Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juni 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. Juni 1911.
Liebe Schwester!
Zwischen 2 Kollegs beginne ich, Ihnen meinen Pfingstgruß zu schreiben. Daß ich Ihnen nichts Schönes schicken kann, bin ich nun leider schon gewöhnt. Wenigstens aber sollen Sie diesmal vorwiegend gute Nachrichten haben. Ihr lieber Brief brachte ja (abgesehen von der Familie Weise) auch zu meiner Freude Gutes. So haben wir denn einmal nach langer, langer Zeit Windstille (draußen zwar stürmt es bei strahlender Sonne.) - Neulich saß ich einmal abends 10 Minuten auf dem Balkon. Da fühlte ich so recht, wie sehr, wenn Sie nicht hier sind, aller Lebensinhalt allein von der Arbeit kommt, und ich faßte den heroischen Entschluß, zu versuchen, ob ich um Pfingsten nicht einmal mit Ludwig zusammen sein kann.
Soeben habe ich mein Honorar erhalten und auf die Sparkasse getragen. Es waren,
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| nach Abrechnung aller Abzüge, 1089 M. Das bedeutet 56 zahlende Hörer. Rechnet man 8 gestundete und 1 honorarfrei hinzu, so habe ich 65 - ein glänzender Erfolg; leider kommen selten mehr als 35. 160 M darf ich also als in 5 Jahren ca zahlbar mitzurechnen. Nehmen Sie dazu Böhm, die Kurse u. das Pestalozzi-Fröbelhaus, so ist jetzt die Basis da, wenn keine Zwischenfälle eintreten. Der Fall vom vorigen Jahr kann sich kaum wiederholen; denn da ich 21 Stunden (von 52) gelesen habe, würde ein Zwang zur Rückzahlung nicht bestehen. Man wird leicht Fatalist. Die Jahreswiederkehr des Schlimmen und Guten von 1910 ruft natürlich alles lebhaft ins Gedächtnis.
Ich bin recht normal bei Gesundheit, natürlich oft müde; aber das Sanatogen denke ich bis zum Juli zu sparen, wo ich erfahrungsgemäß abfalle.
Mein päd. Auditorium ist wenig intelligent (man sieht es an den Augen) u. wenig dankbar, vom Schwänzen garnicht zu
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| reden. Aber ich trage das wie alle Kollegen mit Geduld, u. z. B. auch das, wenn ich, wie am Montag -, wenn ich selbst ein Kolleg verhunze. Dafür war am Dienstag mein Pestalozzi-Fichte eine Glanzleistung. Gestern war ich in Riehls " Nietzsche". Die inneren Motive dafür s. Z. mündlich. Äußerlich kam es mir [über der zeile] darauf an, seine Technik zu beobachten. Er spricht sehr leise, aber viel langsamer und nicht so konzentriert wie ich. Das ist didaktisch sicher gut. Er ist auch von 600 auf 300 Hörer schon gefallen.
Für den Winter habe ich angekündigt: Pädag. Theorien des 19. Jhrhdts Mi So 11-12 (in Münchs Stunden) priv. u. deutscher Idealismus Di Fr. 4-5 priv. Gratis lese ich nichts.
Meine neue Abteilung in der Schule ist eine sehr nette Gesellschaft. Ich glaube, daß ich sie in die Höhe bringen werde. Im Scherz sagte ich, daß ich für die Landpartie am Mittw die Billetabschnitte vom Charl. Mausoleum verlangte, wo noch keine gewesen war. Gleich am Sonnabend taten sie sich zusammen, u.
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| ich erhielt mit 1 Ansichtskarte 11 Abschnitte.
Es soll hier wieder eine Schulkonferenz berufen werden. Der Kaiser will durchaus das Gymnasium töten. Ich wäre nicht unzufrieden, wenn ich hineinberufen würde (woran gar kein Gedanke.) Aber der beste Kenner der histor. Motive des Gymn. bin ich nun einnmal, u. ich würde mich am Kampf sehr intensiv beteiligen. Meine neuesten histor. (Ansichten) [über der Zeile] Arbeiten haben doch dem klass. Altertum wieder ein starkes Gewicht bei mir gegeben. Als allgemeines Bildungsmittel ist es nicht mehr unentbehrlich. Aber für jede Art der geisteswiss. hist. Fachbildung entschieden. Wird es also aus der Schule beseitigt, so müssen wir, wie im Mittelalter, wieder eine Voruniversität gründen. Denn in m. Vorlesungen z. B. ist es auf Schritt u. Tritt Voraussetzung. Darüber ließe sich endlos reden u. schreiben. Der aktuelle Gesichtspunkt ist aber ein schulpolitischer, garnicht ein rein wissenschaftlicher.
Ich unterbreche diese Zeilen, da nachm. 2 Stunden Kursus mit Übungen über Pestalozzi bevorstehen. Adieu derweile!
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abends.
Morgen von 9-10 ist das letzte Kolleg vor den Ferien. Unwillkürlich legt die Erwartung, nur 15 zu sehen, den Fleiß lahm. Ich fahre fort.
Merkwürdige Dinge erlebt man. Nachdem ich erst den armen Dr. Hass besucht hatte, der seit ¼ Jahr an einem Lungenleiden liegt, war ich bei dem Kollegen Beck, der mich zum 15. Juni mit einer Einladung gekränkt hat. Wie ungern ich dahin gehe, beweist Ihnen vielleicht die Tatsache, daß dieser tiefempfindende Mensch mir mit tiefem Ernst wiederholt anbot, aus Rücksichten für mich auch eine reiche junge Dame einzuladen, bis ich ihm ziemlich deutlich erklärte, daß ich allenfalls zu ihm kommen wollte, aber nicht auf ein Heiratsbüreau. Sie sehen: eine Apotheke ist kein "Delikateß"warengeschäft.
