Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juni 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. Juni 1911.
(auch ein Jahrestag.)
Liebe Schwester!
Eben finde ich Ihren lieben Brief vor, und da alle Schuster 3 Feiertage machen, habe ich keine Skrupel, ihn gleich zu beantworten. Ich freue mich der Ruhe, die wir nun beide haben, und hoffe noch freudiger auf den August.
Pfingsten war sehr still. Denn die Sache mit dem Registrator hat nun auch ein Ende: er ist verliebt, ja verlobt und mehr. Am Sonntag vor 8 Tagen fragte er mich noch um Rat, ob er heiraten sollte, und ich stellte ihm seine Pflichten und Verantwortung so scharf wie möglich vor. Am Sonnabend schrieb er schon aus Swinemünde, wo er anscheinend mit "ihr" weilt. Ich brauche Ihnen nicht auseinanderzusetzen, weshalb das für mich das Ende näherer Beziehungen bedeutet. Die Gründe sind ja teils ganz äußerlich, teils aber sehr innerlich. Ich habe eben doch einen ganz andern Begriff von seelischer Beziehung. Kurz also: der Registrator war auf Reisen, und Nieschling pumpte sich bei mir 50 M, um mit Max Hagen nach Neu Globsow zu gehen. Ich blieb mit dem leeren Portemonnai zu
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|rück. Freitag war ich mit Ludwig u. Willy Zymalkowski (Ulrich war bei s. Braut.) im Löwenbräu. Es kam nicht gerade viel heraus, L. hat früher viel feinere Ansichten gehabt. Sonnabend Nachm. war ich mit Frl. Hilgenfeld, die die Politik zwischen mir und NO. [unter der Zeile] Knauer leitet, in Saatwinkel und Spandau, und empfand, wie verschieden "tief" man durch die Jungfernheide gehen kann. Doch ehre ich die große Treue und Bescheidenheit. Sonntag war ich in sehr guter Gesellschaft, fuhr sehr früh nach Frohnau und wanderte dann allein durch den sonnendurchglühten Wald, wo die Rehe vor mir aufsprangen, nach Bergfelde, Elseneck, Birkenwerder. Ich hatte gute Gedanken und freute mich über die frohen Menschen. Montag war ich entsetzlich faul, sah keine Seele, las vom Morgen bis zum Abend und empfand zum ersten Mal seit langem eine Art Langeweile, wie man sie vielleicht öfter haben sollte. Da setzte ich mich denn in Gedanken mit Hilfe des Atlas auf die Fahrt, sah mir die Pfalz an und Umgegend und konstatierte, daß es blanker Unsinn ist, über Bruchsal zu fahren. Das ist die Meile 7/4. Ich selbst würde über Speyer-Germersheim
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| fahren. Gewiß liegen da die Züge schlecht. Aber nach Speyer muß ich doch. Der gute Budenbender schickte mir als lakonische Antwort auf m. Brief - eine Kiste Cigarren! Frl. Tuchel ein gepreßtes Waldmeisterbukett - da ich in ihr zuerst den Sinn für Natur geweckt hätte (nämlich in dem Lokal neben den Müllkästen!)
Was meine Lage betrifft, so will ich von absoluter finanzieller Sicherung noch nicht reden. Sie wissen, wieviel ich brauche. Aber eins habe ich jedenfalls augenblicklich, was ebenso gut ist: ein Gefühl guter Gesundheit und Arbeitsfrische. Gewiß die Folge der ruhigen und geordneten Lebensweise zuletzt. Ich fühle mich wieder einmal produktiv u. lebe in Ideen.
Was ich jetzt habe, habe ich mit Blut erkauft - das wissen Sie. Aber wie tief und groß stellt sich mir das Leben jetzt dar! Aller bloße Dunst ist verflogen und die Wirklichkeit liegt in großen, ernsten Umrissen vor mir. Ich sehe in der Pädagogik neue Probleme und neue Wege. Vor allem aber verstehe ich jetzt die Menschen u. das Leben tiefer.
Ein flüchtiger Griff für die Vorlesung führt
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| mich in Friedr. d. Großen hinein. Sofort beginnt diese Natur für mich zu leben, und ich sehe hinter dem fleißigen, zuverlässigen u. flachen Buch Ed. Zellers (F. d. Gr. als Philosoph), ohne die Quellen zu kennen, wie es wirklich war.
Sollte dieser Mann wirklich keine tiefere Philosophie gehabt haben, als die Philosophie seiner Zeit - dies magere Gerippe von Monaden, ewigen Wahrheiten, zureichenden Gründen und Ursachen 2. Ordnung? Dann war seine Philosophie Dilettantismus, oder er war nicht groß, sondern selbst nur ein Humanitätsmann mit guten politischen Erfolgen. Aber so kann es nicht gewesen sein; wer so glaubt, bleibt beim Außenwerk der Begriffe. Man muß den Mann an seinem Centrum fassen. Was war ihm Philosophie?
Nicht der Träger seiner großen Absichten, sondern etwas ganz anderes: eine stete Technik, sich von seiner Seele frei zu machen, diesem ehrgeizigen, launenhaften, weichen, künstlerischen, wunschhaften Wesen. Er muß handeln. Und alles, was ihn darin stören könnte, muß er zum Abklingen bringen: jeden übersteigenden Wunsch, jeden allzutiefen Gefühlsnachklang, jeden spekulativen
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| Gang. Man könnte sagen, daß die Philosophie ihm etwa dasselbe bedeutete, wie seine Flöte: ein Beruhigungsmittel, eine Befreiung vom Selbst. Satire und Stoa, Skeptizismus u. der leidenschaftslose Materialismus haben hierin ihre Wurzel. Und gewiß stammt diese Deutung zum Teil aus mir selbst.
