Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, [18.] April 1911


<Ostern fiel 1911 auf den 16./17.4.; KH schreibt am 18.4. aus der Bahn nach Rostock und am 19.4. bezieht ES sich auf diesen Brief, also vermutlich vom Vortage, dem 18.4.
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Mein geliebtes, geliebtes Kind! Vor einem Jahr kamst Du und glaubtest mich aus einer Gefahr zu erretten. Es war etwas Großes, und doch war es nichts. Denn diesmal hast Du mich vom wahren Abgrund errettet. Wie mußt du selig sein, daß Dein Leben solcher Steigerungen fähig ist! Mein ganzes Schicksal scheint gemacht, um zu zeigen daß Du größer, reiner, edler bist als ich, der ich nach dem Höchsten strebte. Alles ist Veranstaltung gewesen für diese Offenbarung. Meine Not, der Tod der unglücklichen Frau, die nicht sterben konnte, ehe Du kamst, mein negativer Vortrag – das alles scheint mir nun die sinnvollste Einheit. Durch Dich mußte ich dies alles erleben, um nun zeugen zu können: es gibt kein kaltes Schicksal, sondern alles ist zum Guten. Ob es durch mich
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| in die Welt kommt, ist ohne Belang. Aber wenn mir die Zunge Kraft behält, will ich diesem Glauben dienen: alles ist Fügung; es gibt kein Schicksal, sondern nur Bestimmung. Und so geleite dich, mein teures Kind, in die Heimat dies Gefühl, daß Du mir das Schönste brachtest, was die Welt hat: Vertrauen zum Guten, das weiter wachsen wird und wirken. Erinnere mich daran, wenn ich schwach werde. Noch stehe ich wie geblendet, und in die Tränen des Abschieds mischt sich der Jubel, so reich zu sein, so unendlich reich. Gott segne Dich; denn daß Gott ist, weiß ich durch Dich.
So gibst du dann wirklich meine Religionsphilosophie heraus. Es ist in mir, wie lauter Glockenläuten der Auferstehung. Die alten Märchen bekommen neuen Sinn. Es ist eine Lust zu leben.
Herz an Herz
Dein Bruder.

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Du kamst – im Winterreif lag noch die Welt,
Ein Grabesklang in mir, und ringsum Sterben.
Nie hat so ganz das Schicksal mich gefällt,
Mein Glaube lag vor mir – ein Winkel Scherben.
Und wieder kamst Du; Deine zarte Hand,
Voll Kraft, die inn'ren Welten zu bewegen,
Ergriff mich: aus dem Winterschnee erstand
Ein Blütenmeer von Frühling und von Segen.
O heil'ges Wesen! Längst verlernt' ich beten,
Nur düster Trotz verschloß des Herzens Quell.
Du lösest alles: Vor Dich will ich treten
Und knien, weinen, glauben jubelhell.
Zum Abschied nach Ostern
1911.