Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Mai 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 12. Mai 1911.
Liebe Schwester!
Sie werden wahrscheinlich den Eindruck haben, daß ich Ihnen sehr lange nicht geschrieben habe; es ist wohl auch so, aber unter der unablässigen Arbeit rennt die Zeit wie wild, und Gott sei Dank, das Semester geht so schneller zu Ende.
Hier ist also der gewünschte Stundenplan:
9/10.   Paedagog.   Paedagog   Böhm   Paedagog.   Paedagog.   Böhm
10/11. Böhm Böhm
11/12 Kursus.
12/1 Pestalozzi Fröbel.
  3/4 Kursus.
  4/5 Kursus.
  5/6.
  6/7 Phil. u. Polit.
Ich weiß nicht, ob die Karte von Ihnen u. Coss aus dem Freien kam oder nur fingiert war; aber ich wünschte herzlich, daß Sie Zeit hätten, diese Tage des Flieders zu genießen und auf Ihre Erholung bedacht zu sein. Ich komme zu nichts. Außer dem Zeitunglesen ist alles Beruf. Aber diese asketische Konzentration macht mir
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| schließlich doch Freude. Ich bin außerordentlich auf Essen u. Schlafen bedacht und nehme trotz allem offenbar zu. Auch hat regelmäßiges Trinken v. Baldriantee mich sehr beruhigt. Wenn nun nichts dazwischen kommt, so wird es ja gehen. Diese Bedingung ist allerdings sehr hypothetisch. Denn es ist alle Augenblicke etwas Neues, Dilthey meldet sich, Ärger mit dem Mädchen, mein Vater seit 3 Tagen krank u. z.T. im Bett u. s. w.
Ich kann Ihnen über die Fülle dessen, was hier vorgeht, keinen so ausführlichen Bericht erstatten, wie ich wünschte. Mir ist diese Periode meines Lebens auch deshalb interessant, weil ich in diesem Semester, wenn es glatt geht, gerade oder doch beinahe so viel verdiene, wie ich brauche. Da ich jedoch frühestens am 1. Juni etwas in die Hand bekomme u. nicht gern bis auf den letzten Pfennig mich ausgeben möchte, so muß ich Sie nun leider bitten, Ihre Hilfe auf diesem Gebiet noch einmal in Bewegung zu setzen. Wie sehr wünschte ich, daß es anders wäre. Aber ich muß doch nun auf diesem Wege weiter.
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| Sie haben mir 100 M hier gelassen. Ich habe noch, nachdem diese für Wirtschaft ausgegeben sind, 150 M, brauche aber diesen Monat für Wirtschaft [über der Zeile] u. Anzug u. Steuern 200–250 M (Steuerzettel noch nicht erhalten.) Für mich selbst brauche ich nun tatsächlich außer Fahrgeld nichts, da ich für nichts Zeit habe.
In der Vorlesung über Pädagogik werde ich die 1000 M kaum erreichen. Ich habe zwar 50 Hörer, von denen wohl 40 mindestens noch geblieben sind, aber darunter sind mindestens 5 gestundete. Ich kann nicht sagen, daß diese Vorl. mir entfernt so viel Freude macht, wie Arbeit. Der Gegenstand bleibt immer trocken, und die Hörerschaft ist weniger intelligent als im Winter. Im Publicum, das ich letzten Montag sehr packend gestaltete, waren 170. Das läuft natürlich auch mit der Zeit auseinander. – Mit Schöppa, der wiederholt bei mir war wie ich bei ihm, habe ich noch lange Verhandlungen gehabt. Der Universitätsrichter erklärte nämlich plötzlich, das sei ein Nebenberuf, u. zwar gerade am Tage als ich anfing. Sch. aber lief so lange umher, bis das städtische Kuratorium, Michulk,
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| nämlich, erklärte, es habe gar keine Bedenken. Die Sache habe ich also.
