht im klaren bin. Diese Notwendigkeit erzeugt zwar unverkennbar einen schnellen Fortschritt, aber wohl auch viel Überhastung. Eigentümlich ist, wie jetzt Rel. phil. und Phil. d. Geschichte ineinander greifen. Das Interesse ist sehr groß, weil diese Art doch ganz aus den landläufigen Kollegs herausfällt. Auch die Übungen sind jetzt in Flor. Besonders hat den Leuten eingeleuchtet, daß Kerschensteiners Untersuchungen für den Gang der Anschauung garnichts beweisen, weil zwischen dem Zeichnen u. der Anschauung die Notwendigkeit steht, das Bild (so weit es schon als Vorstellung vorhanden) in die abstrakte Form der Zweidemensionalität zu übertragen, also technische Schwierigkeit.
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| Was Kinderpsychologie <unklar, ob Unterstreichung von fremder Hand> ist und leisten kann, wird so in allmählichem Gange klar; ich erarbeite mir selbst eine neue Auffassung von Stunde zu Stunde, und sehe ungeheure Perspektiven, denen ich ein baldiges Reifen für das Buch des nächsten Jahres wünsche. Wenn Sie etwas tiefgehendes über Zeichenunterricht haben, so schicken Sie es bitte. Aber nicht die Recepte. Denn ich bin den Allermodernsten garnicht grün, und sah bei Böhm Zeichenhefte der 9. Klasse, die sich wenig von den Karikaturen unterscheiden, die [über der Zeile] wie man sie an den Straßenmauern findet. Es ist dasselbe wie mit den Aufsätzen. Die radikale Theorie, mit der auch Matthias liebäugelt, ist sicher falsch; Gestern traf ich Borchardt unter den Linden. Er war auch voll von einer neuen Schrift. "Merkwürdig", sagte er, "wenn man's liest schlägt einem das Gewissen!" - "und wenn man's anwendet, fuhr ich fort, geht es nicht." Sie sehen: 2 gute Lehrer sind sich auch darüber einig. Ich kann den genauen Prozentsatz noch nicht feststellen. Aber von den freien Themen, die meine Lämmer gewählt haben, sind ca 95% aus dem Unterricht erwachsen, nicht aus dem Leben.
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Im März habe ich 2 unbesoldete Ehrenvorträge. Am 3. in der Comeniusgesellschaft über Paulsen, am 15. im Deutschen Frauenbund über Fichte - im Reichstagsgebäude.
Bei Riehls war ein paßfreier Chinese, Dr. phil in Berlin gemacht, hochintelligent. Die Damen waren ebenso langweilig wie anderwärts.
Cotta ist tot. Ich fange jetzt mit der Auswahl der Aufsätze an.
Mittwoch wollte ich zu kurzer Ablenkung Schubert in Friedrichshagen besuchen. Es war niemand zu Haus. Ich ging dann still an den melancholischen See, etwas greisenhaft schleppend im Gang. Dort traf ich Bruno Wille u. Bölsche. Sonst waren meine Gedanken fern im Süden. Heute Abend gehe ich ins Kirchenkonzert, wo die Schwester der mir so geschenkesfreudig ergebenen Seminaristin singt. Ich tue es nur, um nicht zu arbeiten. Hinterher bin ich mit Nieschling zusammen. Morgen Freßakt bei Riehls.
Ob ich die Resultate der Übungen als einen
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| Beitrag zur Methodik von Kinderpsychologie und Pädagogik veröffentlichen soll?
Mit meiner Klasse bin ich zufrieden. Ich lerne dabei einmal das rechte Unterrichten, um das ich mich sonst durch geistvolle Reden drücken konnte. Vielleicht kommt das sich anbahnende Vertrauen doch noch zur Blüte. Deswegen denke ich auch an eine Partie mit ihnen, vielleicht noch im Februar. Aber um m. Studenten habe ich mich in diesem Semester garnicht kümmern können.
Jetzt werde ich dinieren, dann auf dem Puff schlafen. Freitag ist mein Sonntag. Montag beginnt die Woche. Lassen Sie mich bald hören, was Ihre Gesundheit macht. Viel innige Wünsche und Grüße, auch von m. Vater,
Ihr treuer
Bruder.

[] Von Hermann hört man garnichts mehr. Selbstverständlich. Wie geht es Herrn Geheimrat Ruge?