Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. Juni 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a.
Den 30. Juni 1911.
Liebe Schwester!
Es ist doch schön, wenn man ein solches Zeichentalent wie ich hat; man kann dann in wenigen Strichen eine Empfangsbestätigung geben. Wirklich hat es bis heute gedauert, ehe ich zum Schreiben kam; nun antworte ich unter Donner und Blitz.
Ihre Sendung gibt mir das beglückende Gefühl, daß einer mit echter, warmer Liebe an mich denkt. Deshalb bedeutet es immer den Höhepunkt des Tages, es mag drin sein, was will. Zugleich aber ist der Inhalt immer wie eine schöne Harmonie, die vom soliden Grundakkord (Schloßhundziegel und Zappen) sich bis zur feinsten Seelenmelodie erstreckt. Unter Rosen haben Sie ein seltsam lebensfrohes, östliches Lied verborgen, wie ich es gern höre.
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| Poesie kann man bekanntlich sehr subjektiv deuten. Ich möchte es von hinten anfangen und darin seinen Gipfel finden. Aber den Anfang eigne ich mir auch an. Und ich habe es gern, wenn Sie mir kleine Torheiten und Laster lassen. Denn es schlummert in mir die Anlage zum Pedanten und Arbeitstier, beides vom Schicksal genährt. Aber meine Leistungsfähigkeit beruht doch auf Sensibilität und Stimmung. Etwas vom Rausch brauche ich, sonst trockne ich ein, wozu ich auf dem besten Wege bin. Wie ich mit diesen Grundsätzen am 27.VI Fiasko machte, werden Sie sogleich hören.
Eine Mappe gehörte zu meinen stillen Wünschen, gewiß mir gelegentlich entschlüpft, und Schlipse sogar zu den dringenden Bedürfnissen. Das ästhetische Urteil muß ich als gewissenhafter Mann aufschieben, bis ich es einzeln durchgeprobt habe. Die Farben an sich sind sehr schön,
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| besonders die helleren. Zum schwarzen Rock werden sich alle sehr interessant machen. Mein neuer Anzug, in den ich sehr verliebt bin, seit Willy Böhm ihn lobte und auf 85 M taxierte (statt 60), ist blau. Es besteht nun eine Kontroverse zwischen Max Dessoir und Franz Spranger. Erstbenannter Ästhetiker fand neulich die Kombination mit dem kleinen blauen Kniebelschlips von vor 2 Jahren sehr interessant. Sie sollen s. Z. selbst urteilen, wie die neuen sich machen. Ich will morgen einmal anfangen; hoffentlich gelingt mir das Binden ebenso schön wie Ihnen das Nähen. Es betrübt mich doch, wenn ich denke, daß Ihre lieben Finger solche Frohnarbeit geleistet haben!
Ich kann jetzt sagen, daß ich die Happen aus der Faust esse.
Vielen Dank wie für alles so auch für die Bilder aus Stettin, die ich mir ausgesucht hatte. Hermann hat sehr lieb geschrieben.
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| Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie auf dem Dilsberg waren (Coss' Schrift kann ich nie lesen); war er mir doch ein Trost, an einem sonst wenig gemütlichen Abend bei Paulsens neben einer Heidelbergerin, jetzigen Frau Dr. Günther in Friedenau zu sitzen, früher in Neuenheim am Wasser wohnhaft, sehr nette Dame.
Da mein Geburtstag sehr günstig fiel, hatte ich die Absicht, dem Moloch der Subjektivität einmal wieder zu opfern und ihn in bescheidenen Grenzen zu feiern. Zu diesem Zweck wurde ein enormes Lager Bier angefahren, in unzweckmäßiger Form, jedoch nicht zu ändern. Aber ich hatte doch den Eindruck, daß die Unmöglichkeit, freundschaftlichen Verkehr zu pflegen, mich nun auch von m. Freunden entfernt hat. Der Besuch war sehr schwach, und ich fühlte mich etwas einsam. Ludwig konnte nicht kommen, wegen Abenddienst, war schon Montag in der Universität. Kügelchen ließ garnichts von
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| sich hören, viele verspätet. Ganz früh nachm. kam Ulrich Zymalkowski, der am 4.VII heiratet, Nieschling blieb nur Nachmittags, und abends hatte ich außer m. Onkel mit Wirtschafterin und 1 Cousine nur den jüngeren Zymalkowsi, so daß das Bier bis heute noch nicht geschafft ist. An sich aber hätten ebensogut 10 Personen kommen können. Von schriftlichen Gratulationen erfreuten mich besonders Tante Thes, Frl. Knaps, die Schwestern meiner Mutter, Tante Bertha (Cöln) und Oesterreich. Frl. Mai ebenso wohlriechend wie vor 1 Jahr. Auch Frau Eggenstein trat mit - 8 Seiten an.