Mit Gertrud Bäumer habe ich über das PF. Haus gesprochen. Schon am vorigen Sonnabend war man dort darüber orientiert, u. außer Lili Droescher, die nicht rauszukriegen ist, war niemand da. – Bei Böhm ist es nett, leicht u. heiter. Es ist merkwürdig, wie die Schule doch die Krone bleibt.
(Gestern und h morgen geht nun ohne mich das Jubiläum bei Knauer vor sich. –)
Die Kurse sind nicht unangenehm. Ich bete genau denselben Spruch, wie einige Tage vorher in der Universität, u. lerne dabei den dogmatischen Typus Volksschullehrer sehr genau kennen.
Es ist etwas mit mir in der Schwebe. Riehl hat eine Anfrage über mich bekommen; er sagt nicht, von wo, aber es soll sehr ehrenvoll sein. Außerdem quittiert Münch zum Winter die Vorlesungen u. hat mich zu s. Erben ernennen wollen. Ich hatte mit ihm darüber eine verwickelte Unterredung, kann Ihnen aber so nicht auseinandersetzen, um was es sich handelt. Ich habe Grund zu glauben, daß er über die alten Sachen, die er mir hinterlassen will, garkein Verfügungsrecht hat.
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| Die Sache mit dem Mädchen ist u. bleibt sehr doppelseitig. Tante Grete hat noch einmal die Güte gehabt, sich zu mir zu bemühen, und mir einen Brief von der projektierten gebracht. Ich habe bisher absichtlich nicht geantwortet. Mein Vater war gegen eine Kündigung zum 1. Juni. Aber nun kam ein ernster Zwischenfall. Sie geht, wie Sie wissen, jeden Abend um ½ 9 aus der Wohnung, bleibt wohl im Hause, aber sehr lange fort, was meiner Reise wegen nicht einreißen darf. Am letzten Sonntag bemerkte ich, daß sie erst um ¼ 4 nach Hause kam, u. am Montag um 12. Darauf Aussprache, die um so wirksamer, als ich selten etwas sage. Da sie alles einsah u. künftig um ½ 11 raufkommen will, liegt kein ersichtlicher Grund zur Kündigung vor. Ich passe auf, wie ein Schießhund, und irgend etwas ist alle Tage. Aber das wird überall so sein. Ich werde also schreiben, ich könnte garnichts Bestimmtes sagen, würde sie aber bis I.VI. im Auge behalten.
Ich habe eine Bitte: Können Sie mir recht bald bei Köster besorgen:
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| Jellinek, Adam in der Staatslehre, 0,80 M. und per Drucksache schicken <unleserl. Zeichen oder Buchstabe> Ich brauche es zum Publicum.
Von Runges habe ich nichts wieder gehört.
In der T. R. steht eine Sammlung von Druckfehlern über den 6. April.
Eben lese ich Ihren lieben Brief noch einmal u. sehe, daß einige Fragen nicht beantwortet sind. Also: Ob das Min. für 3 Std. mehr als 300 M gibt, weiß ich nicht. Für den Sommer aber u. bei der bequemen Lage sind 10 M pro Stunde ganz gut.
Für das Collier, für das mein Vetter 33 M geboten hatte, hat m. Vater 56 M bei Werner bekommen, hiervon ich die Hälfte.
Es gibt so viel Innerlicheres und Schöneres, worauf ich gern eingehen möchte; aber es ist wahrhaftlich bei mir jetzt alles Stundenplan, Geschäft und Vorbereitung. Auch habe ich keine rechte Ruhe, weil m. Vater
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| teils stöhnt, teils fragt, teils der Brief endlich fortmuß. Und wo werden Sie viel Liebes u. Treues zwischen den Zeilen lesen und wissen, daß alle meine Gedanken täglich zu Ihnen streben und bei Ihnen meine beste Heimat haben.
Viel innige Grüße und Wünsche! Bitte auch an Coss und Frl. Knaps Grüße
Ihr treuer u. dankbarer
Bruder
Eduard.
[re. Rand S. 6] ev. eingeschrieben, nicht Postanweisung!