In der Pädagogik lese ich jetzt alles mögliche Amerikanische, Französische und Deutsche. Die Ausländer sind nach unsern Begriffen durchweg flach. :Aber Tiefes und Gutes, das mich bereichert hat, fand ich bei Natorp.
Meine Humanitätsidee ist dadurch wesentlich vertieft worden - wie und in welch seltsamer Richtung, sehen Sie daraus, daß ich brennenden Durst empfand, meine Studien in Differentialrechnung wieder aufzunehmen, und wirklich ein paar Seiten darin lass.
Natorp danke ich dies: Es gibt in der Erziehung gewisse Momente, die auf strengste Objektivität hinzielen. Alles Mathematische und Logische gehört notwendig dahin. In dieser Hinsicht gibt es keine Individualisierung des Bildungsideals. Das habe ich früher nicht scharf genug herausgebracht.
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| N. hat nun das Ideal, daß das ganze Erziehungsziel so im Objektiven. Der Geistesverfassung liegen innerste, nicht nur im logischen Zwang, sondern auch im ethischen und ästhetischen. Dies geht zu weit. Das Erziehungsideal kann vielleicht in Form einer Pyramide dargestellt werden, deren breite Basis das absolut Objektive ist: etwa so:
Ästhetik ___individualisiert
Ethik ________            
Naturauff. ____________                 
Mathematik _________________                     
Logik              ______________________absolut objektiv.
Oder in mathematischen Symbolen: die Individualität der Linien soll die Individualität des Geistigen symbolisieren:
1) <Zeichnung: links. Koordinatenkreuz mit waagerechter Linie AB im oberen rechten Feld >
<rechts neben der Zeichnug:> AB. kann in einer ganz einfachen mathematischen Formel ausgesprochen werden.
2) <Zeichnug: links. Koordinatenkreuz. Im oberen rechten Feld eine linear ansteigende Linie AB. Abstände zur x-Koordinate sind mit y und y' bezeichnet. Im unteren rechten Fald geschweifte Klammer von 0 bis y'. Bezeichnet mit x' außerhalb der Klammer. Innerhalb steht ein x nahe der 0.>
<rechts neben der Zeichnung:> Auch hier eine ganz einfache Formel möglich.
3) <Zeichnung: links. Koordinatenkreuz mit einer Hyperbel AB in den rechten Feldern durch die x-Achse.>
<rechts neben der Zeichnung:> Die Formel wird verwickelter, aber ein Gesetz von AB läßt sich noch formulieren.
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<Zeichung: links. Korrdinatenkreuz mit Schlangenlinie AB im oberen rechten Feld.>
<rechts neben der Zeichung:> AB ist völlige Willkür.
Aber zwischen den ersten 3 und dem 4. Fall liegt doch noch eine Reihe von Möglichkeiten, bei denen trotz aller scheinbaren Verwirrung eine Kunst- oder Naturform vorliegt, die die Differentialrechnung in der Form y = f(x) ("y ist eine Funktion von x") gefaßt werden kann. So steht es trotz aller Unergründlichkeit mit den individuellen Gestaltungen des Menschen. Nur kann dort diese Gesetzlichkeit nicht mathematisch formuliert werden, sondern sie bleibt künstlerische Intuition. Alles Künstlerische aber ist trotz seiner scheinbaren Willkür gesetzlich.
Sie sehen die Bedeutung der Mathematik für dieses Problem aus Figur 2.
x ist eine Größe, die sich verändert zu x', x" u.s.w. y verändert sich in gesetzlicher Abhängigkeit v. x.
Angenommen, die Gesetzlichkeit der Linie sei durch die Formel
x=y ausgesprochen,
so ist für      x = 1 cm       y = 1 cm.
x = 2 cm       y = 2 cm.
x = 3 cm      y = 3 cm.   also
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So: <Zeichnung: Korrdinatenkreuz. x-Achste gekennzeichnet mit x, x', x'', x'''. Im rechten oberen Feld linear ansteigende Linie, deren Abstände zu den x-Punkten mit y,y',y'',y''' bezeichnet sind.>
Die Formel kann aber viel komplizierter sein,
nämlich etwa:
  x = 4y - 2
dann ist für   x = 1   y = 2
  x = 2   y = 6
  x = 3   x = 10.
oder            x² = y²
  dann ist für  x = 1    y = 1  oder -1.
  x = 2    y = 2   oder -2
  x = 3     y = 3  oder -3
u s.w.
Aber das wird Sie langweilen. Und es ist eine Bärenhitze. Der Einblick in solche Gesetzlichkeiten macht die Seele ruhig. Das ist der philos. Wert der Mathematik.
Morgen soll die Partie sein. Es scheint, daß das Wetter sich hält. Ich schließe mit herzlichsten Grüßen in treuer Liebe
Dein Bruder Eduard.

[re. Rand S. 5] Ich habe neulich "Glaube u. Himmel" gelesen: Situationstragik v. einer gewissen Größe, aber uns <Kopf S. 5> sehr fern u. nicht echt tragisch.