Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Februar 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 17.II.11.
Meine liebe Schwester!
Vieles habe ich erduldet zu Wasser und zu Lande: aber so was denn doch noch nicht, nämlich an 1 Tage 20 Dienstmädchen zu empfangen und zu Protokoll zu vernehmen. Ich habe von menschlicher Physiognomie überhaupt nur noch 1 Durchschnittsvorstellung und bin fest überzeugt, daß es mir unheimlich sein wird, falls es morgen nur 5mal klingeln sollte. Übrigens bin ich dem Schicksal auch dafür dankbar: wer nur ein wenig Menschenkenner [über der Zeile] Beobachter ist, lernt daraus im Fluge ein Stück Großstadt und Menschenleben kennen. Fast bin ich versucht, Ihnen da einige Momentbilder zu zeichnen. Aber das Tatsächliche wird Ihnen wichtiger sein.
Unsre "jetzige", deren große Vorzüge ich jedenfalls dankbar anerkenne, geht schon
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| am 1.III. Sie muß einen Kursus vor der Hochzeit durchmachen. Ich war bereit, ihr 2 Abende der Woche frei zugeben, aber 3 umsoweniger, als der Kursus eigentlich 6 Tage stattfindet und wir dann am 1.IV doppelte Unbequemlichkeiten haben. Trotz meiner starken Beschäftigung gerade am Donnerstag habe ich alle Schritte sofort getan u. mich für Annonce im Lokalanzeiger als das billigste entschieden. Daß es wirksam war, sehen Sie aus der Zahl. Von der ältesten Witwe bis zur feschen 19jährigen Wienerin waren alle Typen vertreten, mit Parfüm, ohne Parfüm, mit Mund, ohne Mund. Und Kant hätte sein allgemeingiltiges Sittengesetz nach dieser Erfahrung aus mehr als einem Grunde widerrufen.
Das aktuelle Resultat ist gleich Null, aber hoffentlich doch nur für heute Abend. Jedenfalls hat mein Vater eine im Auge (die während m. Abwesenheit da war) und ich eine.
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| Mein Vater ist für die Alten; eine über 50jährige gewann sein Herz im Sturm. Ich stürbe an dieser Redegabe vor dem Umzug. Nun soll morgen eine 38jährige mit sehr guten Zeugnissen u. langjährigen Stellungen noch einmal kommen. Nous verrons. Meine Kandidatin ist bei Geheimrat v. Spalding in Lichterfelde, hat wenig Zeugnisse, weil das [am Rand zwischen den Zeilen] 27 J. Dienstbuch verloren, ist aber im Wesen so überzeugend gutartig, daß ich diesem Gefühl traue. Die Zeugnisse sind gut. Ich muß hinzufügen, daß in den Zügen mich etwas ganz von fern an meine Mutter erinnert, und daß ich dieser Nüance traue.
Sie sehen, es fehlt nicht an Abwechslung. Wenn Sie hinzunehmen, daß auch Dilthey sich wieder gemeldet hat, daß der Bruder von Frau Riehl mich in einer Sache engagiert, die er ebenso leidenschaftlich wie unverständlich auseinandersetzt, daß die Vorlesungen abgeschlossen sein wollen und Paulsens Aufsätze in den Druck sollen,
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| so haben Sie ein Bild von meiner Existenz, die wirklich kein Centrum mehr hat. Aber ich zwinge mich zur Ruhe, habe wegen Angegriffenheit relativ mäßig gearbeitet u. werde auch die kl. Erkältung bald los sein.
Es macht mir Gedanken, wie es Ihnen bei diesem ungesunden Wetter geht. Ich tröste mich, daß man in Heidelberg weniger hinaus muß u. nicht diesen Temperaturwechsel hat, wie hier. Heute ist ein warmer Sturm, der geradezu Influenza sät. Riehl hat schon fast 2 Wochen ausgesetzt. Dr. Böhm ist krank u. das halbe Kollegium. Aber ich stehe wie eine Eiche. Anfällig bin ich auch jetzt noch nicht, obwohl neulich was in mir saß, das nun wohl raus ist. Bis zum 7.III lese ich.
