Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Oktober 1911 (Leipzig)


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|<Spranger schreibt hier auf Briefpapier mit Briefkopf des Hotels Hentschel in Leipzig. Da die Kopie schlecht leserlich ist, konnten wir nicht alle Satzzeichen klar erkennen. Daher sind wir an den fraglichen Stellen nach grammatikalischer Korrektheit vorgegangen.>

<gedruckt: Leipzig, den> 11. Oktober <gedruckt: 19>11
Meine liebe Gefährtin!  Nachdem ich selbst ein Esel gewesen und zum Bayr Bhf gefahren, landete ich im Hôtel, das Sie kennen u. das von Ihnen erzählt. Auf dem Augustusplatz war mir zu Ehren Militärkonzert; ich hörte eine unpreußisch gespielte Tannhäuserouvertüre u. ging dann zum Pedell, der 3 Adressen für mich gesammelt; die eine, wenn ich nicht irre, in der Milchstraße (etwas zu weit, wennschon ich Sie [über der Zeile] von dort wohl in H. sähe) die andre - Forkestr. 1, worauf ich sr. Zeit reflektierte. Rest Mist. Im Theaterrestaurant dinierte ich. Dort ließ ich Esel selbst den Stadtplan liegen u. fuhr dann nach Waldstr. 45, zu den Wiesbadener Voksbüchern. Auf dem Hofe empfing eine Kreissäge den stillen Gelehrten; Amélie war nicht zu Haus, u. ich entfloh mit Graus. Hingegen in der Leibnitzstr. trat ich in lange Verhandlungen (der Satan will, daß alle Vermieterinnen hier partout schwerhörig sind u. sich mir mit Hilfe ihrer Tochter verständlich machen können) Also feinstes Viertel, hübsches Haus mit Garten u. großer Veranda, 1 Min. vom Rosenthal, nette Leute. Aber Bude scheußlich eng, nur 2 Zimmer, [über der Zeile] dunkel Pension ungern, kurz - nur auf die Liste gesetzt dann Jacobstr. Eins der vielen Hahn-Hummelhäuser, die ich Ihnen zeigte, dicht am Graben, mit heizbarer Glasveranda. Haus hübsch. Zimmer nicht zu haben. Kerl schlief, zieht erst 1.XI, Schlafzimmer separat. Wirtsleute ein wenig unter dem Strich; hat aber schon Gesinde da gewohnt. Außer Betracht. Pfaffendorferstr. vis à vis v. Zoo. Freundl. Frau mit aufgelöstem Haar, miserable Zimmer miserabel möbliert, teuer u. scheußlich. Fast alle andern Offerten klapperte ich ab. Hätten sehen sollen! Lauter Spelunken. Besonders die Villa im herrlichsten Garten. Das reine Spukhaus. Machte niemand
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| auf, wie häufig. Ich steuerte schon auf die Forkestr. los. Ging aber noch durch Grassi-Str., u. hier Nr. 14 blieb ich hängen, d. h. die Sache ist so gut wie perfekt, um ein Ende zu machen.
Also: gutes Haus - mit 3 Parteien. I. Etage Besitzerin, Witwe mit Tochter. Großer Korridor, Zimmer gut in stand u. luftig, d. h. relativ. Lage nach Osten. Straße - Sie kennen sie - mit Bäumen. 2. Haus vorm neuen Gewandhaus, dicht bei dem düstern Restaurant, wo wir nicht rein wollten. Leider liegen nicht alle 3 Zimmer zusammen. Lage und Größe etwa so:
<Zeichnung: Wohnungsskizze mit Bezeichnungen der verschiedenen Zimmer>
Gewohnt hat bei diesen Leuten früher der Redakteur der "Daheim" u. a. Nun aber der Mangel: das Meublement ist zwar elegant, aber so spärlich, daß man von "möbliertem Zimmer" nicht gut reden kann. Und die Anschaffungslust ist nicht groß, die Verhältnisse also wohl beengt. Der persönliche Eindruck allerdings - dreimal Knoblauch - recht gut, d. h. zweckentsprechend. Sie wollte mich offenbar nicht loslassen, obwohl ich den Preis etwas drückte! nämlich 90 M für die Zimmer und 3 M pro Tag Pension. Das erstere ist billig das 2. kann man bei meinen Bedürfnissen. Aber beim Meublieren werde ich nun wohl - auch finanziell, etwas mithelfen müssen. Das Empfangszimmer wird Bibliothek. D. h. Ich lasse mein Regal kommen u. kaufe dazu (möglichst billig) ein zweites. Ein paar Stühle werden sich ja wohl dazu finden. Das Arbeitszimmer hat einen Schreibtisch, den ich aber erst mit aussuchen ging (kleiner als meiner, aber mit Aufsatz, eine Chaiselongue, die ich in 1 Sofa zu verwandeln dränge, 2 sehr
