Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a.
Den 20. Juli 1911.
Liebe Schwester!
Es geht nun nicht länger, daß ich Ihnen so schändlich verschweige, was hier allmählich die Spatzen von den Dächern pfeifen. Nur habe ich mich gewehrt, meine Gedanken in eine Richtung zu bringen, aus der man sie allzu schwer zurückbringt. Aber nunmehr muß ich doch auskramen, da das Gerücht sich zur Greifbarkeit verdichtet und - mathematisch gesprochen u. zugleich zuversichtlich gesprochen - die Wahrscheinlichkeit wie 1:3 ist, daß ich………..im Winter Professor ordinarius in Leipzig werde.
Frischeisen-Köhler hat es zuerst gesagt; der wußte es von Dessoir, und Dessoir wußte ganz genau, daß ich mit P. Barth zusammen im Vorschlag bin. Nur die Reihenfolge des Vorschlags und den dritten wußte er nicht. Heute morgen hat nun Stumpf
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| mich mit Handschlag begrüßt (!+!) und mich gefragt, was da gemunkelt würde. Ergo! Dabei auf einmal großes Bedauern, daß dann in B. eine Kraft weniger wäre, worauf Riehl, der dabei stand, sagte, man müßte eben Naumann veranlassen, daß ich nicht wo anders früher an die Reihe käme.
Aber nun kommt das Beste: Als Riehl eine Stunde später mit mir allein war, fragte er, ob die Gefahr wirklich von Leipzig käme, weil nämlich - an einem 2. Ort ebenfalls etwas im Gange wäre!! Dies kann nur Straßburg oder Tübingen sein.
Daß man sich in Dresden mit mir beschäftigt, möchte ich aus folgender Karte schließen, die ich Esel leider nicht durch Zuschickung eines Separatabzuges, sondern nur durch Auskunft beantwortet habe.
Sie wissen selbst, liebe Schwester, daß möglicherweise in 2 Wochen die Seifenblase geplatzt ist u. wieder nichts übrig bleibt, als
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| die fortgesetzte - Exspektanz auf ein Extraordinariat in Berlin. Trotzdem ist es nicht möglich, die Gedanken von gewissen Luftschlössern ganz fernzuhalten. Leipzig, Kollege von Wundt - diese Ehre muß einen "Anfänger" schon kitzeln. Freilich fatale Situation zu Barth, u. dieser hat ohne Zweifel ein prae, obwohl auch sein Freund sagen muß, daß er außer 1 gutem 2 recht schlechte Bücher geschrieben hat. Nähe Berlins bei doppeltem Haushalt sehr angenehm. Überhaupt, käme es dazu, so gibt es natürlich im Anfang mehr Probleme als Lösungen. Leipzig ablehnen würde ich wohl sicher nicht.
Tübingen u. Straßburg wären mir wahrscheinlich finanziell sehr ungünstig. Aber das ist ja auch vage Vermutung.
Wie die Dinge einmal liegen, wäre für meine Ruhe u. innere Fortentwicklung ohne Zweifel ein Extraordinariat in Berlin mit 3 bis 4000 Fixum sicher das Beste. Die Ruhe der kleinen Universität kommt dem ordinarius nicht mehr zu gute, abgesehen vom Finanziellen.
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| Sollte durch eine (dreimal Knoblauch) Reise nach Dresden unser Plan sich etwas verschieben, so kenne ich Ihre Liebe genug, um zu wissen, daß Sie nicht ärgerlich wären. Aber wir wollen vorerst tun, als wenn alles beim Alten bliebe, u. da wäre ich Ihnen natürlich dankbar, wenn Sie mir bei der voraussichtlichen Hast meiner Abreise von hier einiges abnehmen könnten.
1) Am einfachsten wäre doch, ich nähme das Logis von Coss auf 2-3 Nächte.
2) Machen Sie einen Plan, wie und wo man Speyer zwischenschiebt, vielleicht an einem Tage, wo Sie packen, so daß wir uns in Speyer wiederträfen. Das müssen Sie besser beurteilen können.
3) Der erste Tag soll doch wohl ganz Heidelberg gewidmet sein. Ich möchte bitten: Recht früh, nicht zum ausführlichen Frühstück: Schloß. Dann der Wolfsbrunnenweg ganz oder teilweise bis Kümmelbacher. (wo Mittag.) Nachmittags eine der Burgen, Abends Dilsberg, wenn kein Theater. Ruhen Sie also bitte vorher aus, damit dies Programm zu erledigen.
4) Am 2. Tag früh vor der Fahrt (nach Speyer?) Ruska, vielleicht können Sie kundschaften, ob er zu Haus??
5) Was an m. Ausrüstung fehlt, kaufen wir vielleicht zusammen irgendwo, z. B. in Landau. Heute nur dies. Ich freue mich unendlich. Noch viel Dienst bis dahin.
<li. Rand> Neulich bei Dilthey. Viel innige Grüße Ihr ordentlicher Kandidat Eduard.