Es liegt wie ein Druck auf mir, daß Sie wieder über Ihr Befinden zu klagen haben. Da Sie so schön Vernunft zu predigen wissen, kann ich doch nicht annehmen, daß Sie für sich selbst nicht vernünftig sind. Ich glaube, daß Sie zu sehr Gedanken an sich nagen lassen. Und doch ist eigentlich nichts unfruchtbarer als dies. Wissen Sie, was ich in diesem, nicht allzu seltenen Falle
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| mache? Ich sage mir: Und wenn ich die ganze Welt verlöre: ein Schatz bleibt mir - mein Kindchen in Heidelberg. Das begleitet mich als die große ruhige Harmonie in der bunten Melodie meines Lebens. Wenn wir so ganz vom Äußeren los kämen! Im Grunde zweifeln wir doch nicht, daß in unsrer Gemeinschaft alles liegt, was den Menschen stark macht: Religion und Liebe und Philosophie. Deshalb stehe ich mit verstehender Überlegenheit über den Menschen und über dem Dasein: Wo wäre jemand, der sich mit uns an Tiefe und Innigkeit messen könnte? Haben Sie schon über das Rätsel nachgedacht, wo ich die Kraft hernehme, so ganz ohne Freunde hier in allen Konflikten des Daseins zu existieren? Ich brauche keine Aussprache, weil die Inseln des Jahres mir genügen. Könnte doch dies Ihnen Sonnenschein sein! Sie warten auf den Frühling. Ich bin diesmal ganz still; denn ich trage ihn in mir, und vor Ostern wird's doch kein rechter Frühling hier. Sie kommen doch?
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| Mir war einige Tage so, als wäre der Professor unterwegs. Er wird es nicht sein; aber mancher Professor könnte mich um meine vollen Kollegs beneiden. Und ich habe Intelligenzen, nicht bloß Studenten! Nächstens schicke ich Ihnen wieder einen kl. Stoß glänzender Recensionen.
Wenn Ihre Auffassung und K.s Auffassung von der kindlichen Anschauung richtig wäre, so wäre das ja ein grundstürzendes Resultat der modernen Psychologie. Das Kind finge dann mit Begriffen an u. käme von da zu Anschauung! Lassen Sie das Kind in Plastilin formen, so macht es keine Schemata, sondern Gestalten, aber ungenau. Das Schema bedeutet ein doppeltes: 1) die unvollkommene Überwindung einer technischen Schwierigkeit, über die manche Völker nie hinauskommen. 2) aber die Andeutung der repraesentierenden Vorstellung, die den Begriff begleitet, also gewisse Grundrichtungen der Anschauungstendenz, Gerippe der werdenden,
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| intellektuell bestimmten Anschauung.
Wissen Sie wer das ist?
<Zeichnung: zentriert. Laufendes Strichmännchen im Profil auf gestrichelten Boden>
Das ist "Fritz Strichmann" aus dem Werner Siemensrealgymnasium. Wir können Fritz Strichmann auch anziehen; dann sieht er so aus:
<Zeichnung: zentriert. Laufendes, kräftiger gemaltes Strichmännchen im Profil auf durchgezogenem Boden>
Glauben Sie nun, weil mir das so schlecht gelingt, ich hätte kein besseres Bild von Fritz Strichmann? - Darin ist offenbar etwas Feines u. Richtiges entdeckt. Ebenso genial sind die Friese von Gertrud Kaspari. Das entspricht kindlicher Auffassungsart. Und den Kunstwart, 2. Januarheft, müssen Sie sich ansehen. Oberländers "Biß in die Citrone" ist der Lichtblick dieser Tage gewesen. Aber wir müssen darüber reden. Denn die Feder
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| schreibt miserabel, und ich noch miserabler.
Darum besser Schluß. Bitte schreiben Sie mir bald über Cassel. Herzliche Grüße von Stadt zu Stadt
Dein treuer Bruder
Eduard.

Angenommen ich wählte unter den Bewerberinnen nicht nach dem Nutzen! Wie viel echter Wert und tiefe Not mag sich darunter verbergen. Aber das Leben geht darüber hin. Wüden Sie es billigen können, wenn ich nach diesem Gesichtspunkt ginge? Und ist es zu verantworten, wenn man nach einem andern geht??? Unsere Welt ist zweideutig; sie will etwas werden und kann es nicht.