Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. April 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a.
Den 19. April 1911.
Liebe Schwester!
Ich kann Ihnen nur wenige Worte schreiben, aber ich muß doch auf Ihren lieben Brief aus der Bahn antworten. Sie haben wohl empfunden, daß Sie mich in einer seelisch sehr trostlosen Verfassung fanden. Es ist Ihr Zweifelgeist, nicht meiner, wenn Sie sich über die Kraft Ihres Kommens und Hierseins Gedanken machen. Was Menschen mir helfen können, geschieht von Ihnen. So und nicht anders habe ich Ihren Aufenthalt hier empfunden. Sie andrerseits werden fühlen, daß ich Ihnen nichts mehr geben kann, daß der Krater meines Inneren erloschen ist unter dem Druck der täglichen Not und der Anforderungen, die sowohl materiell wie wissenschaftlich meine Kraft übersteigen.
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| Die Zeiten, wo ich Sie in ein freies Reich des Geistes führen konnte, sind vorbei. Mein Geist ist niedergezogen, und eine bittere Skepsis in allem, was mich und mein Schicksal betrifft, wird nur durch Sie gelindert. Dies Verdienst dürfen Sie sich zuschreiben, daß ich noch nicht ganz mit meinen Idealen Bankrott gemacht habe.
Mir ist, als wäre ich in einem Raum, dessen eine Tür heißt: Überarbeitung, dessen andre: wissenschaftlicher Niedergang, dessen dritte: Schulden, dessen vierte: Zerrüttung der Familie. Durch eine oder mehrere dieser Türen geht es hinaus. Eine heutige Unterredung hat zwar die inneren Beziehungen wieder etwas gestärkt, aber äußerlich bleibt die Verpflichtung, einen Haushalt zu bestreiten, den ich noch in Jahren nicht werde führen können.
Sie beklagen sich über die Ablehnung des Rheinsberger Packets. Ja - ich kann in solchen
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| Dingen Gott sei Dank noch immer nicht gleichgiltig denken. Ich werde Sie bald für das Notwendigste wieder brauchen, da gibt es keinen Luxusfonds. Und die Verantwortung, Ihre eigne Existenz zu gefährden, kann ich vor mir nicht übernehmen.
Der Besuch im Ministerium war ein neuer Quell der Erregung. Es handelt sich da um einen Auftrag von 4 Semestern. Da ich alles brauche, war ich bereit, obwohl ich weiß, daß meine Kraft nicht ausreichen wird. Nachher erst fiel mir ein, daß das ein bezahlter Nebenberuf ist, und ich hoffe, der ganzen widerwärtigen Sache, die nicht mehr als Böhm einbringt u. doppelt Arbeit macht, durch diese Hintertür zu entschlüpfen.
Hoffentlich haben Sie sich unter schönen u. friedlichen Eindrücken in Rostock von dem Berliner Aufenthalt schon ein wenig erholt u. tun es in Stettin weiter. Es tut mir so weh, daß ich Ihnen bei Ihrem opferfreudigen Kommen so gar nichts Schönes bieten kann.
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| Aber ich war auch physisch in den Tagen Ihrer Anwesenheit ganz entsetzlich herunter, was durch den Fall Runge, die Sorgen und die Flucht von Hause noch vermehrt wurde. Das Semester beginnt also mit dem bekannten Minus.
Ich kann nicht viele Worte machen, aber das will ich wiederholen, daß mir Ihre Liebe wie ein klarer heller Stern an diesem nächtlichen Himmel steht, und daß dieser Stern auch bisher vor der Verzweiflung gerettet hat.
Ich freue mich, Sie am Montag Abend wieder zu haben. Damit ich einigermaßen frei bin, arbeite ich jetzt von früh bis in die Nacht. Leben Sie wohl, geben Sie sich den Eindrücken in Stettin hin und bringen Sie mir davon etwas mit.
Innig und dankbar
Dein
Eduard.