Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Juni 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 15. Juni 1911.
Liebe Schwester!
Der Frohnleichnamstag, an dem unvermutet der Kursus ausfällt, gibt mir die Möglichkeit, anstelle der Karte, die Ihnen mein Gedenken am heutigen Jahrestag bezeugen sollte, einen Brief zu schreiben. Und das ist mir doppelt lieb, als vielerlei inzwischen geschehen ist, was freilich kurz wäre zu erzählen im Verhältnis zu dem, was mir in der Erinnerung an Ihre Liebe und Treue im vorigen Jahr das Herz bewegt. Noch steht alles wie ein großes Wunder vor mir, ein Wunder der Errettung, und ich gedenke des Augenblicks, als ich überwältigt von Rührung Ihre lieben Hände fassen durfte. Das ist doch ein großer Augenblick des Lebens gewesen, und täglich wird mir klarer, wie hierauf alles ruht, was ich bin und habe.
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Lassen Sie mich nun berichten, der Reihe nach. Ich bin nämlich der Observanz zuliebe auch in diesen Tagen armer Lazarus gewesen, - und aber sehr. Auf der Schulpartie biß ich mir vor lauter Leidenschaft einen halben Zahn weg (vor mir steht Ihre Muschel mit dem Ertrag des letzten Monats, ich speie förmlich Zähne.) Der Restbestand wurde von dem Zahnarzt Kantstr. 140 sehr hübsch repariert, ich war 3 Tage hintereinander bei ihm, und hatte eigentlich nur während der Behandlung Schmerzen. Nachdem er mir aber am Sonnabend eine Kautschukplombe eingelegt hatte, begann am Montag ein sehr starker Schmerz, der mir die wohlbekannte Wurzelentzündung ankündigte. Ich absolvierte bis Dienstag früh meinen Dienst und ging dann zu dem Mann, um den Zahn ziehen zu lassen. Nun begann mein Schicksal. Er hatte sich die Hand verletzt und mußte mich an einen Kollegen überweisen, der in der Berliner Straße wohnt. Der machte die Sache
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| mit einer Injektion recht hübsch und garnicht sehr schmerzhaft; ich hätte mir gern noch einen ziehen lassen. Hinterher tut es scheußlich weh. Aber ich war nachm. schon wieder in der Stimmung, auf der Bibl. zu arbeiten. Da fängt die Sache um 5 an zu bluten, daß ich wie ein blutschnaubender römischer Tyrann nach Hause kam. Trotz der Versicherungen meines Vaters, er hätte das ebenso gehabt, ich wäre zu ängstlich und es blutete überhaupt nicht, blutete es aber doch, und zwar ohne Pause stundenlang. Benary auf Anruf nicht zu Hause, Apotheke verordnet Alaun, was nicht hilft. Endlich um 1/2 9 machte ich mich auf den Weg zum Zahnarzt, nicht zu Hause; dann nach dem Kurfürstendamm zu Sanitätsrat Hesselbarth, einem mir bekannten alten Freunde v. Ludwig. Ich dachte, die Sache wäre in 5 Minuten gemacht, aber Herr meines Lebens - da kannte ich die Mediciner schlecht. Eine halbe Stunde hat er mit Hilfe seines Dienstmädchens an mir herumgearbeitet, wie ein Kranich den Kiefer durchwühlt, und endlich
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| mit beiden Fäusten die Stelle zugepreßt, bis klein Blut mehr kam. Wenn man sich 32 Zähne auf einmal ausziehen läßt, das muß ungefähr so sein. Er bat denn auch recht freundlich, ich möchte das Atmen nicht vergessen u. begnügte sich mit 5 M für die Bewirtung. Um 10 kann ich völlig ruiniert nach Hause. Glücklicherweise hatte die Pferdekur wenigstens geholfen, und Benary konnte am nächsten Tag das Engroslager Watte wieder ausgraben, ohne daß es blutete. Aber angegriffen haben mich Blutverlust u. Schmerzen doch sehr, und außerdem hat es natürlich meine geordnete Vorbereitung stark unterbrochen.
Es ist wohl begreiflich, daß ich angesichts dieser Tatsache und den (eigentlich erwarteten) 3 Stunden Vorlesungen heute und 2 morgen durch m. Vater dem Georg Bock für heute Abend absagen ließ. Darauf bekomme ich nun einen Brief in so gewaltsam drohender Form, daß ich ganz empört bin. Das Hauptmotiv ist doch natürlich die geplante Vermittlung, und ich muß offen sagen, daß es mich freut, auf diese Art diese Sorte Freundschaft los zu werden. Denn eine
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| Antwort habe ich darauf nicht.
