Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. September 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 13. September 1911.
Liebe Schwester!
Innigen Dank für Ihre Glückwünsche. Meinen gestrigen Nachrichten ist wenig Erhebliches hinzuzufügen. Ich war in einer Stimmung, die alle Dinge der Welt vergoldet, aber leider so müde, daß ich mit dem schönen Tag nichts Rechtes anzufangen wußte. Um Erinnerungen zu feiern, wollte ich bis Loschwitz mit dem Dampfer fahren, die zahllos an der B.schen Terrasse lagen. Aber ich mußte über meine Weltverlorenheit lachen, als ich mitten in der Elbe einen Mann stehen sah, der irgend was fischte. Um zu sitzen, ging ich zu Walzel. Der aber jagte mich 1 Stunde Elbufer (noch dazu das unrechte!) aufwärts und 1 abwärts. Ich war total kaput, Kopfschmerzen, kein Speisewagen, Hunger, Durst, schlechter Wagen etc. So sind die
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| Kollegen.
Nun aber kommt's. Wann müssen Sie von Cassel fort? Und ist es nicht zu selbstsüchtig von mir, wenn ich frage, ob Sie nicht auf 2 Tage (d. h. eine Nacht) nach Leipzig kommen könnten?? Meine Idee dabei ist 1) die, mit Ihnen zusammenzusein und zu reden. 2) die, mit Ihnen, noch völlig incognito, die Wohnungsverhältnisse zu sondieren.
Dagegen spricht:
1) daß Sie gewiß nach Hause wollen.
2) daß wir beide schon viel Geld dies Jahr verdrückt haben und die Zeit des Sparens ja keineswegs herum ist.
3) daß ich Sie kaum zu einem Vergnügen, sondern zu einer Strapaze bitte.
4) daß eine definitive Wohnungswahl kaum erfolgen kann, ehe ich auch mit Kollegen gesprochen habe, die die Verhältnisse kennen, mindestens nicht, ehe ich annonciert habe.
Ganz gewiß würde ich es verstehen, wenn Sie glatt nein sagten. Dann beriete
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| ich schriftlich mit Ihnen.
Sollten Sie aber ja sagen, d. h. nach treuer Prüfung Ihrer Kräfte und Wünsche, dann läge es so: Nach dem alten Storm geht ein Zug 7.58 ab Cassel, der gegen 3/4 1 in Leipzig wäre. Oder Sie blieben 1 Nacht bei Frl. Scheibe in Halle? Rückfahrt entweder direkt Heidelberg oder Cassel? Aber 2/2 Tage brauchten wir, da ich ein bißchen im Grünen wohnen möchte, also viel zu fahren per Electra (bekanntlich unsre Schwester.) Ich könnte eigentlich nur Donnerstag u. Freitag. Aber auch Montag u. Dienstag, wo ich dann freilich am Montag erst nach 9 von Berlin abfahren könnte. und später als Sie ankäme.
Bitte Ihre Vorschläge. Ich habe heute ca 20 Briefe zu schreiben u. kann also nur noch sehr herzliche Grüße hinzufügen. Mein Vater hat die Wendung mit Freude und viel Verständnis aufgenommen. Es ist ja in der Tat auch gut so, wie es geworden ist.
Herzlichst innigst, auch der Tante gedenkend,
Dein Eduard.