Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. September 1911 (Prenzlauer Tor bei Lützow, Postkarte)


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Bei Lützow, Prenzlauer Tor, 2.IX.11.
7 Uhr
Encore une fois! Ich mußte auf einen Berg, u. ich mußte etwas trinken. Und so sitze ich denn hier, "hoch" oben, im dicken Dunst, unten rauscht der Wagenverkehr. Ein Lenkballon oben, der Mond so
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| blaß in dem Dunstkreis, u. drüben der Friedhof. Welche Kontraste! Das ist Leben. In wenigen Minuten wird hier ein Marsch <sic?> die relative Stille brechen. - Ich denke an Ihre u. meine Kindheit. Eben habe ich Ihr Bild lange betrachtet. Wie war es möglich, daß wir uns nicht damals schon kannten? Aber hier, am Prenzlauer Eck, ruhen unsre Väter, und es ist hier wie Heimat und Ruhe in dem Getümmel. - Die Bäume sind noch wenig gelb, aber so müde, u. Berlin liegt vor mir, dumpf in der Herbsthitze, durch die doch schon ein wehmütiger Abschied weht. Immer u. immer gedenkend
Ed.

[li. Rand] Der Ballon kommt wieder u. fährt in den Mond.
[re. Rand] Niemand sitzt hier an dem Abhang, alles unter den Bäumen.