Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Oktober 1911 (Leipzig, Grassi-Str. 14)


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Leipzig, Grassi-Str. 14.I. 16.X.11.
Liebe Schwester!
Es ist wahrscheinlich heute der letzte der 5 stillen Abende, die ich nunmehr schon in m. neuen Wohnung verlebt habe. Ich will ihn benutzen, um Ihnen auch einmal ausführlich zu schreiben; denn künftig wird es nicht so ruhig hergehen.
Das Notizbuch ist noch nicht angelegt; denn für Finessen ist vorläufig noch kein Sinn: es steckt noch im Gröbsten: Sofa (Sache der Wirtin) 2. Bücherregal und ein Aktenständer müssen erst angeschafft werden. Die letzeren sind meine Sache, d. h. also 50 M Ausgabe: doch war die Fracht fast noch billiger als berechnet (knapp 35 M incl. Bücherrück (oder = rügg?) Ja, möbliert sind die Stuben freilich nicht; aber für 90 M bekomme ich nirgend sonst so schöne, hohe, luftige, saubere Räume [über der Zeile] alle 3 Parkett mit so guter Verpflegung u. in so schöner Lage. Der Vorteil ist doch der, daß etwa von mir Angeschafftes mir dann doch auch gehört u. ev. in eigne Wohnung übernommen werden kann. Der Schreibtisch ist klein u. häßlich, scheint aber den beiden Damen sehr zu imponieren. Aber dies und alles andere steht naturgemäß jetzt noch nicht im Vordergrunde des Interesses. Lassen Sie mich also mit der Bemerkung abbrechen, daß es mir trotz vieler Strapazen im kleinen hier besser geht,
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| und daß ich sehr viel mit großem Appetit esse. Was mir fehlte, war das Bier. Dies habe ich nun im Pilsener in der gesündesten Form. Seitdem (bis auf weiteres) spreche ich Ihren Pülverchen u. – Benarys Hohn.
Ehe ich nun auf Einzelheiten komme, will ich mit Ihnen ganz offen und ehrlich über die Gesamtsitiuation reden, wenn Sie mir versprechen, sich nicht etwa zu beunruhigen, sondern wie bisher mit mir tapfer zu sein und den neuen Kurs zu steuern.
Also: Ich komme hier in eine wundervolle Position: die Fakultät scheint durchgängig für mich, weit mehr noch als das Ministerium, ja es scheint, daß diese mich auch als Ord. gewollt hätten. Mein Ansehen, mein Machtbereich, meine Wirkung können hier ganz ins Ungeheure gehen. Kurzum, ich bin, abgesehen von wenigen Titelzutaten, am Ende meiner äußeren Carriere scheinbar schon angelangt.
Ebenso gewiß aber ist das andre: meine Professur ist die überlastetste, die hier existiert. In den wirklich höchst sympathischen Worten, mit denen Magnificus Lamprecht mich empfing, trat dies deutlich zutage: ich solle die Amtsgeschäfte leicht nehmen u. meine Kraft nach Möglichkeit der Wissenschaft
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| erhalten. Und in anderen Tonarten klang überall dieselbe Melodie. Trotzdem muß ich Philosophie gleich im 1. Sem. lesen. Wundt u. Volkeltsind darin einig, einig aber um meinetwillen: Denn sie wollen mich in die Fakultät als Gleichberechtigten, sie wollen mich entlasten durch die Philosophie und die schlimmen päd. Prüfungen teilweise Barth zuschieben. Wundt ist ein so einfacher, lebhafter, frischer Mensch, daß er sicher keine Politik macht. Ich habe zu ihm wie zu Volkelt ganzes Vertrauen, und erwidere damit nur, was sie zu mir haben. Heute habe ich nun angekündigt. Sie finden umstehend die Stundenverteilung.
Sie müssen aber hinzunehmen: die Prüfungen 1) der Doktoranden d. Päd, 2) der Oberlehrer 3) der Mittelschullehrer – alle 3 schriftlich u. mündlich, die letzeren sogar mit Probelektion. (½ Stde.) mündlich ¾ Stde. Die Einkünfte daraus sind für m. Begriffe höchst bedeutend; ich werde also nichts umsonst tun und manche Erleichterung bezahlen können.
Sie sehen also nun, auf welcher Seite der Feind zu suchen ist, und es kommt nur darauf an, ihn zu bekämpfen. Dazu hat die Kommission d. Fakultät heut eine Sitzung. Die Abtrennung der Experimentellen
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| ist die erste Erleichterung. Über anderes habe ich mit m. Famulus, der doch ein tüchtiger Kerl ist, heute eingehend beraten. Ich habe mir Meumanns [über der Zeile] <von fremder Hand?>? ganze Situation (er ist deswegen auf und davon gegangen) schildern lassen. Ich werde alle Maßregeln treffen, um mich vor wirklicher Gefahr zu schützen und bin durchaus gerüstet. Hier also der Plan:
  9–10Paedagogik.Paedagogik.PrüPaedagog.Phil. d. Gesch.Prü
10–11  Prü   fungen.         "  fungen.
