Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. April 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21. April 1911.
Liebe Schwester!
Für Ihren lieben Brief innigen Dank! Es tut mir weh, so viel Liebe nur mit immer neuen Klagen beantworten zu müssen. Aber ich bin jetzt ganz verzweifelt, und die neue Wohnung ist mir wie eine Unglücksstätte verhaßt.
Irgend eine Gemütskrankheit muß in mir liegen, die mich wie ein Dämon beherrscht, wenn ich zu Hause bin. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Ich schien mir geboren zur schönsten Harmonie, und alle Verhältnisse, in denen ich sonst lebe, sind noch heute schön und konfliktlos. Weshalb hetzen mich alle bösen Geister auf diesen unglücklichen Menschen, der nun einnmal mein Vater ist? Alles Bittere, was ich gegen das Leben habe, lege ich ihm zur Last.
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| Ich weiß, daß das ungerecht ist. Aber oft scheint mir, als wären wir bestimmt, uns gegenseitig zugrunde zu richten. Heute war aus geringem Anlaß wieder der blutigste Konflikt. Wir beide werden ganz krank darunter. Warum muß das sein? Ich wünsche mir oft, nicht mehr zu leben, ich halte es nicht mehr aus, und doch bin ich selbst daran schuld. Wie kommt dies plötzlich in meine Seele? Ich bin sonst so weich und dankbar für jede Liebe. Ist es nun hier wirklich der Geldpunkt allein? Es ist ja wahr, die Ausgaben gehen ins Ungeheure. Und da ich selbst davon so gar keinen Lebensgenuß habe, so frage ich mich, wer das veranlaßt haben kann? Warum kann ich nicht vergessen, was mehr aus Unwissenheit als aus böser Absicht geschah und geschieht?
Ich habe darauf nur die eine Antwort: weil ich mich vor dem Unmöglichen sehe und weil dieser Kampf ein Kampf um mein
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| Leben und meine höhere Bestimmung ist, die an diesen Konflikten scheitert. Ich kann nicht mehr arbeiten, nicht mehr denken. Aus jeder gedruckten Seite starrt mir die Frage entgegen: Was soll daraus werden.
Alles ist schon längst tot; in meiner Seele war es nie so wüst. Schwer krank sein, ist dagegen Wonne. Ich habe kein Wollen mehr und keine Worte, und doch könnte ich darunter nicht so leiden, wenn ich nicht fühlte, daß es anders sein sollte.
Werfen Sie diese Briefe nicht fort. Wenn jemand mein künftiges Schicksal nicht begreifen sollte, hier liegt der Schlüssel. Ich habe ehrlich gerungen, aber es will nicht mehr.
Wenn ich nicht Haus hielte, würde man mir einen Vorwurf machen können. Aber wenn ich Haus halte, erreiche ich nichts und tue meinem Vater unrecht. Ich habe heut wieder den ganzen Tag gerechnet. Außer dem Umzug und Miete habe ich bis heute
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| 21. April gegeben 1200 M. Dazu kommen 160 M Einnahmen m. Vaters, die ebenfalls ausgegeben sind. Meine persönlichen Ausgaben dieses Jahr betragen auch ca 150 M Also bis heute Ende April 1500 M. Macht im Jahr 4500, ohne Miete, Arzt, Reise, Anzüge, Bücher. Eingenommen habe ich dies Jahr außer dem Stipendium bis jetzt ca 900 M. Und ob meine große Vorlesung zustandekommt, ist bei meiner Gesundheitsverfassung sehr fraglich.
Soll man immer nur dulden und leiden? Ich weiß nicht mehr aus noch ein.
Grüßen Sie Hermann u. s. Gattin.
Und verzeihen Sie mir, daß ich meine Qual nicht vor Ihnen verberge. Hätten Sie mich nie gesehen!!
Ihr Sie nur noch quälender
Bruder.