Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.II.11.
Meine liebe Schwester!
Übermorgen steht - ich darf wohl sagen: ein Familienfesttag bevor, der alle meine Gedanken schon heute nach Heidelberg zieht. Was sollen besondere Wünsche an diesem Tage, wo mich diese Wünsche für Sie täglich begleiten und unser ganzes Glück in diesem Füreinander und Miteinander besteht! Wie tief würde es mich freuen, wenn dieses Bewußtsein Ihnen immer Ruhe und mit der Ruhe körperliche Gesundheit und Kraft geben könnte! Denn wir leben durch das Seelische, und die unsichtbare Welt ist, wie Sie schön und tief sagen, für uns die Welt. In dieser Welt spinnen sich am 25. Februar noch enger und inniger als sonst die Fäden der Gemeinschaft, und ich denke, wie unser Leben aneinander gekettet ist, wie es von einer die Kindheit umfassenden Gegen Vergangenheit hinüberreicht in die Zukunftsgewissheit
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| und Zukunftshoffnungen. Wenn ich auch leiblich bei Dilthey und nachmittags mit den Kindern Scholz vielleicht am Müggelsee sein werde, so bin ich selbst und ganz doch an diesem Tage bei Ihnen, und meine Gegenwart wird Ihnen mehr sagen, als Worte sagen können.
Mehr auch, als die kleinen und nur zu bescheidenen Beilagen sagen können. Ein Buch, das mir innerlich viel gab, habe ich in letzter Zeit nicht gelesen; höchstens Kerschensteiners "Grundfragen der Schulorganisation"; aber ich weiß, daß das zu sehr gefachsimpelt wäre und daß Sie zu längerer Lektüre selten kommen. Mag das Bändchen Lyrik Ihnen gelegentlich Stimmungen ins Gedächtnis rufen, die wir tiefer, echter und eigner selbst gemeinsam durchlebten. Unsere Sprache ist nicht die Dichtung, aber sie kann vielleicht unser Echo sein. Den Bracht fand ich bei dieser Gelegenheit u. lege ihn als Probe bei, weil ich ihn eigentlich liebe. Der entsprechende Rembrandt ist mäßig. Für Ihre Sommerausflüge
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| füge ich ein Handwerkszeug bei, das seine Geschichte hat. Meine Mutter bewahrte es aus unserm Geschäft auf für mich. So lag es manches Jahr, nur gelegentlich betrachtet, wobei denn leider das zugehörige Glas, das der Sache eigentlich erst seinen Sinn gibt, in Stücken ging. Aber Sie machen doch gelegentlich eine Mahlzeit im Freien, und dann erinnert Sie dies Besteck vielleicht zugleich an meine Mutter und daran, wie Sie mich im Sommer und sonst treu schwesterlich fütterten; war das doch so, als ob meine Mutter noch lebte!
Ihr lieber Brief kam heute. Auf die Fragen betr. Professor Reyer (Riehl) u. a. antworte ich später. Nur wenige kurze Nachrichten, da der Donnerstag mein schlimmster Tag ist. Es geht mir wirklich zufriedenstellend. Die Erkältung ist fast ganz weg, obwohl ich im schlimmsten Sturm unterwegs war. Nur heute bin ich sehr müde. Denn gestern war ich zwischen 8 und 12 nachts nur 2mal 1 Stunde zu Hause. Bei Paulsens war es ganz schauerlich: Eine gelehrte Tischdame mit Recensionston (Freifrau v.
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| Soden
) u. nachher Tanz. Ich riß aus.
Die Schulratssache hat mich gestern den ganzen Tag verfolgt. Ich habe sie doch ganz geschickt gedreht u. den Mädchen nachher sogar eingeredet, es wäre alles ganz gut gewesen. Elisabeth Lüpke habe ich auf dem Augustaseminar glatt angebracht; eine andre derselben Klasse fiel ab.
Ich schließe schon am 4.III, weil man mir hier dasselbe sagte wie Sie und Coss (geben Sie ihm doch gelegentlich das Heft, das er irrtümlich mit Troeltschsachen zurückgegeben hat.) Wollen Sie ihm eine Photographie machen, freue ich mich sehr. Gewiß hätte ich gern Abzüge; aber es macht Ihnen Mühe u. hat doch auch seine Grenzen, nicht wahr?
Bis zum 4.III ist enorm zu tun. Aber man sieht doch nun Land. Dienstag 2 Std Kolleg, dann Sitzung. Mittwoch - Donnerstag Schluß d. Übungen, Freitag d. Relphil. Abends Vortrag über Paulsen, Sonnabend 4 - 5 Schluß der Geschichtsphilosophie. Bitte grüßen Sie Frl. Knaps u. wünschen Sie Ihr gute Besserung. Das Lichterfelder Mädchen ist engagiert. Und nun nochmals innige Geburtstagswünsche in bekannter Innigkeit
Dein Bruder Eduard.

[re. Rand] "Wertung" ist zum Verschenken. Wird wahrscheinlich eingestampft.