Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. März 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 16. März 1911. (vor 15 Jahren konfirmiert.)
Liebes Schwesterchen!
Der Umzug rückt näher, und Sie kommen auch näher. Deshalb sehe ich vor dem schönen Gipfel den langweiligen Bergsattel kaum, und zähle wieder einmal die Tage - 24 oder 21?? Ich will daher auf schwebende Fragen nicht eingehen, sondern halte mir den Horizont von Wolken nach Möglichkeit frei und hoffe auf gründliche Aussprache.
Nur auf dem Laufenden sollen Sie bleiben, und das paßt gut, denn auch ich bleibe jetzt im Laufen. Der Mensch, der Stabsarzt, antwortet weder auf Anfragen noch Briefe - wahrscheinlich weiß er nicht, woran er mit seinen 3 Spinden zieht. Ich habe nun heute für den 1. April kontrahiert mit dem Spediteur. Denn am 3. paßt es aus 1000 Gründen nicht, schon weil Schule ist etc. Ich war erst bei Schur; der Vertreter besuchte mich u. rechnete 2 Wagen heraus, warme Preise, die Wagen allein 84 M + 3 M Zuschlag Gartenhaus u. s. w. Mein Vater, der ihn empfing, hätte natürlich wieder die Katze im Sack gekauft. Sehen Sie, das ist das System: unpraktisch u. nobel, u. ich armer Anfänger, dem natürlich "Erfahrung" und "Klugheit" fehlen, soll praktischer sein. Ich habe aber sofort abgeschrieben u. jetzt mit einer kleineren Firma kontrahiert. 1 Wagen 9 m 60 M.
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| macht 18.
Taxe 9 M Trinkgeld, Packen 1 Tag 7,50 M. Es kann ja nun sein, daß der Wagen zu klein ist. Aber dann bleiben die leichten Sachen zurück, u. Nieschlings Bursche schafft sie am Sonntag herüber.
Durch Verkauf von alten Möbeln u. dem endlosen, wertlosen Gerümpel hoffe ich 50 M zu erzielen. Ein guter Zuschuß, um so mehr, als man den Mist endlich los wird. Ich habe heut 1 Stde auf dem Boden gekramt, bis ich schwarz wie ein Rabe war. Eine Ganze Liste von altem Kram brachte ich mit. Wenn mir jedes Stück 1 M bringt, so sind es 30, unten Schrank, Tisch u. Bank = 20. Ev. noch 1 Badeofen zu höherem Preis. Meine Sprechstunde ist jetzt von Jobberjuden okkupiert. - Das einzige Hindernis wäre, wenn der Stabsarzt am 1.IV. noch nicht auszieht; doch dann muß gütliche Einigung helfen. Er hat fast nichts in der Wohnung. Unser Mädchen zeigt sich ganz brauchbar.
Über die Finanzen reden wir noch; vorläufig ist genug da, auch steht manches aus, u. ich schreibe nach Möglichkeit Einträgliches. Meine Berechnung ist wirklich gut fundiert. Auch gebe ich nie mehr als 50 - 100 M. Aber es sind täglich 50 Pf, die praktisch vermieden werden müßten, u. dieser Weg ist dem Alter nicht lehrbar. Es ist überall dasselbe - bei Böhm, bei Scholz - derselbe schmerzliche Kampf, u. wenn man dabei nicht Friede u. Freude zum Denken haben sollte, wäre alles ganz schön. Für mich selbst brauche ich außer Bier u. Cigarren im Hause nichts.
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| Im Theater u. Konzert war ich nicht einmal (!), und meine Anschaffungen, die wohl sehr notwendig wären, übersteigen nicht 1 Regenschirm zu 4,50 M! Wenn nur dieser Druck von der Seele wäre, der alles frohe Selbstgefühl lähmt!