11–12       fungen
12 – 1
———
  3 – 4Sprechstunde im Seminar. FakultätsSprechstunde in d. <unleserl. Wort>
  4 – 5 Prüfungen
  5 – 6
¾ 8–½ 10 Übungen.
Die Vorl. über Paed. heißt: Paedagogik I. Teil: Philos. Grundlegung u. Geschichte. Zuhörer sollen ca. 200 sein. Phil. d. Gesch. wird einen kleineren Kreis haben. Die Lage der Prüfungen wechselt u. ist vorläufig willkürlich angenommen. Im ganzen sollen sie 3 Tage à 2 Std. kosten. Das Schlimme sind die schriftlichen Arbeiten. Die Fakultätsprüfungen werden seltener sein. Viel Geselligkeit wird man nicht mitmachen. Die Vorlesungen sind diesmal wenigstens nicht ganz
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| neu zu machen. Dafür aber Einleben in viele neue Verhältnisse.
Es fragt sich nun, welche Maßregeln notwendig sind, um das alles in durchführbarer Form einzuleiten. Zunächst werde ich meine geschäftliche Korrespondenz wöchentlich einmal mit Sekretärin, die stenographiert, erledigen. Ferner muß ich die Arbeiten (nach Recept Volkelt) nicht ganz lesen. Endlich muß ich durch zurückhaltendes Wesen u. Aufbietung von Famulus u. Sekretär sowie durch strenge Anforderungen die große Masse fernhalten.
Einen Schritt horrender Energie habe ich soeben bereits getan. Die Übungen wären mir verdorben worden durch den massenhaften Andrang, der in der 1. und letzten Stunde nur deshalb stattfindet, weil an die Testate der Übungen die Verleihung kleiner Stipendien geknüpft ist. Ich möchte das Seminar in der Bibliothek meines Instituts abhalten, wozu aber nicht mehr als 70 zugelassen werden könnten. Auf diese Weise kämen die Leute um die Stipendien. Ich habe nun an den Minister geschrieben, was ich vorhabe, und um Anweisungen gebeten, wie ich mich verhalten soll. Es ist zwar garkeine Hoffnung, daß die Sache noch in diesem Semester erledigt wird. Aber das meinige habe ich getan, um diesen alten Zopf abzuschneiden und mir freie Bahn zu verschaffen.
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| Die Leute, die mich angehen, sind alle sehr nett. Viele wissen natürlich nicht, was Sie sagen sollen. Aber interessant ist natürlich dieses Wandelpanorama v. Individualitäten; wenn es nur nicht so endlos viele wären! Ceremoniell ist man auch nicht. Als Universität vielmehr erscheint Leipzig beinahe größer als Berlin, weil alles nicht so anonym ist, wie bei uns, und der "Betrieb" offenbar weit mehr organisiert ist. Noch interessanter aber ist der hiesige Buchhändlertypus; ich habe viele in den Tagen gesehen, wo ich noch glaubte, die Vermehrung der Bibliothek wäre hier mein höchstes Gesetz. Der junge Voigtländer z. B. ist ein Rassemensch.
Summa Summarum: die Zukunft wird zeigen, ob ich mich durch diesen Berg fresse oder nicht. Jedenfalls: wenn ich hier nicht durchkomme, so gehe ich an einem ehrenvollen Posten u. doch auch nicht um 2 Dreier zugrunde. Komme ich aber im 1. Jahr durch, so ist es entweder erträglich, oder ich gehe wie Meumann [über der Zeile] <von fremder Hand?>? weg, oder ich ändere unter Vorlegung der Dokumente, die ich sorgfältig sammeln werde, die Stellung.
Viel Briefe dieser Art werde ich bis Weihnachten wohl kaum schreiben können. Aber Sie wissen ja, wie ich Ihrer jeder Zeit denke u. darauf brenne, mich Ihnen eröffnen zu können. Seien Sie also nicht ungeduldig u. nicht ängstlich. Ich jedenfalls bin festen Mutes. Viele herzliche Grüße
in treuer Liebe Dein Bruder.

[re. Rand] Über das Gehalt hat der Rentmeister heute nobler Weise bei der Antrittsvisite nichts gesagt. Doch höre ich es in d. nächsten Tagen wohl sicher. Das Geld fließt hier im Anfang nur so. Jedes Stück will neu gekauft sein.>
[li. Rand] Ohne Zweifel habe ich es schon leichter als Meumann. Aber M. war älter, ja quasi Autorität.