Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Juli 1911 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 12. Juli 1911.
Liebe Schwester!
Wenn ich endlich einmal wieder zum Schreiben komme, hat sich so viel Stoff an Tatsachen angesammelt, daß mein Bericht sehr pragmatisch ausfällt. Ich hoffe aber, daß der August uns dies alles einbringt. - Nachts fahre ich übrigens sehr ungern; Zeit würde kaum gewonnen, da man doch nachschläft. Also fahre ich wohl am besten - dreimal Knoblauch - am 2. früh 8 Uhr über Oberhof (!) Würzburg u. bin um 8 in Heidelberg. 2 Nächte werde ich wohl mindestens dortbleiben, und da wäre es vielleicht ganz praktisch, wenn Sie oder Frl. Knaps in Ihrer Bekanntschaft jemanden wüßten, der während des Semesters an
[2]
| Studenten vermietet und nun das Zimmer frei hätte. Dadurch wäre ich ungebundener. Vielleicht in der bisherigen Wohnung von Coss? Jedenfalls muß ich 1 Tag nach Speyer. Vielleicht überlegen Sie einmal, ob das besser auf dem Hin- oder Rückweg geschieht. Soweit ich sehe könnten wir über Speyer billiger u. ebenso schnell als über Bruchsal fahren. Die Frage wäre, ob Sie Neigung hätten, zu Budenbenders mitzukommen, oder lieber nachkämen. So sehr ich jeden Tag beklage, der uns verloren geht, kann ich doch den guten alten Freund nicht auslassen. Auch Ruska muß ich wenigstens auf 1 Stunde sehen.
Für 30 M wird die Reise wohl nicht sein - sie macht hin- u. zurück 50 M. Kragen u. Chemisettes bringe ich nicht mit, die mich durch Ihre Andeutung fast ängstlich machen. Vielleicht habe ich gar nicht einen so schlechten Anzug, wie er für den Hermersberger erforderlich ist.
[3]
|
Aber nun vor allem: Gemach! Gemach! Wenn diese kleinen Leute so die Treppe herunterhüpfen (vide Kümmelbacher) kann's natürlich ein Malheur geben. Nur gut, daß es noch einmal so ablief. Hatten Sie die Tage drauf noch Schmerzen?
Nun von hier: Der Mädchenwechsel ist bis jetzt sehr zur Zufriedenheit. Die kleine alte Person (ganz Tante Jettel) ist voll von Diensteifer, sehr sparsam, freundlich und - ausführlich, so daß sie mit m. Vater gut zusammenpaßt u. mich erst in Schrecken versetzte. Viel Kräfte hat sie nicht, hat sie wohl eben nicht so geschont wie die Vorgängerin; aber sie schafft den Dienst höchst pünktlich, u. wir haben das wohltuende Gefühl persönlichen Interesses. Das also verdanke ich wieder einmal Ihnen.
Die Schlipse binden sich ausgezeichnet, und ich trage sie mit sichtlicher Eitelkeit alle Tage. - Schade, daß ich nicht auf die Idee kam, daß die Mappe
[4]
| umgetauscht werden könnte. Sie ist zwar in jeder Hinsicht sehr nach Wunsch; aber das Schloß ist unbeweglich. Nun aber habe ich sie schon verschiedentlich gebraucht.
Vorige Woche fing ich an, sehr nervös zu werden, wennschon nicht so fertig, wie der kl. Scholz. Ich war wieder sehr gereizt, ja sogar im Kolleg, so daß ich mich im Publicum einmal unterbrach mit den Worten: "Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß ein Kolleg nicht dazu da ist, um sich zu amüsieren; hören Sie also bitte zu, oder meiden Sie es." Natürlich (!) war es eine Dame, übrigens sehr schöne, mit 2 Herren. Rührend fand ich es, daß die also Gemaßregelten das nächste Mal wiederkamen u. sehr eifrig mitschrieben. Jetzt geht es wieder aufwärts. Ich nehme täglich ein wenig Sanatogen. Ich denke, das soll ein Ernährungsmittel sein;
[5]
| aber man bekommt danach ja nur mehr Appetit. Sie haben gar keinen Begriff, was ich dieses Semester wieder geleistet habe. Ein so anständiges Kolleg neben so viel Nebenämtern wird kaum ein andrer in s. 4. Semester lesen. Dazu die ungeheure Geschäftskorrespondenz: Am Freitag nur tenore 7 Briefe geschrieben, gestern 8, heute 4!! Nun noch 3 Wochen, dann kommt relative Ruhe. Die Angelegenheit mit dem Vertreter wird sich ja regulieren, u. über die Dauer des Ausbleibens reden wir mündlich, auch in der Form der Introspektion - in die Reisekasse.
Es ist die Zeit der 7 fetten Kühe. Das Pestalozzihaus hat mir für 11 Stunden, ich weiß nicht, ob aus einem <Wortteil unleserlich> schaffenden Versehen, 77 M geschickt. Aber es ist auch unglaublich, was gebraucht wird, u. alle Augenblicke muß ich mir etwas neu anschaffen. So lebe ich z. B. jetzt wieder auf sehr schlechtem Fuße.
[6]
| Daß es mir wieder besser geht, beruht vielleicht auf dem erfrischenden Sonntagseindruck: Ich habe in einsamer Wanderung einen wundervollen märkischen Edelsitz entdeckt: Schönfließ, wissen Sie, dort auf dem Feld, auf das wir bei Frohnau hinaussahen u. wo die Rehe waren: Großer Schloßpark, idyllische Schenke, weiter parkartiger Weg am Bach mit Schloßfrau, Schloßfräulein u. Dackeln. Zum Schluß Waldrand, schwarzer Graben, kein Ausweg, Urwald, "Kindelgebirge" u. Hermsdorf. –
Es aot wieder sehr vernehmlich, u. diesmal vielleicht nicht ohne Grund. Erdmann soll es beantragt haben (wohl um die Pädagogik definitiv loszuwerden.) Und von Leipzig höre ich auch gelegentlich Gerüchte. Ich selbst weiß immer am wenigsten. Der ao in Berlin wäre ja schließlich der vorläufige Gipfel meiner Wünsche.
Bauch ist in Jena Kollege v. Eucken u. so quasi Nohls Chef geworden.
[7]
|
Fortsetzung.
Da auch Hermann heute einen Brief bekommt, so ist es mit der Fortsetzung Essig. Alle Welt hat Geburtstag, ich muß zu Frau Ludwig, weil die möglicherweise Kirschkuchen hat. Über die noch schwebenden Fragen also im nächsten Brief. Vielleicht denken Sie am 15.VII. an den Geburtstag m. Vaters mit 1 Wort. Ich denke 260 M reichen auch. Was braucht man auf dem HH <Hermersberger Hof> mit KH? Mehr als 200 M stoße ich schwerlich ab.
Was die Verschwendung betrifft, so habe ich meine Disposition ändern müssen. Denn entweder bekomme ich an der Zahnlücke einen neuen Zahn, oder ich kann mir den alten nochmal ziehen lassen. Die richtigen Giftzahndrachenbrut! Wahrscheinlich vom Recensieren!
Und nun halten Sie sich aufrecht, wenn Sie die Treppe hinuntergehen, und an dem Gedanken, daß Sie am
[8]
| 2.VIII. wiedersehen
Ihren Bruder
Eduard.

Helfen Sie mal dem ao ein bißchen mit dem Daumen nach. Wir trinken dann 1 Schoppen mehr auf dem HH.
Grüße an Frl. Knaps u. Coss. Er soll doch schreiben, wann er kommt.