Gestern habe ich im Reichstagsgebäude, assistiert von 2 Excellenzen, vor dem Frauenbund über Fichte gratis gesprochen. Das sind doch 2 1/2 Tage Arbeit - ich kann es nicht anders, wenn ich mich nicht rednerisch verloddern will -, dazu die Erregung, die den ganzen Tag selbst ruiniert u. müde macht. Ich hatte kaum die Stimme, den kleinen Saal zu füllen. Aber der Erfolg war wieder gewaltig. Es war ein völlig ausgereifter Vortrag, und Fichtes Pathos gab die Weihe.Unter dem exquisiten Publikum - nachweislich nur Generalsfrauen, Abgeordnete, waren auch m. Onkel, Nieschling, 3 ehemalige Seminaristinnen, die ganze Familie Lüpke u. 3 Schülerinnen. Ich werde wohl nun der vollendete Heros sein; denn ich erschien nicht nur im Frack, sondern verschwand auch in Begleitung eines lebendigen Offiziers!! Alles in allem ein schöner Erfolg, der mir wieder viele - unbesoldete Ehrenämter eintragen wird, wie dieses aus dem Ferienkursus stammte.
Mit Nieschling bin ich häufig zusammen. Sonnabend wieder Riehl, Montag wohl mit Frau Paulsen Ödipus, Dienstag plane ich die Schulpartie. Denken Sie, Böhm hat wieder ganz abbrechen müssen u. reist bis nach Ostern
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| nach dem Süden. Der arme Gast aber, der vor 2 Jahren fast 1/2 Jahr in Tirol war, hat einen Blutsturz gehabt, wie mir Prof. Hintze erzählte. Da stehe ich doch wie eine Säule; denn es geht mir gut, und gestern schrie alles über mein vortreffliches Aussehen. Dies war z. T. Erregung, z. T. aber auch reale Wirkung der halbjährigen besseren Ernährung, die sich nun doch bemerkbar macht. Faul bin ich zum Entsetzen, u. wenn ich nicht mehr ins Freie komme, haben die Schuld, die mir zum Mittagsschlaf geraten haben, den ich nach 10 Stunden Nachtschlaf gut exekutiere.
Bei Riehls sprach ich neulich über Rel phil. ohne rechten Einigungserfolg; man fand sie zu negativ. Diese Vorlesung, Paulsen u. Fichte können Sie ev. mitnehmen, oder ich schicke sie nach Ostern. Demnächst mustere ich die alten Mss auf Verbrennungsfähigkeit. Eine Ästhetik aus dem Jahr 1899 ca sollen Sie sehen.
Die beiden Karten u. die hübsche Skizze von dem lieben Fleckchen lege ich wieder bei. Herzlichen Dank! Kuchen u. Schinken sind verspeist, nur die Schlachthunde sind noch im Gange.
Ich lebe und schwärme ganz in den Tagen Ihres Hierseins. Kann es am 6. nicht sein, so wollen wir jedenfalls alles aufbieten, um in unserm Stil recht viel davon zu haben. Ich bin hungrig nach persönlichem Glück.
Ist Frl. Knaps wieder ganz hergestellt? Viele Grüße.
Haben Sie in der Zeitung die für die Fakultät blamable Abgeordnetenabhandlung gelesen? Und Hinnebergs Schicksal?
Viele innige Grüße in herzlicher Dankbarkeit u. Sehn<li. Rand>sucht Dein treuer Bruder. Bitte bald ein Zeichen von Ergehen u. Beschlüssen!!
[Kopf] H. Scholz u. ich haben über Freifrau v. Soden u. Professorfrau Weinel den <re. Rand> Stab gebrochen.
[re. Rand S. 1] Die Visitenkarte gefällt mir gut; jetzt habe ich 2 von Ihnen!!
[re. Rand S. 3] Für die Skizze habe ich leider im Moment kein passendes Couvert. Ich behalte sie noch, habe auch <Kopf S. 3> noch einige Hefte von Ihnen!