Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. März 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. März 1911.
Liebe Schwester!
Für all die Treue und Liebe, die Sie mir durch Karte und Brief in den Schwierigkeiten der letzten Zeit erwiesen haben, danke ich Ihnen innig. Durch Ihre Hilfe und durch das natürliche Abebben jeder Erregung bin ich darüber vorläufig hinweg; es wird nun wieder seine Zeit dauern (Gott weiß, bis wann); aber ich bin froh, daß ich gesundheitlich durch diese ungeheuren Aufregungen nicht geschädigt worden bin. Ich habe mich jetzt gewaltsam davon losgerissen, da meine Ideen meine ganze Kraft in Anspruch nehmen und mancherlei vor mir liegt.
Vorläufig scheint ja das neue Mädchen eine Verbesserung zu bedeuten. Wenigstens höre ich vorläufig nicht jeden Tag
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| 5mal Beschwerde führen. Ob das nachläufig so bleibt, ist abzuwarten.
Der Termin des Umzugs steht noch nicht fest, da der Stabsarzt selbst noch keine Wohnung hat. Er war aber liebenswürdig genug, mir en rembourse die Schäden der bisherigen zu zeigen, nämlich Kalkberge am Berliner Fenster à la Ilmenau, und defekte Tapeten u. Fußboden. Das übrige, vorn, scheint relativ imstande. Am Montag werde ich den Wagen zum 3. April bestellen, dies ist der späteste Termin, falls kein früherer zu ermöglichen. Vorher muß noch allerlei Kram abgestoßen werden, also es ist genug zu tun.
Die Vorlesungen habe ich gut geschlossen. Selbst die eingelegte Stunde war ausgezeichnet besucht, und der Abschied begeistert; ebenso in den Übungen. Rel. phil. etwas flauer. Das alles mündlich; denn mein liebster Zukunftsgedanke ist, daß Sie am 9.IV. kommen.
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| Ich brauche Sie nicht zu bitten, die Zeit doch für uns recht günstig u. reichlich einzurichten. Da ich im Hist. Seminar schreibe, habe ich Ihre Briefe nicht da u. folglich Ihre Reisedisposition nicht ganz im Kopf. Es ist ja sehr richtig, daß Sie diesmal "fremden" Rechten Konzessionen machen müssen. Aber mein Egoismus möchte dadurch nicht gern verkürzt werden. Wenn Sie nun noch etwas früher kämen? Ich muß Ihnen nämlich gestehen, daß ich die Sache am 6.IV. doch machen werde, u. bitte um Absolution. Gründe 1) Sachlich bin ich an der Sache ebenso interessiert wie z. Z. der beste Fachmann 2) Durch m. Vorlesungen stehe ich zu dieser Kombination v. Rel. u. Gesch. völlig drin. 3) 800 Hörer, die jeden Do. da sein sollen, sind für den Sommer eine gute Reklame. Ich greife vielleicht in ein Wespennest; die Diskussion kann blutig werden. Wenn Sie nur zu meiner Hilfe da wären? Den Umzug würde ich Ihnen nicht zumuten. Aber
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| den Aufzug sollten Sie mitmachen. Geht es vielleicht?
Am 15.III. ist Reichstag. Morgen Scholz, Sonnabend Riehl, Montag Oesterreich: Sie sehen, ich habe zwar Ferien u. insofern nicht die alte Hetze, aber zu tun ist ungeheuer. Natürlich habe ich zuerst wieder für Dilthey zu arbeiten; dann die Paulsenaufsätze. Referat für Steinhausen etc. etc. Die Hauptsache ist die Vorbereitung des Kollegs.
Im Sommer werde ich den Kindergärtnerinnen des Pestalozzi-Fröbelhauses eine Std. Gesch. d. Pädag. geben, Sonnabends. Die Anlage, die mir Lili Dröscher zeigte, gefiel mir so, daß ich auf dieses mehrfach wiederholte Ansinnen einging.
Mein Vortrag über Paulsen ist glatt erledigt; viel Aufregendes war nicht zu sagen. Den Vorsitz führte eine alte Excellenz (General.) Diskussion fruchtlos, aber scherzhaft.
Für Coss habe ich Ihnen das falsche
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| Heft geschickt. Ist es "Phil. u. Päd. d. gr. Ref.", so kann er es behalten. Das Ex. mit der Widmung für ihn liegt noch hier.
Am Dienstag haben Nieschling und ich mit Ludwig Geburtstag gefeiert. Ich suche jetzt wieder mehr menschlichen Verkehr.
In der Schule ist die Hälfte der Lehrkräfte außer Dienst. Böhm ist seit der Revision nicht wiedergekommen, Frl. Thümmel fehlt auch: es ist jede Woche etwas zu vertreten.
Ich hätte wohl noch viel zu erzählen, z. B. daß Hahn tatsächl. die Kühnheit gehabt hat, sich mir auf diesem indirekten geschäftl. Wege zu nähern, aber ich hoffe das mündlich alles viel besser zu können. Vom Frühling ist hier noch keine Spur. Aber ich weiß, Sie bringen ihn mit, und Winterstürme weichen dem
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| Wonnemond. Sie werden aus diesen dürren Zeilen alle Liebe und Dankbarkeit herauslesen, die ich für Sie in mir berge. Und so hoffe ich auf ein schönes Wiedersehen und auf frohe Fahrten in den märkischen Wald, der sich nach Ihnen u. nach mir sehnt.
Innigst Dein Bruder
Eduard.