Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./2. März 1911


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1.III.11.
abends.
Geliebte Schwester!
Mein Briefpapier ist alle; ich habe aber doch dringende Veranlassung, Ihnen heute zu schreiben, obwohl mein Schädel platzt. Die Karte von Ihnen und Coss habe ich erhalten und mich sehr darüber gefreut. Als ich den Dilsberg sah, wurde mir so recht deutlich, daß die Zeiten meines Glücks vorüber sind und nicht wiederkommen wollen. Ich wünschte Ihnen besseres mitteilen zu können. Aber da zwischen uns Wahrheit sein soll, so muß auch dies sein.
Ich hatte geglaubt, die Wirtschaft auf einen ausreichenden Boden gestellt zu haben, indem ich für Wirtschaft, persönliche Bedürfnisse m. Vaters etc. täglich 10 M ansetzte. Das bedeutet im Jahr 3650. Dazu die Miete mit 1000 M und der Rest für mich: Bücher, Steuern, Marken, Fahrten, gesellige Verpflichtungen - macht 5000 M im Jahr. Dem entsprechend habe ich m. Vater in den 59 Tagen dieses Jahres 580 M gegeben. Es ergeben sich Extraausgaben: Steuern m. Vaters, x) [re. Rand] x) fallen fort 14 M für einen Verein, dessen Mitglied er seit 50 Jahren ist, 21 M Schneider u. s. w. Aber durch Verkauf der Ohrringe meiner Mutter wurden außerdem 150 M erzielt, u. m. Vater bot mir damals 50 M zur Reparatur meiner völlig defekten u. schmerzenden Zähne an. Ich lehnte sie ab, schon weil ich während des Se
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|mesters zu dieser Prozedur keine Zeit hatte, nahm aber an, daß sie nun in Reserve blieben. Da Böhm vergaß, mir heute das Gehalt zu zahlen, und ich das Geld auf der Sparkasse gern solange wie möglich lasse, so hatte ich selbst nur 8 M. Sie können sich meine Überraschung denken, als ich Mittags erfahre, daß weder zur Bezahlung des abgehenden Mädchens noch [über der Zeile] als Wirtschaftsgeld für das neue etwas vorhanden sei. Es war garkeine Möglichkeit, nun das Geld von der Sparkasse zu beschaffen. Da dort 900 M liegen, ist ja im Moment keine Not. Ich sah aber doch aus diesem Vorgang, daß für unsern Haushalt die Basis fehlt. Denn diese Summe werde ich noch nach Jahren nicht aufbringen können.
Ich hielt es für meine Pflicht, dies deutlich zu erklären und zugleich zu betonen, daß ich durch diese Unklarheit über die Lage in unerhörte Verlegenheiten kommen müßte. Das bin ich denen schuldig, die ihr Geld opfern, um mir eine Existenz zu ermöglichen. Wie immer kam es zu einer fürchterlichen Scene, diesmal aber, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Mein Vater verlor völlig die Beherrschung, sprach irre u. blickte stier, zog sich alle <Wenigstens eine Seite fehlt>.
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| bücher führen alle möglichen Leute zu mir, die von ihnen als einem Ereignis ihres Lebens reden. Selbst zur Mitarbeit an einer Zeitschrift, die Hahn redigiert (!) bin ich aufgefordert worden, um neben Troeltsch u. Eucken die Werbenummer zu schreiben!! - -
Ich habe so vieles heruntergewürgt u. werde auch dies herunterwürgen. Ich bin nicht mehr imstande, das Tragische solcher Scenen, wie heute, zu fühlen. Es hat auch wenig Sinn, daß Sie mir raten. Denn jeder Vernunftvorschlag würde mir zu einer Wiederholung der heutigen Scene führen, deren Hauptmomente übrigens mein Vater nicht mehr in Erinnerung hat. Der Gedanke, daß m. Onkel alles wissen könnte, ist ihm schrecklich. Mich beruhigt es, wenn Freunde m. unverschuldete Lage kennen. Sei auf beiden Seiten keine Schuld, so ist es doch grausam, daß die Folgen als Schuld empfunden werden. Ich zittre vor dem Ende, und kann doch die Fortdauer nicht wünschen, weil sie ebenfalls in den Abgrund führt. Außerdem muß ich fürchten, daß m. Vater in Umnachtung endet.
Mein geliebtes Leben: Ich konnte Ihnen
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| diese Nachricht nicht ersparen. Aber lassen Sie sich davon nicht treffen. Bleiben Sie mein leuchtender Stern, so habe ich alles. Seien Sie nicht traurig. Sagen Sie mir nur das eine, daß Sie mein Verhalten gegen meinen Vater verzeihlich finden. Aus diesem Konflikt die Seele rein zurückzubringen, ist unmöglich. In Ihrer Seele will ich sie bergen, damit sie in besseren Zeiten zu besserem Leben erstehe.
Und so bin ich wie stets
Ihr treuer, leidender Bruder
Eduard.

2.III. morgens. Eben kommt Ihr lieber Brief. Innigen Dank. Ich bin mit Kopfschmerzen aufgestanden u. sehe nun erst die ganze Lage wie sie ist: aufreibende Arbeit ohne jede Hoffnung, in gesunde Verhältnisse zu kommen.
E