Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. September 1911.
Liebe Schwester!
Ihr lieber Beruhigungsbrief kam - halb zu spät.
Ich habe etwas Positives in Händen, und Sie haben keine Depesche. Wie ist das zu erklären? 's hat halt see Ittem !
Heute morgen erhielt ich von einem Menschen, der den doppelt fatalen Namen Schmaltz führt (also jedenfalls keine reine Butter) nomine Sr. Excellenz das Ersuchen, zu Verhandlungen zwecks Übernahme einer etwas müßigen außerordentlichen Professur nach Dresden zu kommen.
Jetzt heißt es handeln und überlegen!
Eine ordentliche Professur ist zu
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| besetzen. Wenn man diese eigens für mich in eine außerordentliche verwandelt, so ist das jedenfalls ehrenvoll, wie unter Kollegen sichtlich herabsetzend. Dies also die 1. Frage an den Schmaltz: warum dies? Gründe wahrscheinlich a) Rücksicht auf Barth b) meine Jugend (Wundt ein 78 Jähriger "Kollege") c) billiger und quasi auf Probe.
Meine Gegengründe: Das Extraordinariat bekomme ich hier auch; geschieht es in 1 Jahr, wozu der Umzugskrempel. Trotzdem will ich (Dienstag) verhandeln. Die Frage, die noch bleibt, ist Geld- und Verpflichtungsfrage.
Ad 1) Soll ich auskommen, brauche ist ein Fixum von 5000 M (in Berlin habe 3000.) Kolleggelder mit 2000 M in Leipzig ist wohl nicht zu knapp gerechnet, eher weniger.
Ad 2) Jedenfalls soll ich das päd. Seminar leiten. Dissertationen als Ad. zu begutachten müßte ich ablehnen, als der
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| Universitätsverfassung zuwider. M. a. W: die Pflichten eines Ordinarius ohne die Rechte, das mache ich nicht.
Es fragt sich, wie viel in diesen "Verhandlungen" zu "handeln" ist.
Da ich aber für ein Weggehen aus Berlin momentan sehr viel Stimmung habe, so ist nicht strikte abzulehnen. Der Professortitel kitzelt mich wenig. Ich stehe hier im Centrum.
Bitte beantworten Sie mir die Frage, ob ich bei folgender Rechnung zusagen soll:
1) Fixum 5000 M
2) Kolleggelder 2000 M.
3) Nebenverdienst 1000 M.
(Bücher etc.)_________
8000 M.
Gleichzeitig aber muß folgendes geschehen: das preuß. Ministerium muß inoffiziell (durch Frau Paulsen) erfahren, daß ich im Begriff bin zu gehen. Bietet mir dann
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| hier den Extraordinarius mit 3000 M, so hat man mich. Freilich bin ich nicht für langsichtige Versprechungen à la Althoff.
Ich bleibe wahrscheinlich nur 1 Tag in Dresden, und an diesem heißt es aktiv sein. Vor allem werde ich betonen: In der akad. Karriere gibt das Alter keine Rechte, also darf Jugend keine nehmen.
Alles ist noch unbestimmt. Ein Extraord. mit 5000 M ist m. W. ganz unwahrscheinlich, aber in diesem Falle sind die Mittel da, weil im Etat ein Ordinariat steht, das noch dazu 1/2 Jahr unbesetzt war, so daß man mir Umzugskosten bewilligen kann.
Von allem weiteren hören Sie. In eiligen Fällen würde ich telegraphisch anfragen und ebenso um Antwort bitten.
Viel herzliche Grüße an die verehrte Tante und Sie
Ihr
sich aus dem Außerordentlichen nichts machender
Eduard.

[li. Rand] Sehr dumm, daß Riehl nicht da ist. Man müßte einen Fachmann fragen!
[Kopf] Misch sprach vom ordentlichen, sehen Sie?