Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Mai 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 21. Mai 1911.
<Bleistifteinfügung unleserlich>
Liebe Schwester!
Unsre Briefe haben sich gekreuzt. Sie sind meiner Bitte einmal wieder zuvorgekommen, und haben viel mehr getan, als ich gebeten hatte und als im Moment notwenig war. Herzlichen Dank also für die 300 M, ebenso herzlichen aber für Ihre lieben Zeilen, an denen mich besonders gefreut hat, daß es Ihnen jetzt gesundheitlich wenigstens befriedigend geht und daß Sie gut schlafen.
Ich habe gestern einen wunderbar schönen Nachm. u. Abend bei Riehls gehabt. Es war nur noch Lindau da. Riehl war mit uns auf der Glienicker Brücke bei scharfem Nordost und strahlender Sonne. Dieses Neubabelsberg bietet mir doch ein Tusculum, wie ich es mir nicht geträumt habe: etwas in meinem Dasein, was über die dunklen Glücksahnungen
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| konkret hinausgeht.
Aber der Hermersberger Hof wird noch viel, viel schöner sein. Ich selbst werde ja über dieses Rattennest schimpfen, und dies wird Ihnen der beste Beweis sein, daß es mir gefällt. Denn das gehört nun einmal zu meinem Wohlbehagen. Also so um den 4. / 5. August herum könnten wir da sein. Schreiben Sie mir bitte nur noch, in welcher Zeit ich für dringende Fälle von dort zu Hause sein kann. Wird Frl. Knaps mitkommen? Gibt es auch einen Schreibtisch, d. h. einen Tisch in den Zimmern dort?
Irgendwo interessiert man sich für mich; dies beweisen die wiederholten Personalaufnahmen, die Riehl mit mir vornimmt. Es können nur in Betracht kommen Leipzig, Göttingen (Ordinariate.) Marburg (Extraordinariat.) Davon aber sind Nr. 1 und 3 sehr unwahrscheinlich. Vielmehr glaube ich, daß es sich um Straßburg handelt, wo Ziegler mit diesem Semester quittiert. Aber ich rechne natürlich auf nichts.
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Die Pfingstfahrt wäre für meine Natur eine Hetzerei. Auch kann ich des Mädchens u. m. Arbeiten wegen nicht fort. Ferner möchte ich sehr gern am Mittwoch nach Pfingsten mit m. Klasse einen Ausflug machen. Das Lieblingstierchen heißt jetzt Anni Mohns , ein sehr nettes, kluges Temperament.
Sie erhalten hier einen schlecht stilisierten Vortragsentwurf u. einige Thesen. Davon geben Sie bitte 1 Exemplar an Coss mit vielen herzlichen Grüßen; ein zweites möchte er mit Empfehlungen von mir Troeltsch überreichen. (In Kirchensachen ist T. ein Unruhstifter u. sicher kein Segen für den Bestand. Aber ich lese eben s. historischen Sachen für die Politik der Reformatoren u. wünschte, daß alles in Dtschld. Gedruckte so gediegen wäre.
Auch meine Zähne; die muß ich nun endlich leider reparieren lassen. Es wird nicht wenig Zeit u. Geld kosten. Aber es hilft nichts.
Vielen Dank auch für die Bilder. Darf
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| ich Nieschling u. Scholz eins geben?
Hermann sah nicht glänzend, aber doch auch nicht leidend aus. Er hat von Natur eine sehr faltenreiche, fast zu stark entwickelte Haut; das macht ihn etwas älter als er ist. Wir haben jetzt keinen Gegensatz mehr; im Gegenteil, in paedagogicis treffen wir uns sehr und könnten, bei häufigerem Sehen, sehr viel Anregung von einander haben. Dazu nur ist eben jetzt garkeine Gelegenheit mehr. Man erwirbt übhpt keine neuen Freunde, weil man zu viel beschäftigt ist. Aber die innere Gesinnung ist da, wenigstens von seiner Seite so deutlich u. greifbar, daß es mich tief rührt. Er ist ernst und immer etwas lehrhaft, aber doch viel freier geworden als er war.
Frau Riehl fragt jedes Mal nach Ihnen u. bittet dringend, den zugedachten Besuch bei erster Gelegenheit auszuführen. Ja - an mir sollte es nicht fehlen. Leider fühle ich täglich, daß es - was die räumliche Nähe betrifft, - mir zu sehr an Ihnen fehlt.
Spargel bekommen wir gelegentlich. Der zu 50 Pf. ist noch nicht berühmt. Die Aufsätze, die ich neulich bekam, waren besser. - An die Feuerversicherung will ich denken in den Ferien.
<li. Rand> Daß es an Gemüse nicht fehlt, zeigt Ihnen dieser wirre Brief. Aber ich muß Ihnen meine Schande <re. Rand > gestehen: ich möchte mit dem Registrator ein bißchen fort, u. morgen ist der schwere Tag. Ich mache garkein <Kopf> Versuch, Ihnen zu danken. Jedes Wort müßte lächerlich wirken. Sie sehen ins Herz, u. Sie finden da viel Sonnenschein, den Reflex <Fuß> Ihres Auges. Ich fühle mich wirklich - seelisch - gerettet. Dein Bruder.
[re. Rand S. 1] Frau Paulsen wollte heute Tagespartie machen.
[li. Rand S. 1] In Bernau sind jetzt Hussitenspiele im Freien; würde ich gern sehen.
[re. Rand S. 3] Im Posthause geht es jetzt besser; die Kurse sind gut im Gang.