Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. März 1911 (Charlottenburg 2, Kantstr. 140)


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Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 28. März 1911 10 Uhr Abends.
Liebe Freundin!
Ich schreibe Ihnen zum letzten Mal aus der alten Wohnung. Aber ohne das mindeste Sentiment. Ich habe gelernt, allen persönlichen Kultus der Sache aufzuopfern. Nur wenn ich jetzt beim Räumen wohlbekannte Schriftzüge finde, die das noch Verwertbare treu, als wäre es für die Ewigkeit, bewahrten, wird es mir wehmütig. Das alles geht nun als Ballast dahin. Es ist im ganzen nicht mehr wert als das Schlüsselbrett aus Laubsägenholz, das ich wohl vor 18 Jahren meiner Mutter zum Geburtstag machte, und das nun mit dem Bodengerümpel Abschied nimmt.
Das alles ist Fetischismus.
Wer unsre Wohnung heute sieht, glaubt nicht, daß wir übermorgen ziehen. Alles ist noch wie sonst, nur in der Küche ist's fürchterlich, u. auf dem Boden habe ich wie ein Naturforscher stundenlang im Dreck gewühlt.
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Machen Sie sich doch ja kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis. Hätten Sie die neue Wohnung so gesehen, wie ich heute, so würden Sie überzeugt sein, daß wir in das größte Dreckloch der Umgegend einziehen. Der Zustand der Hinterzimmer ist schauerlich. Und da ein weibliches Auge das immer besser sieht als wir, so ist mir die Verstimmung unsrer Dame wohl verständlich. Aber was hilft's: die Wahl ist einmal Kompromißprodukt - billig und nah - und ich bekomme ein feines Arbeitszimmer. Die Wirtin müßte wohl eigentlich alles machen lassen, was nach hinten liegt. Das hieße aber wochenlange Beunruhigung für uns.
Ich war heut da, dann wir alle drei, und ich habe auf m. Skizze alle Maße eingetragen. Raummangel ist nur in der Küche. Wenn wir dort 1) Küchenspind 2) Abwaschtisch 3) Küchentisch unterbringen, so ist alles dick voll, u. vielleicht geht das nicht einmal, - das Mädchenzimmer - weiß der Teufel, wie man sich täuscht, ist tatsächlich schmaler als das jetzige, nämlich 1,28 m, bei einer Länge von 3,14. Zu
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| klein ist es eigentlich auch nicht; da aber das Bett 1 m breit ist, bleibt kein Raum zum Einsteigen, u. wir werden wohl 1 eiserne Bettstelle anschaffen müssen - überhaupt - "tu Geld in Deinen Beutel" - zunächst damit der Dreck rauskommt. Mein Zimmer wird ja gemacht. Der Ofen raucht ungeheizt, übertrifft also "Minna v. Barnhelm", wo er nur im Winter raucht. Die Katzen haben am Dachrand Avenue bis zu mir u. scheinen die Fensterscheiben schon zertrümmert zu haben, um zuzusehen, wenn der Bursche die Wand lang spuckte. Das Berliner Zimmer - ich komme von hinten nach vorn - ist an sich sehr hübsch, aber defekt, und es muß bei günstiger Zeit und Finanzlage einmal ganz gemacht werden. Überhaupt wird von da an alles reicher u. schöner. Geradezu lieblich ist das Entrée, das ein ganzes Zimmer darstellt. In m. Zimmer will ich den Schreibtisch freistellen. Sie werden noch vieles zu regeln, zu verbessern und zu ordnen finden. Mit Herrn Kölle werde ich wohl bis Juni jeden Abend verleben.
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Die Tore der Wissenschaft sind bis auf weiteres geschlossen. Die Thesen für den 6.IV. habe ich eben vollendet. Alles andre bleibt nun liegen.
In der Schule hatte ich recht tiefgehenden Ärger durch Elsbeth Hanke, die allem meinem optimistischen Glauben an sie entgegen handelt. Nach der herzlichen Annäherung bei der Partie jedenfalls eine schwere Enttäuschung.
Scholz' Jubiläum brachte mir eben eine Postanweisung. Ich habe es <Wort unleserlich>, daß ich nicht mehr als 5 M zeichnen kann.
Mein Onkel war eben noch einmal hier.
Es ist weiß Gott nicht gerade schön, ja mein Vater ist so heiser, daß er garnicht wird kommandieren können, u. selbst der Portier, der mir heute ½ Stunde v. d. Schmüke erzählte, zieht aus, wenn wir einziehen. Aber die Ida ist sehr tätig u. resolut. Und in mir ist so etwas Ungewohntes von Gesundheit u. Frühlingsstimmung, was auch um so mehr erhebt, als es nicht von dieser Welt ist. Gewiß ist es von der Heidelberger Welt. Und so wünsche ich Ihnen nochmals glückliche Reise. Tausend Grüße aus dem alten Heim
AEI   Eduard.