Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Mai 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a.
Den 13. Mai 1911.
Liebe Schwester!
Es ist heut ein so schöner Tag; alles ist mir gelungen: morgens eine meisterhafte Analyse (ich selbst .........) von "An den Mond" vor den Mondschäfchen der Schule, mittags im Pestalozzi-Fröbelhaus ausgezeichnete Darstellung v. Rousseau mit sichtbarer Nachwirkung u. einigen Schrauben weniger (eine der Schr. ist - - Frl. v. Gierke, ich weiß aber nicht, ob dieselbe, die in Charlottenburg tätig ist.) Und nun kommt Ihr Paket, Ihr lieber Brief - ich bin ganz glücklich. Noch habe ich kaum alles gesehen u. bewundert; es ist so viel und alles spricht so viel Liebe; aber ich bin ungeduldig Ihnen zu schreiben und zu danken. Von den Eßwaren kann ja ein Privatdozent 4 Wochen leben und braucht nicht mal Taschentücher zum Tränentrocknen. Was wollen Sie von denen? Ich habe so schöne noch nicht besessen. Sehr lieb sind mir aber auch die
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| mit dem gezackten Rand. Ich werde keinen Knoten hineinzumachen brauchen. Am liebsten wird es Ihnen wohl sein zu hören, daß ich momentan gar kein Sanatogen brauche. Ich fühle mich gut, und da es doch an Erregungen und Anstrengungen, ja selbst an Gewitterluft auch nicht gefehlt hat, so kann ich dies nur auf den Baldriantee schieben. 3x täglich konsequent seit 14 Tagen. Versuchen Sie's auch mal. Es ist ja harmlos.
Eine Apfelsine habe ich eben nach Ihrem Rezept für meinen Vater zerdrückt, und der Duft mischt sich mit den Maiglöckchen vor mir, die eben die sog. "Goldkörnern" gebracht hat. Das ist nun wieder ein merkwürdiger Zustand bei m. Vater: Montag Zahnziehen. Dienstag gut, nachts Schüttelfrost, 39,4. Mittwoch gut, ja vortrefflich, Donnerstag bis heut morgen immer unter 37, abends 38,5, heute sogar 39. Dabei zeigt sich weder Erkältung noch [über der Zeile] irgend nennenswerte Darmverstimmung. Ungeduld natürlich sehr groß. Benary verreist, und der Vertreter, weiß
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| Gott, nach na ich will nichts gesagt haben.
Daß Sie mit Coss in Schwetzingen waren, ist schön. Es ist jetzt wirklich herrlich; ich war eben im Gewitterregen 1 Stde im Grunewald, aber hatte nicht viel davon. Es gibt ja da nichts Grünes.
Wenn ich mir Ihr Paket betrachte, so tut es mir weh, daß ich Ihnen so gar nichts Liebes schicken kann, noch nicht einmnal einen Brief mit guten Gedanken. Wann das einmal anders wird? Ich muß mir nun schon gefallen lassen, daß die Schwester für mich sorgt. Gewiß ist auch uns eine Heimkehr ins schöne Griechenland bereitet.
Morgen erwarte ich um 3 Hermann. Da die Donna an den Sonntag so gewöhnt ist, wird aus dem erhofften Schönhausen wohl nichts werden. Wenn ich den Swinemünder Plan, so herzlich er gemeint ist, nicht annehme, so kennen Sie ja nach meiner ganzen Art die Motive u. stellen Hermann gelegentlich vielleicht die Sache von dieser Seite dar. Die Bilder der guten Leutchen sind sehr hübsch.
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| Auch die Wohnung gefällt mir demnach ausgezeichnet. Die Aufnahme x x x mußte entzwei gehen; die ist greulich. - Wenn ich schon eine so spitze Nase habe, hätten Sie sie nicht verewigen sollen. Ich habe immer das Gefühl, sie müßte ein Loch in das Bild reißen. Übrigens sehe ich uns auf dem Lampenschirmbild mit Schrecken. Sehr lebensfroh bin ich da offenbar nicht.
Das Ei ist bis auf die untere Hälfte verzehrt. - Das mit den Maikäfern ist ein hübscher Gedanke.
Die Geldsachen sind vorläufig wohl in Ordnung u. ist da nicht weiter einzuwirken, als den Kontrakt zu bewahren. Das Los kam am 1. Tag mit dem Einsatz raus, die Sache geht also weiter.
Ich rauche sehr mäßig und lebe wahnsinnig vernünftig, doch scheint mir das ein Widerspruch.
Neubabelsberg war sehr nett. Die alte Garde aus dem Publikum ist raus; aber ich vergaß zu schreiben, daß ich in ein größeres Auditorium übersiedeln mußte. Dienstag war ich bei Scholz zu Mittag. Ich hatte nun den Eindruck, als wäre ich in einer völligen Selbsttäuschung. Merkwürdig. Aber ich muß noch nach der Post, an Knauer zu telegraphieren. Denken Sie, beim <li. Rand> Festakt war d. Oberbürgermeister da, ich hätte also doch nur die 2. Rolle gespielt. Jetzt beginnt das Amü<Kopf>sement, u. Frl. Ströhmann hält wohl bald den Trost, den sie gestern Nacht per Rohrpost bei mir bestellt hat.
<Kopf S. 1> Frl. Knaps wenigstens indirekt vielen, vielen Dank. NB. dazu habe ich demnächst etwas hinzuzufügen.
<Fuß S. 1> An den Bildern möchte ich mich noch ein bischen freuen.
<re. Rand S. 1> In diesem Brief wollte ich Ihnen danken, u. jetzt ist, weiß Gott, dafür nicht einnmal mehr Platz. Nun, es ginge doch nicht aufs Papier, was ich fühle, also nehmen Sie mit den <li. Rand S.1> eiligen Zeilen vorlieb. Sie kommen von Herzen u. ich kann Ihnen ja nichts andres geben als mein Herz. Das aber haben Sie ganz. Innig u. dankbar Dein Bruder.