Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. September 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. September 1911.
Liebe Schwester!
Ich sollte arbeiten; aber Sie werden begreifen, daß mir nach der Nachricht von heute morgen allerlei im Kopfe herumgeht, wovon ich immer noch nicht weiß, ob es zeitgemäß oder nicht ist. Aber bei dem bekannten Spiel "Feuer, Wasser, Kohle" würde es nun doch wohl "Feuer" heißen, und wichtige Veränderungen stehen dann bevor. Veränderungen, für die ich innerlich nie so gut disponiert war wie jetzt.
Denn eine Loslösung von den Berliner Verhältnissen würde mir jetzt in mancher Hinsicht erwünschter sein, als ich je geglaubt. Erkaltung des Schuleifers, Stagnation der Freundschaften und Beziehungen (außer Riehls), ein Netz komplizierter Verpflichtungen, das allmählich doch allzu verheddert wurde, und so manches außerdem, sind der Verpflanzung
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| günstig.
Alles ist ja noch unbestimmt; aber das möchte ich doch heute schon sagen, daß ich im Fall der Realisierung "sehr viel Wert darauf legen würde", in irgend einer Form und irgendwo mit Ihnen noch vor Ihrer Rückkehr nach H. zusammenzutreffen. Ihr Rat und Ihre Teilnahme dürfen bei einer so einschneidenden Veränderung nicht fehlen, wenn ich keine Dummheiten machen und mich glücklich fühlen soll.
Die erste Reise würde voraussichtlich nach Dresden gehen zwecks Vorstellung im Ministerium. Nach Leipzig führe ich vielleicht gleich von dort aus aus, um mit den nächsten Kollegen bekannt zu werden und die Wohnungsverhältnisse wenigstens zu sondieren. Beides könnte nur ganz kurz sein, wenn nicht die Schule von neuem unterbrochen werden soll, was ich aus Pietät u. Dankbarkeit nicht möchte. Es ist zu weiterem im Oktober noch Zeit. Nur das eine bitte ich Sie: reisen Sie von Cassel nicht ab, ehe hierüber Klarheit ist, und
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| machen Sie sich mit der Möglichkeit vertraut, daß ich Sie um ein Zusammentreffen auf halbem Wege bitte.
Ich habe noch garnicht für das Paket gedankt mit seinem reichen Inhalt, und zwar von einer Sorte, sie ich sehr ästimiere. Die beiden Bilder sagen viel von diesem Sommer. Dazu Ihr lieber Brief von heute - das alles macht mich sehr froh.
Sonst ist hier nicht viel Erhebliches vorgefallen: Montag besuchte ich Oesterreich und seine Braut. Am Abend war ich in dem Verein ehemal. Knauerscher Schülerinnen, um nun auch öffentlich zu dokumentieren, daß nichts zwischen uns vorliegt. Ich fühlte mich jedoch wenig an meinem Platze, war gar nicht zu lebhafter Unterhaltung disponiert und merkte so recht, wie sehr diese jugendliche Epoche hinter mir liegt. Zugleich sah ich, wie sehr doch auch meine Wirkung verblaßt ist. Zwar ging bei meinem Auftauchen durch die
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| Gesellschaft jenes unwillkürliche "Ah", das man nicht ungern hört. Aber manche grüßten mich nicht einmal (Schmollzustand), während mit anderen (z. B. Frida Pütter) wieder kein Gespräch in Fluß kommen wollte. Mit Knauer und seiner Frau habe ich dann noch bis 12 Uhr zusammengesessen u. mich gut unterhalten. Gestern war ich bei meinem Onkel, heute will ich zu Ludwig.
Der Herr Vorstand hat mir auch eine Ooskarte geschickt. Ich werde aber erst antworten, wenn in m. Situation Klarheit ist: bis dahin entschuldigen Sie mich wohl.
Und nun vor allem herzliche Wünsche für die Gesundheit der lieben Tante. Ich glaube, sie sollte mit den offenen Fenstern etwas vorsichtiger sein. Die Luft in Cassel scheint etwas rauh.
Mit meinen wiss. Gedanken war ich ganz bei der Politik. Und eigentlich, ist es nicht lächerlich, von s. Privatsachen so viel zu reden in einer solchen Zeit nationaler Krisis?? Viel herzliche Grüße und alles Gute in Treue u. Liebe Eduard.