Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Mai 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19. Mai 1911.
Liebe Schwester!
Ihre Schilderung des Abends auf dem Schloß hat mich ganz melancholisch gemacht. Ich darf garnicht daran denken, daß es so etwas auf der Welt gibt; sonst möchte ich gleich fortfliegen und dabei sein. Hier kommt jetzt kaum eine Stunde, die ich Ihnen allein in stiller Sammlung widmen könnte. Denn die Arbeit nimmt alle Zeit ein. Trotzdem fühle ich mich dabei recht zufrieden. Ich sehe, daß es bei vernünftiger Einteilung geht; ich fühle mich in einer großen und erfolgreichen Wirksamkeit; und nicht zuletzt: ich verdiene doch jetzt mit der Anstrengung so viel, um davon leben zu können. Der Donnerstag ist ja ein übler Tag; aber ich kann doch um 5 sagen (obwohl ich bar noch nichts sehe:) heute hast Du 40 M verdient.
Freilich ein buntes Leben! Mein Vater ist wiederhergestellt. Aber mit dem Mädchen reißt der Ärger nicht ab und stört mir fast Tag für Tag die Nachtruhe. Ich bin entschlossen, am 1.VI
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| zum I.VII zu kündigen. Die Einzelheiten der Begründung schreibe ich nicht; es liegt alles im Argen; später einmal mündlich. Natürlich gibt das im Juni noch viel mehr Ärger. Eben war die empfohlene hier, und es ist quasi fest abgemacht, daß sie herkommt. Sie ist zwar schon 46 Jahre und sieht recht abgearbeitet aus. Aber eben dies ist wohl ein Beweis ihres Fleißes, und bei gutem Willen ist es bei uns wohl nicht schwer.
Dienstag war ich bei Runges u. habe ihre Maikäfer hingebracht. Der kleine Kerl ist am Tage unsrer Partie noch sehr krank geworden u. hat lange gelegen. Die arme Klara! Ich will veranlassen, daß die Nase des Kleinen einmal untersucht wird; sie scheint nicht in Ordnung zu sein. Dann traf ich Frau Paulsen, die ich eigentlich heute Abend zur Maibowle besuchen sollte.
Gestern machte ich mich trotz meiner Müdigkeit, die durch Mädchenärger noch gesteigert war, auf den Weg, um die 1. Klasse auf ihrer Partie mit Böhm noch zu erreichen. Um 7 war ich atemlos allein durch den Wald in Nikolsköe - schon fort. Um 8 der Verabredung gemäß in Stolpe, wo
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| ich einsam unter Blüten am abendlichen Waldsee saß und Ihrer gedachte. Meine Gesellschaft kam nicht. Am Bhf traf ich sie endlich; war nun aber zu müde, um noch mit den einzelnen zu reden.
Im Kolleg erreiche ich wohl die 1000 M trotz der sehr zahlreichen Stundungen. Der Besuch ist dort nicht gerade glänzend, aber im Publicum noch gut. Ich habe eine phänomenale Entdeckung gemacht u. stelle mich Ihnen als den ersten vor, der Comenius verstanden hat.
Ziegler geht in diesem Semester. Sollte er mich als Nachfolger genannt haben?
Hier schweben verwickelte Dinge infolge von Münchs Abgang. Er gefällt mir wieder sehr wenig. Die Sache hat aber so viel Nüancen, daß ich sie in der Eile nicht schreiben kann.
Es ist 11, und ich bin so schrecklich abgespannt, daß ich auf Ihre Nachsicht hoffe, wenn ich nur noch von einem Geschäftlichen rede. Ich komme also tatsächlich nicht bis zum 1. Juni aus Am 26.V. muß ich noch 50 M für die Wirtschaft geben.
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| Auf der Sparkasse habe ich dann nur noch 50 M, die ich liegen lassen möchte, des Buches wegen. Anzug u. Steuern können vielleicht bis zum Juni bleiben. Würden Sie mir also in den nächsten Tagen 1 Hundertmarkschein eingeschrieben schicken können? Dieser Weg wäre mir der liebste, da des Mädchens wegen alles sehr vorsichtig behandelt werden muß. Es wird übrigens jetzt wieder mehr verbraucht. Die letzte Woche pro Tag 5,50. M. - Allerdings möchte ich dann gleich mit Ihnen verabreden, daß ich im Falle einer unvorhergesehenen dringenden Ausgabe telegraphieren würde. Gleich nach dem 1. Juni könnte [über der Zeile] wäre ich ja fürs erste wieder gesichert. Aber ich kenne mein Schicksal u. brauche alle Vorsicht.
Hoffentlich ist dies das letzte Mal, daß ich Sie so bitten muß. Sie wissen ja, daß ich nicht der Genußlust fröhne. Vor 11 höre ich nie mit der Arbeit auf und gehe ganz darin auf.
Ich habe es gewagt, Hermann am Sonntag die Bilder von ihm u. s. Wohnung mitzugeben. Die beiden, die mir am besten gefallen, habe ich bezeichnet. Er wird Ihnen dies mitteilen. Ich hoffe auf Intimität . Auf [über der Zeile] Betr. die Pfingstreise nach Sw. habe ich ihn zwar quasi im Unentschiedenen gelassen. Es liegt aber alles so, daß nichts draus werden kann. Das Wichtigste aber zuletzt: Wie geht es Ihnen? Arbeiten Sie nicht zu viel? Wie <li. Rand> war's auf dem Dilsberg? Sie hatten mir trotzdem Jellinek geschickt. Sehr willkommen u. herzl. <Kopf> Dank!! Nehmen Sie diesen Brief unter keine kritische Lupe. Er ist das Produkt rasender Eile. Denn ich bin noch nicht fertig <re. Rand> für morgen. In Gedanken lebe ich mich auf dem Hermersberge ein. Innigst u. <Fuß> dankbar Dein Bruder u. Schützling.
[Kopf S. 2] Morgen Neubabelsberg.
[re. Rand S. 3] Sie glauben nicht, was für unhaltbare Zustände sich mit dem Mädchen herausgebildet haben.<Kopf von Seite 3> Das war ein totaler Mißgriff.