Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. September 1911 (Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi Str. 9a.
Den 2. September 1911.
Mein geliebtes Kind!
Eben komme ich vom Pestalozzihause zurück, es sind 31° im Schatten, vieles auf den Straßen erweckt dem Ungewohnten Ekel; aber es ist Sedantag, und als einen Siegestag will ich diese Heimkehr empfinden.
Es sollte besser heißen: den Anfang des neuen Ringens. Ob viel Erholung zurückbleibt, wird die Zukunft lehren. Aber als eine seelische Stärkung empfinde ich jedes Mal das Zusammenleben mit Ihnen, und jedes scheint mir eine neue, höhere Stufe. Wie ein Ausflug in selige und reinere Gefilde stehen diese Wochen vor meinem rückschauenden Blick. Wir sind jetzt so ganz frei und eins in einander,
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| daß ich mir nichts Höheres unter Menschen denken kann. Die Besorgnis, meine völlige geistige Lahmheit in diesem Jahr könnte Sie enttäuschen, schwand in dem glücklichen Bewußtsein unsrer Liebe, die nicht diesen oder jenen Zustand beurteilt, sondern auf tiefster Einheit beruht. Ich fühlte es geradezu, wie mich das langsam wieder zu mir brachte, nachdem körperliche und andere Beschwerden mich halb veräußerlicht hatten.
Und doch weist jedes Zusammensein noch wieder über sich hinaus. Was Sie zuletzt in der Aue sagten, hat mich tief beschäftigt. Es muß darüber noch Klarheit werden; ich ging darauf nicht ein, weil ich merkte, daß das, was ich jetzt über Vorsehung glaube, unfertig ist und erst fertig werden wird, wenn ich die Erlebnisse der letzten Wochen <gestrichenes Wort: unleserlich> verarbeitet haben werde - eine neue Stufe, errungen durch Sie. In der Bahn wollte ich mich diesen
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| Gedanken hingeben. Aber es waren allerhand Leute, die mich ablenkten, erst einer, der von Oberhof kam, ganz entzückt war und von Trockenheit nichts wußte (!), dann einer, der nach Tegel fuhr, und endlich ein Präparandenlehrer von der polnischen Grenze, der nächstes Jahr in den Kursus will und mir das Amüsement verschaffte, mich aus einem Studenten in seinen künftigen Docenten zu verwandeln. So verging die Fahrt sehr schnell. Zu Hause fand ich alles in Ordnung, Antonie waltete mit derselben Unruhe ihres Amtes, und mein Vater nicht minder. Die Zeit geht hier langsam. Es sind noch dieselben häuslichen Sachen aktuell, wie vor 4 Wochen; aber ich habe doch den Eindruck, daß nach Möglichkeit für meine Ruhe gesorgt werden wird. Briefe fand ich vor, von denen ich Ihnen die wichtigeren im Original mitteilen werde: entweder mit diesem Brief u. der Religions
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|philosophie zusammen, oder später, je nach Möglichkeit. Sie werden darin viel Gutes finden.
Nun aber die wichtigste Nachricht, die bezeichnender Weise bis heute sekretiert worden ist: Jener Herr Karf hat von Natorp [über der Zeile] (!) gehört, daß ich in Leipzig an erster Stelle vorgeschlagen bin. Dadurch wird die Sache ernster, und ich rechne doch mit der Möglichkeit, nach einiger Zeit wieder das Bündel zu schnüren und nach Dresden abzusegeln. Sollten dort positive Chancen sein, so rechne ich sogar mit der Möglichkeit, in Dresden ein zweites Mal mit Ihnen zusammenzutreffen: wir sind nun einmal - im Zuge.
Auch der Herr Vorstand hat geschrieben, außer dem, was an Sie auf der Karte stand, viel Liebes und Gutes, das in mir ein starkes Echo findet.
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Mit der Stunde im Posthause ging es ganz gut. Man war übrigens nicht ganz sicher, ob ich kommen würde.
Die Religionsphilosophie müssen Sie stundenweise lesen; vielleicht lesen Sie es der lieben Tante vor, wenn sie das ablenken kann. Es sind 13 Stunden für 13 Tage. Die Prägnanz der Formulierung ist die Hauptsache, Kürze die Schwierigkeit.
Sonst wird nun alles allmählich in Gang kommen, die Reihenfolge ist noch nicht sicher. Frau Paulsen schreibt von der Rückreise aus Hilligenlei; auch dies wird sich nun entscheiden.
Der H. H. beginnt schon, sich in meiner Erinnerung zu verklären. So werfen Sie über alles einen lieblichen Schein; selbst die Wüste Sahara würde an Ihrer Seite zu blühen beginnen. Unvergeßlich vor allem aber wird mir der Tag in Bacharach bleiben: das war doch ein schöner Gedanke,
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| und ich danke Ihnen dafür ganz besonders.
Der lieben verehrten Tante sagen Sie von mir viel Schönes. Es war mir zu kurz! Cassel ist mir durch ihr Haus jetzt doch so lieb geworden, wie ich es nie geahnt hätte.
Ich möchte ins Endlose schreiben. Aber es ist besser, daß ich Brief und Sendung fertig mache. Sie wissen ohnehin, daß sich meine Gedanken von Ihnen nicht losreißen, sondern mich in allem, was ich Schönes oder Schweres erlebe, immer in Sie und in Sie hineinführen.
So bleibe ich in treuer Liebe und dankbarer Innigkeit auch in Berlin
Dein Bruder
Eduard.