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| kleine Sesselchen, 1 Ovaltisch, 3 Stühle, eine Stachelpalme, Schaukelstuhl u. Ofen. Also garnichts Bestechendes. Es fehlt aber auch aller ekelhafte Kram u. Bazillenträger. Man kann die Sache vielleicht allmählich entstehen lassen, nur hört die alte Dame leider schwer, u. gewiß hat sie mir auch viel erzählt, was nicht ganz zutrifft. Die Schlafzimmereinrichtung kann u. soll die einfachste sein. Also im ganzen: Nichts Berauschendes; aber Sie können gewiß sein, daß ich zu menschlichem Preise in Leipzig nichts gefunden hätte. Übrigens ist die Sache noch nicht perfekt u. erst morgen früh erfolgt die Aussprache <Wort unleserlich> Einzelheiten. Räume u. Personen sind gut, dies scheint mir besser als das aufgelöste Haar. Ein Dienstmädchen von guten Manieren und [über der Zeile] ist auch vorhanden. Wie die Pension sein wird, das kann man hier so wenig wie anderwärts ahnen. - Bis die Dame zum Ausgang fertig war, mußte ich mich 1 Stde herumtreiben, sah noch andre Offerten von Außen (sämtlich schlecht) u. inspizierte wohlweislich noch die Forkestr. I v. außen. Der Eindruck war der, daß an repräsentabler Erscheinung nur dies mit der Grassi-Str. 14 konkurrieren kann, daß aber die Fenster zu schmal u. das Innere infolgedessen (bei höhren Preisen) zu dunkel ist.
Für die Ewigkeit ist d. Wohnung ja nicht. Für den Anfang aber habe ich tatsächlich nichts Besseres gesehen. Daß ich es der Einrichtung nach zu Hause besser hatte, ist ja selbstverständlich u. mir nicht überraschend.
Für morgen 12 Uhr habe ich den Bibliothekar aufs Seminar bestellt. Die Dinge müssen nun in Gang kommen. Vor Sonnabend bin ich doch nicht eingerichtet.
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Sie hätten es miterleben sollen, wie sich die Wirklichkeit zu den durch die Offerten erweckten Erwartungen verhielt. Dann würden Sie meine Wahl billigen. Ich halte es für möglich, daß ich mich mit den beiden Damen recht gut einlebe. Dann bleibe ich im Sommer wohnen; sonst ziehe ich ins Freie.
Hierüber demnächst mehr. Sie sind nun in dem Augenblick, wo ich dies bei gutem Wein u. Schnitzel schreibe, eben in Heidelberg angekommen, u. eine große äußere Entfernung liegt zwischen uns. Innerlich waren wir uns nie näher. Es scheint mir so, als wären Sie nur verreist. Auch in mir ist es ganz hell, abgesehen von leichten NeigungenWort in der Kopie nicht leserlich des Heimwehs, die natürlich sind. Ich fühle aber schon heute die gute Wirkung, daß ich mit wachsender Liebe nach Hause denke. So werde ich die kleinen Reibungen vergessen, u. vielleicht blüht noch ein Spätherbst empor.
In den Schaufenstern hier liegen nebeneinander die Humboldts, u. Leipzig liest ihren Namen neben dem Meinen.
Ich bin innerlich durch die Erlebnisse der letzten Jahre sehr, sehr reif geworden, und werde meinen Studenten etwas zu sagen haben. Es ist doch so, daß nur wer Großes u. Schweres erlebt hat, diese Welt deuten kann, u. darin bin ich den Belesensten über. Keine Kunst nenne ich mein eigen, als die, mit einer treuen Seele alle Höhen u. Tiefen des Lebens durchfahren zu haben. Darum ernenne ich Sie zur Extraorodinaria: Sie werden mit mir den Lehrstuhl besteigen.
Wenn Sie mir schreiben, so am sichersten unter der Adresse der Universität. Ich möchte gern recht bald hören, wie Ihre Reise verlief, ob Sie alles gut zu Hause fanden, u. daß Sie nun an Ihre Ruhe denken. Herzliche Grüße an die Knapse etc.
Immer Ihr innig treuer u. dankbarer Bruder
Eduard.