Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1911 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 25. September 1911.
Liebe Schwester!
Auf Ihren lieben besorgten Brief habe ich nicht telegraphiert, einmal weil ich annahm, daß Sie meine Karte in Cassel vorfinden und aus ihr schon einige Beruhigung entnehmen würden, dann aber, weil ja im Telegramm, selbst wenn es Sie noch erreicht hätte, sich nichts Positives hätte sagen lassen. Sie sehen zu schwarz, mein geliebtes Herz, und ich fühle mit Wehmut hindurch, daß die große Anstrengung der 2 Tage Sie doch sehr angegriffen und Sie um mehr als eine Nachtruhe gebracht hat. Bitte tun Sie mir vor allem die Liebe, durch Schonung, Ruhe und Besonnenheit sich nun erst wieder ins physische und seelische Gleichgewicht zu bringen. Ich bin ja selbst nicht anders als Sie, aber vielleicht doch ein klein wenig schon kaltblütiger geworden, insofern ich manches der Zeit
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| überlasse. Und so muß ich auch gestehen, daß ich die fatale Wohnungsfrage zunächst einmal dahin gelegt habe, wo ich sie nicht immer sehe. Ich habe auch noch nicht annonciert. Das Schlimmste ist doch, daß ich noch einmal 1 Tag hinüberfahre, und was mich dabei ärgert und beschäftigt, ist wieder wie so oft die leidige Geldfrage, weiter nichts. Mit der Gesundheit wird es ja schon wieder werden. Zeiten halber Arbeit sind mir nie bekommen. Im richtigen Augenblick bin ich da. Jetzt (es war schon besser, trotz der Reise) bin ich zum Opium zurückgekehrt. Hilft das nichts, so muß ich - und auch da zeigt sich wieder die Geldfrage störend, sonst wäre es schon geschehen-, einmal zu einem Arzt gehen, der auf mein individuelles Befinden mehr eingeht u. mich nicht nach dem allgemeinen Schema kurieren will.
Was also die Wohnung betrifft, so erwarte ich noch Ihre Meinungsäußerung, ob ich nicht die Brennestein in der Forkestr.
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| schriftlich oder persönlich noch einmal interviewen soll. In andrer Hinsicht bin ich nicht untätig gewesen. Ich habe Sr. Excellenz gedankt, der Fakultät L. ein offizielles Schreiben geschickt, mit dem Dekan geschäftliche Verbindungen angeknüpft, Volkelt wegen der Vorlesungen befragt und Wundt meine Ergebenheit ausgedrückt. Die Antrittsvorlesung ist im Kopf halb fertig, 5 Seiten sogar ausgearbeitet. Auf 20 Glückwünsche habe ich geantwortet etc. Sie sehen also, daß ich keineswegs entmutigt bin; ich leide jedoch unter dem Halbdampf, den ich immer noch beibehalte, um nicht zulange im Volldampf zu leben. Wenn ich wollte, könnte ich noch viel mehr erledigen.
Und dann wollen Sie doch bitte aus dem beiliegenden Brief ersehen, was für ein unendlich beneidenswerter, glücklicher Mensch ich bin. Ich habe Sie, ist das was Kleines? Und eben in diesem Moment kommt Ihr Brief zur Bekräftigung, den ich nun erst lesen will.
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Mein geliebtes Wesen! Wer könnte sich dem widersetzen? Fast möchte ich mir einreden, ich wäre krank, um das zu verdienen (physisch wenigstens) Stattdessen will ich eben mit meinen Schäfchen nach Birkenwerder.
Ich habe längst die Hoffnung aufgegeben, von Ihnen zu erhalten, was für Sie Ruhe, Gesundheit, Erholung bedeutet. Aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen widerspreche! Wenn wir zusammensein können, so ist das etwas so Hohes, daß wir dem Schicksal schuldig sind, es auch zu sein. Und so freue ich mich innigst, daß Sie kommen können. Sie sollen tun können, was Sie wollen, d. h. mit mir, nicht ganz mit sich! Wenn Sie für mich kochen, so will ich das als ein Symbol dafür ansehen, daß ich durch Sie lebe. Alles andre dann mündlich! Der Tante innigen Dank für Ihre Zustimmung, und Ihnen alles Liebe, Gute - könnte ich es Ihnen doch zaubern!!
Dein unverdient reicher Bruder
Eduard.