Übrigens habe ich den Tag recht miserabel begonnen. Keineswegs zerstreut, ließ ich m. Vorlesungsnotizen liegen, mußte am Zool. Garten umkehrn u. so furchtbar rennen, daß ich im Kolleg die ersten 5 Minuten vergeblich nach Luft rang. Ein sehr fataler Eindruck. Nach dem Kolleg war ich auf dem Kirchhof,
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| wo der Rosenstock wundervoll blühte. Bei dieser Gelegenheit will ich doch endlich erzählen, daß der Rosentrieb unter dem Epheu am Hügel Ihres Vaters auch dies Jahr wiedergekommen ist und sich durchaus hervorringt.
Was Sie an den gemalten Rosen auszusetzen haben, ist mir nicht klar. Ich selbst etc. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen.
Einzelne Neuigkeiten. Es ist eine Einladungsreiche Zeit: Freitag Paulsen, Sonnabend Riehl, Sonntag Dilthey (abgelehnt) war eine ganz hübsche Reihe. Nun kommt morgen Kollegiumsausflug (abbrechbar wegen Mädchenwechsel.) Mittwoch Hahn Examensfeier, Sonnabend Roethe (abgelehnt) eh bien, das greift an und wird teuer. Nieschling reist morgen auf 3 Monate dienstlich nach Lahr. Ich selbst bin auf der Suche nach 1 Vertreter für August. Das wird wieder manchen Haken haben. Wenn ich am 1.VIII schließe, gibt das schon bei den Kollegen Geschrei.
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| Die meisten lesen bis zum 5. Am 2.IX muß ich im Pestalozzi Fröbelhaus Dienst tun. Schule fällt wegen Sedan aus. Eben deshalb aber möchte ich doch am I.IX. schon eine Stunde einlegen, ja eigentlich müßte ich am 29.VIII schon anfangen. Nur wird dann die Zeit bei der weiten Fahrt wohl zu knapp zur Erholung. Doch läßt sich darüber Bestimmtes noch nicht sagen.
Der Zahnarzt hat mir 40 M statt der erwarteten 50 genommen. Um die Finanzfrage kurz zu berühren, so habe ich den Eindruck, daß nicht gerade gerechnet wird. Außerdem sind meine Privatausgaben durch die 126 M Steuern und fortwährende besondere Notwendigkeiten stark überlastet. Daß ich auch das Besohlen meiner Stiefel noch meinerseits bezahlen soll, habe ich abgelehnt. Ich halte 10 M pro Tag für sehr nobel. Ulrich hat seinem Bruder u. seiner Tante aus Teheran monatlich nur 100 M schicken können, Ludwig gibt für alles monatlich 160 M.
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| Ich kann also keinen Pfennig mehr als 300 geben. M. Vater scheint zu glauben, daß ich mit ihm ungerecht knausere. Daß m. Bücherbedürfnisse ständig leiden und daß ich mir manches bildende Vergnügen versage, um endlich Ordnung zu haben, fühlt er nicht. Daß ich in künftigen Semestern mehr verdiene als in diesem, ist in keiner Weise wahrscheilich. Und eigentlich müßten peu à peu Reserven geschaffen werden, eine Notwendigkeit, die m. Vater ebenfalls nicht einsieht. Ich spiele also fortdauernd die Rolle des hartherzigen Sohnes und des egoistischen Arbeiters, und es wird mir schwer werden, m. Verhalten vor Außenstehenden jemals zu rechtfertigen. Aber ich rechne so, daß bis zum 1.XII. möglicherweise keine Extraeinnahmen kommen, daß ich also mit dem Vorhandenen einschließlich m. Reise reichen muß. Heut ist der 30.VI Meine Gesamteinnahmen [über der Zeile] (nur eignes) im 1. halben Jahr betragen etwa: 2625 M. (excl. Kursus und Pestalozzihaus.) Im günstigsten Falle komme ich also auf 5000 bis zum 31.XII. Ich glaube, man kann mir keinen Mangel an Arbeitseifer vorwerfen.
Ich weiße nicht, ob das alles ist. Gewiß nur das Epische. Und zum Inneren hoffe ich in 4 ½ Wochen eine schöne und stille Zeit zu haben. Denn bis dahin ist noch stramm zu arbeiten. Aber es geht ja und die Kräfte werden wohl bis dahin noch reichen.
<li. Rand> Sie wissen, mit welchen Gefühlen ich diesen Dankbrief schließe. Deuten Sie es nicht falsch, <Kopf> wenn ich so wenig aussprechen kann, was mich bewegte.
<re. Rand>
In herzlicher Liebe Dein Bruder Eduard.

[li. Rand S. 4] Unter dem Titel: "Zshg v. Philosophie u. Politik“ habe ich am Montag eine <Wort unleserlich> gegen <Kopf S. 4> die jetzigen Damenmoden gehalten. Tosender Beifall!
[re. Rand S. 5] Gestern habe ich einen sehr liebenswürdigen Brief v. Kerschensteiner bekommen, auf <Kopf S. 5> den ich stolz bin.