Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Mai 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, 2 Mai 1911.
Liebe Schwester!
Es ist zwar die 14. Briefseite, die ich heute hiermit beginne; aber ich will Sie doch nicht länger ohne Nachricht u. ohne Dank für Ihren lieben Brief, der mir Ihre glückliche, wenn auch leider sehr ermüdete Ankunft in der Heimat meldete, lassen. Für innere Dinge ist freilich heut gar keine Ruhe. Nehmen Sie also vorlieb mit einer kurzen Aufzählung der Tatsachen.
Tante Grete war gestern hier, und am Mittwoch soll ich die Kandidatin sehen. Nun aber ist die jetzige passabel, ein Grund zur Kündigung im Moment nicht zu finden, obwohl ja im einzelnen vieles auszusetzen ist. Wäre sie unbrauchbar, läge der Fall einfacher. Vielleicht kann ich sagen, ich könnte mich erst zum 15. Mai entscheiden. Sie verstehen die unangenehme Doppellage, in der ich bin.
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Die Nerven haben mich recht geplagt. Jetzt trinke ich Baldriantee und bin etwas ruhiger. Überhaupt treibe ich, wenn ich nicht arbeite, eine förmliche Gesundheitstechnik, mit Schlafen und Essen; denn alles kommt darauf an, daß ich das Semester durch komme.
Mit meinen Leistungen in den Vorlesungen war ich heute u. gestern unzufrieden. Ich glaube, die öffentl. Vorlesung habe ich durch verfrühte Subtilitäten verborgen. Es waren ca 150 Mann, 30 standen. Aber Ärger spielte auch hinein. Ehe ich fortging kam ein Brief v. Dilthey mit allen möglichen Schleiermacheranliegen, u. dann im Kolleg - ich könnte platzen! Meiner Cousine hatte ich am 23.IV gesagt, wenn sie das einmal sehen wollte, könnte sie kommen. Resultat: 7 alte Weiber sitzen da, als wenn es eine Kaffeepartie wäre. Unerhört in den Annalen der Universität!! Das vertreibt natürlich auch die Studenten.
An Gertrud Bäumer habe ich, als ich mich am Sonnabend wieder ärgerte, mit
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| cynischer Offenheit geschrieben. Sie antwortete sehr nett u. meinte, es wäre harmloser Lerneifer, wenn ich es erlaubte, würde sie einen Wink geben. Morgen soll ich in andrer Angelegenheit zu ihr kommen; dann wird auch dies erledigt.
Das Minist. schickt mir einen Stundenplan Do. 3 - 5 u. Fr. 11 - 12. Wann es anfängt, unbekannt. Der Dekan hat gar keine Bedenken. Ich habe Dilthey alles geschrieben, damit er sieht, daß keine Zeit frei ist.
Im Privatkolleg hält der Stamm aus. Aber mein heutiger Plato kam nicht ordentlich heraus.
Frl. Naumann sagt, daß ich am 6.IV. viel zu matt gesprochen hätte. Den Inhalt lobte sie sehr.
Zeichnen Sie jetzt fleißig am Port des Lebens? O, die Natur ist so schön. Viel lieber ließe ich Sie Blüten zeichnen. Aber wir wollen fein ruhig und geduldig alles hinnehmen. Der 2. Frühling kommt hoffentlich im August.
Mein einziges Vergnügen ist jetzt das Ra
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|sieren. Es tut mir zum 1. Mal leid, daß ich nicht mehr Bartwuchs habe. Die Sache ist wirklich fein, und ich gedenke Ihrer dabei stets doppelt intensiv. Es gibt jetzt überhaupt kaum etwas in m. Gebrauch, das Sie mir nicht geschenkt hätten.
Ob das Mädchengehalt zum Anfang oder Ende des Monats zählt, habe ich nicht feststellen können. Es ist aber gleich. Die Rechnung beginnt mit dem 1., und alles wird Ihnen nach Ende des Monats vorgelegt. Gestern habe ich 24,50 eingenommen. Davon 14,50 für 1 Jahresbericht, an dem ich 8 Tage gearbeitet habe.
Im Sprechzimmer immer sehr angeregte Unterhaltung. Lenz kriegte gestern die Apoplexie vor Vergnügen, als ich ihm v. Sch. erzählte: "Ich habe aus Ihrem Humboldt mit Vergnügen gesehen, daß Sie keinen Standpunkt haben." Da er es in m. Gegenwart Stein u. Bein, selbst Mathematikern erzählte, wird es ja wohl in die Preuß. Jahrbb. kommen. Imelmann hat mit Windelband über mich gesprochen. A. Ruge ist ein philos. Wegelagerer. Freitag Neubabelsberg. Nun nur noch Raum für alles Innige und Gute und im Geiste Fortsetzung des hier Begonnenen Ihr Bruder Ed.
[li. Rand] Herzlichen Gruß an Frl. Knaps.
[Kopf] 2 Stühle flechten 6,65 M.
[re. Rand S.1] Bitte grüßen Sie Coss u. danken Sie ihm für s. Brief. Sagen Sie ihm aber nicht, daß ich ihn noch immer nicht ordentlich gelesen habe.
[li. Rand S. 1] Von Knauer sehr herzliche Einladung. Ich habe ihm geschrieben, daß ich nicht komme.