Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. September 1911 (Dresden)


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<Spranger schreibt hier auf Briefpapier des Hotels Stadt Rom in Dresden. Oben links ist ein Bild des Hotels, rechts die Adresse des Hotels aufgedruckt>
<gedruckt: Dresden, den> 12. September 1911.
Liebe Schwester! Alles ist vortrefflich, und Sie fehlen mir hier. Und so muß ich denn nach einem schlechten Essen und bei einem Rotwein (den ich seit 10 Tagen trinke) Ihnen schriftlich berichten über den Gang der Dinge. Freilich nur kurz. Die feineren Eindrücke (deren Legion) ließen sich ja nur erzählen. Sie haben also jetzt in mir zu verehren:
1) einen kgl. sächsischen außerordentlichen etatsmäßigen Professor mit der Exspektanz auf ein Ordinariat bei guter Führung. (protokollarisch!)
2) ein verehrliches Mitglied der wissenschaftlichen Prüfungskommission. (Oberlehrer)
3) ein ansehnliches     “        “     pädagogischen                “           Mittelschullehrer.
4) den Herrn Direktor des pädagogischen Seminars, aus dem die experimentelle Abteilung gebührenderweise herausgeschmissen.
5) einen Mann mit 4800 M Gehalt.
6). einen Junggesellen mit 240 M Wohnungsgeld.
7) den Nachfolger eines Mannes, der ca 4700 M Kolleggeld bezog.
Wenn Sie dies alles zu tragen fähig gewesen sind, so füge ich hinzu, daß ich außerdem
8) ein Esel war, denn ich hätte noch mehr haben können; anscheinend hängt garnichts am Golde, sondern nur das Ordinariat ist für Pädagogik [unter der Zeile] mein Alter. verschlossen. Aber "ich selbst" habe auch dies nicht
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| dumm angefangen. Denn ich habe protokollarisch betonen lassen, daß ich keine Dissertationen begutachten möchte. Will also Herr Volkelt diese Arbeit loswerden, so muß er mich ordinieren.
Der Herr Geheimrat Schmaltz war das Muster der Liebenswürdigkeit. Er saß und wartete u. wartete auf weitere Forderungen; leider hatte ich nichts präpariert. Dies war eben die Dummheit. Ich hätte um 500 M Umzugskosten bitten sollen. Darüber demnächst. Offenbar war der Mann erstaunt, daß es ihm nicht mehr an die Gurgel ging. Anfangsgehalt der ao. sei 3000 M. Darauf ich: Mit 4000 käme ich aus, wenn ich feste Nebenbeschäftigung bei Gaudig haben könnte. Da er über Gaudig nicht verfügen kann, so wollte er eine positive Forderung hören. Ego: 5000 M. Da nun der Satz 4800, so waren wir gleich einig <einig ist 3x unterstrichen>. [über der Zeile] Höchstgehalt der ao. 5400. S. Exzellenz war bei Sr. Majestät zum Vortrag u. gab mir telegraphisch seine Einwilligung. Wieder ein Beweis, daß man billig gekauft hat. Der Herr Ministerialdirektor wollte mich kennen lernen. Recht alter, freundlicher Herr: immer wieder: Ei, das ist ja scheen (in bestem Sächsisch.) Heeren Se, Se sind ja noch so seeere jung. Ich entschuldigte mich. Antwort: Ei, das ist ja scheen. - Inzwischen hatte sich bei Herrn Geheimrat Schmaltz ein Herr Geheimer Schulrat Müller eingefunden. Vorsitzender der Prüfungskommission. Mit dem werde ich zu arbeiten haben. Blick bis auf die Nieren. Summe aller Übelkritik. Aber als er von Praxis hörte, wurde er weit umgänglicher. Sicher Stocklutheraner u. Reaktionär, aber gewiß auch nicht unnahbar.
Und nun in den Straßen! Es gefällt mir auf einmal alles: die Elbe, die Paläste, die Schutzleute im Centurionengewand. Unpreußisch, aber man wird es lieb gewinnen. Übrigens sind Naumann u. Elster verständigt durch Schmaltz. Denken Sie, Schmaltz hat am Montag, den 24. u. 31. Juli bei mir gehört. Am 24. Hegels Politik bei 30° Hitze war eine Meisterleistung. 100 Zuhörer. Schweiß in Strömen. Am 31. war Sozialismus angekündigt. Deshalb ist er wiedergekommen. Hat also m. politisches Glaubensbekenntnis gehört. Weiteres von Berlin. Der lieben Tante u. Ihnen herzlichste Grüße. Ich bleibe <li. Rand> meine geliebteste Schwester, Dein Eduard mit allen treuen u. innigen Gefühlen.