Aber ich bin bei dem Unwichtigsten zu ausführlich geworden. Am Sonnabend war ein ausnahmsweise erregter Abend in Neubabelsberg (bitte unter uns.) Riehl war innerlich sehr aufgeregt darüber, daß Erdmann u. nicht er in die Akademie gewählt worden ist. In der Tat hatte er das Vorrecht höheren Lebens- und Dienstalters. Die Frage ist natürlich nicht objektiv zu entscheiden, da Erdm bereits korrespondierendes Mitglied war. Man hätte beide wählen sollen.
Wir sprachen ausführlich über den ganzen Fall. R. ließ die Möglichkeit durchblicken, daß er gehen könnte. Ich habe die Gelegenheit benutzt, um in jeder Weise meine Ansicht zu sagen, vor allem ihm: daß er den Einfluß nicht gesucht habe, den er hätte haben können, dann aber auch über die Geistesart der Fakultät etc. R. ist jetzt ganz in derselben Stellung wie s. Z. Paulsen. Selbstverständlich wirkt das auch auf mich zurück, und es würde zu weit führen, alle
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| die Konsequenzen, die daraus folgen u. z. B. im Verhalten von Münch sich zeigen, hier aufzuführen. Jedenfalls beginnt E. jetzt die Rolle zu spielen, die ich längst vorausgesehen habe.
Also auch dies nichts Gutes. Nebenbei aber will ich doch bemerken, daß Maier, der jetzt von Tübingen nach Göttingen berufen ist, erzählt hat, daß ich in T. beinahe dran war. Die andere Sache, die ich auf Straßburg deutete, ist nach neuesten Vermutungen auf Leipzig zu deuten und insofern noch ehrenvoller u. noch aussichtsloser.
Der Kollegbesuch nimmt doch recht traurig ab. Aber ich sehe keine Mittel, um die Leute zu fesseln. Denn ich tue das meine.
Eben ist m. Aufsatz in der Educational Review erschienen. Ich kann ihn aber leider nicht schicken, weil ich nur 3 Ex. d. ganzen Nr. erhalten habe, und ich gern 1 an Kerschensteiner, 1 an Dageförde schicken möchte.
Die Schulpartie verlief nicht so harmonisch wie ich gehofft. Das Wetter war zwar sehr
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| günstig, aber Staub u. Sonne unerhört. Die Mädchen wurden früh müde, leider versäumten wir den letzten Dampfer über den Müggelsee (!) und mußten auf der Rückfahrt alle stehen. Aber die Hauptstörung war doch die, daß sich die dummen Schafe während des ganzen Tages privatim darüber unterhielten, ob Frl. Th. wohl ein Interesse für mich hätte (wozu garkein Objekt vorlag) Ich fühlte das schon ziemlich deutlich; daß sie aber so taktlos waren, beim Pfänderspiel Frl. Th. diese Frage direkt zu stellen, ist eigtl. doch die Höhe gewesen, und diese Naivität war mir wenigstens zu unnaiv.
Da gerade von Frl. Th. die Rede ist, so will ich hinzufügen, daß sie die Pfalz sehr gut kennt; auch diese Ferien dorthin geht und mir spontan erzählte, daß Dahn eine ganz besonders schöne Gegend wäre. Vielleicht können Sie jemand damit eine Freude machen.
Am Sonntag war ich mit dem Registrator in Rosenthal. Dort war Kornblumentag. Der Unfug verdiente Prügel. Man ist nirgends sicher davor.
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Ich habe durchschnittlich jeden Tag 3 Einladungen, und weiß nicht, wie ablehnen. Runges bin ich auch lange 1 Besuch schuldig. Die Tante war neulich in 1 wichtigen Frage bei mir, doch schwamm ich gerade in m. Blute.
Ich hoffe sehr, daß es Ihnen inzwischen besser gegangen ist. Von Ausflügen ins Neckartal hört man garnichts mehr. Dabei läßt sich doch der Sommer diesmal ganz gut an. Ich freue mich immer so, wenn ich eine Karte von einem Fleckchen bekomme, das ich liebe. Aber Sie haben gewiß auch viel zu tun, und wir wollen beide fleißig sein bis Anfang August. Der Duft vom Semester ist ja fort, man arbeitet jetzt nur noch an der Konsequenz; aber die 30, die geblieben sind, sind doch dankbar u. orientiert. - Gestern war 1 kath. Geistlicher bei mir, der den Modernisteneid nicht leisten wollte u. nun mittellos dasteht. Wie soll man ihm helfen?
Die Schulreform spukt. Morgen bin ich bei Imelmann zum Kaffee zur Beratung.
Aber nun Schluß. Es sollte ja eigentl. nur 1 Postkarte sein, und das Kolleg morgen ist eklig schwer. Herzliche Grüße Dein
Bruder.
[li. Rand] Frl. Knaps bitte ich auch zu grüßen. Was macht die Tante?
[re. Rand S. 1] 2 Pfingstfedern aus dem Wald bei Frohnau, wo wir waren!