Aber weiter. Dieses seltsame Wesen von Dienstmädchen, das nie wieder eine so gute Stellung wie bei uns bekommen wird, hat sich mannigfach sehr impertinent benommen u. mir viel stillen Ärger bereitet. Die Kündigung nahm sie gestern ganz selbstverständlich hin. Es wird
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| wohl in den 4 Wochen noch manchen Konflikt geben; die Situation wird nur dadurch gemildert, daß sie vor mir eine ganz unerklärliche Angst hat, während sie m. Vater sehr frech behandelt. Höchst unerquicklich ist die Lage; denn ich vermeide natürlich gern alle ausnahmsweisen Ansprüche und entbehre einfolgedessen lieber manche Bequemlichkeit.
Ich muß bei dieser Gelegenheit noch einmal auf die Finanzfragen zurückkommen. Ganz zufällig konstatiere ich eben, weshalb unsre Rechnung für Januar-Februar nicht stimmte. Es handelt sich da um 56 M für 2 Lose zu je 4/7 Anteil, die schon lange, wie ich weiß (nur glaubte ich 2/7) gespielt werden, ohne Erfolg. Da diese sog. "Erbenlose" nun nicht weiter gespielt werden sollen, erfuhr ich von dem Cirkular. Wenn Sie bedenken, daß im Jahr meiner Krankheit, wo [über der Zeile] durch das ich mir durch das Opfer andrer, durch Glück und aufreibende Arbeit hindurch kam, noch 112 M ins Vage ausgegeben wurden, so werden Sie jetzt mit mir sagen, daß die schweren Konflikte nicht ohne Grund und nicht
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| ohne Nutzen waren. So unendlich ich darunter gelitten habe, mußte da doch endlich einmal reiner Tisch gemacht werden. Seitdem geht alles viel ruhiger. Denn wenn solche Extraposten fortfallen, muß ja auch die Rechnung stimmen. Ich will daraus gar keine Vorwürfe erheben. Aber mein energischer Widerstand ist nun doch wenigstens gerechtfertigt. Es ist ja wohl noch immer so, daß kleine Ausgaben sich sichtlich mehren, wenn mal ein Hundertmarkschein statt der sonst üblichen 50 M auftaucht. Ich würde ja auch wünschen, damit nicht rechnen zu brauchen. Aber da wir doch schon lange nicht mehr eigne Ansprüche machen durften, war es wohl zu rechtfertigen, daß ich zu Ostern so entschieden vorging. Denn ich selbst drehe jeden Groschen herum, und meine überdies, daß ich nun auch Ansprüche an Lebensgenuß habe, die ich mir durch Ankauf v. Lotterielosen u. Stühleflechten u. dgl. nicht verkürzen lassen möchte. Sehr lehrreich sind doch noch diese ganzen Vorzüge für die Psychologie einer falschen Religiosität u. eines traurigen Aberglaubens. Ich fühle dann immer so tief meine ganz andre Lebensanschauung. Was könnte mein Vater
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| an mir haben, wenn er statt dieser Götzen sich ein wenig mehr an mich selbst u. meine Tätigkeit gehalten hätte. - Eben habe ich ihm das Sparkassenbuch verpackt mit 1200 M Inhalt gegeben, weil meine Verschlüsse zu unsicher sind. Ich bin fest überzeugt, wenn er wüßte, daß so viel da ist, würde er es noch einmal mit den traurigen Losen versuchen u. überhaupt denken, vorläufig sei ja keine Not. Die Frage, wann ich wieder eine größere Einnahme habe (nämlich am 1.XII.) würde dabei natürlich wieder nicht aufgeworfen werden. So ist es nun einmal, und leider muß ich deshalb alles heimlich treiben, denn - kann ich mit dem Kurfürsten, variierend, sagend: "Die Kunst, die Du ihn, Junger, lehren willst, wird er, solang es Tag ist, schwerlich lernen." Ich habe sie auch erst durch bittere Erfahrungen gelernt; verweile auch nicht aus Pharisäertum solange dabei, sondern weil ich für mein s. Z. schroffes Vorgehen einer inneren Rechtfertigung bedarf.x) [li. Rand] x) Sicher geben wir in diesem Monat 10 M in eine fremde Tasche. Aber das mag' sein, damit ich Ruhe habe. Das <Kopf> neue Mädchen, die fest engagiert ist, instruiere ich dann schon.
Der Brief ist wieder sehr geschäftlich geworden. Eigentlich wollte ich Ihnen m. Beobachtungen über den geistigen Typus des Volksschullehrers schreiben. Sie sehen aber, daß m. Schrift schon jetzt nicht mehr zu lesen ist. Und es ist kaum noch Raum, um Ihnen innig ein gutes Fest zu wünschen. Der Tante schreibe ich. Viel <re. Rand> herzliche Grüße auch an Frl. Knaps in treuer Liebe Eduard.
[li. Rand S. 6] Bei Riehl war es am letzten Sonnabend entzückend. Ich wünschte, Lindau borgte mir mal die <Fuß S. 6> Protokolle!! Würden Sie sie in etwa 8 Tagen lesen können?
[Kopf] Am Sonnabend bekomme ich 1 Anzug zu 60 M.
[re. Rand S. 7] Wissen Sie jemanden, der sich über Berliner Universitätstaler freuen würde? Ich habe mindestens 2 <Kopf S. 7> zum Selbstkostenpreise abzugeben