Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Oktober 1911 (Leipzig)


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Leipzig, Sonntag 22.X. [über der Zeile] 11. abends.
Liebes Schwesterchen!
Heute bläst hier der Föhn, alles leidet am Marasmus, man ist wie ausgepumpt, und ich will um 10 Uhr ins Bett gehen. Vorher aber fange ich noch ein paar Zeilen an Sie an. Ich war nachm. wankendes Schrittes ein wenig spazieren, an der Rennbahn (es war Rennen) vorbei über die Elster durch den Wald nach Schleussig, sah mir alles in Seelenruhe an u. war froh, wenigstens jetzt nicht dort zu wohnen. Es ist sehr hübsch, daß das alles schon Erinnerungen an Sie trägt. Dann habe ich m. Eröffnungsvorlesung (Donnerst. 9–10) fertig gemacht, was ½ Stde kostete, und bin nun still zu Haus, wie fast alle Abende. Denn noch ist es relativ windstill, u. ich freue mich dessen.
Außerdem habe ich gewonnenes Spiel: denn ich habe jetzt 66 Besuche, u. bin bereits bei den Juristen. Heute war ich bei Excellenz Binding, der ebenso fein wie liebenswürdig ist – ebenso seine Gattin. Es ließen sich übhpt Bände schreiben über
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| den Kontrast gegen Berlin. Hier scheint keine Geistreichelei heimisch, nur Arbeit und häuslicher Sinn. Ich habe zwar trotz meiner stereotypen Karten nur wenige Frauen gesehen, aber alle waren natürlich und nett, und wenn die alte Frau Lipsius so ist, wie sie beim ersten Mal erschien, kann sie meine Mamma werden, da Frau Volkelt nun doch schon einen Sohn, einen netten Menschen, hat. Ich sehe keineswegs zu rosig; denn an Konflikten hat es auch nicht gefehlt. Der Romanist – Birch-Hirschfeld – in Gautzsch schrie Zeter-Mordeo, daß ich auch von 9–10 lesen will und behandelte mich wie einen Eindringling. Es wird ihm aber nichts helfen, u. Sie sehen daraus, welche große Konkurrenz man hier dem Pädagogen unbesehen zutraut.Dr. Brahn will in die ehemals experimentellen Räume m. Instituts, die jetzt leer stehen: so:
<Zeichnung: Skizze der Raumanordnung in der Universität. Die einzelnen Räume sind bezeichnet.>
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Ich hatte Nr. 4 bereits annektiert. Nun kommen die Experimentellen bei uns durchgelaufen, ein ärgerlicher Zustand, der ja nur provisorisch sein soll, aber trotz aller schleunigen Energie für dies Semester nicht zu vermeiden scheint. Volkelt, der sich sehr nett als Protektor erweist, konnte mir auch nicht helfen. Daß ich nicht Ordinarius bin – was viele beim Eintritt sogleich bedauerten – macht sich doch vom 1. Tage bemerkbar. Brahn (Privatdozent) habe ich noch nicht gesehen, er schrieb sehr nett, aber wohl aus Politik.
Sievers hat mir einen guten Eindruck gemacht. Er sagte u. a., daß Leipzig ein nervenunfreundliches Klima hat, fast wie Heidelberg. Der Statistiker Schmidt war am liebenswürdigsten. Die Naturwissenschaftler sehr ausführlich, Geisteswissenschaftler habe ich fast gar nicht getroffen. Der 1. Gegenbesuch war schon da, ebenso Prüfungskandidaten, u. ein Student (Bure) mit einer trostlosen Dissertationsidee.

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23.X.11.
Vormittags war ich bei Brahn, der mich mit Liebenswürdigkeit fast abgeleckt hat – mit Vorsicht zu genießen, und um 3 war meine 1. Sprechstunde. Ich habe von 3–5 33 Menschen empfangen u. protokolliert, alles Anmeldungen zu den Übungen. Da ich auf das alles präpariert bin, tangiert es mich innerlich garnicht, und ich arbeite wie eine Maschine, sicher, kurz u. freundlich. Zwischendurch war Brahn da u. sah sich die Situation an: meine beiden Teetanten – Famulus u. Bibliothekar – fungierten, daß es das helle Amüsement war. B. sah selbst ein, daß nicht viel zu wollen wäre u. zog mit halber Resignation ab, immer sehr liebenswürdig. Biblioth. u. Famulus vertragen sich nicht; der erstere führte Klage, daß der letztere in s. Zimmer säße; an sich wenig erfreulich. Da aber dies Bibliothekenzimmer m. Einrichtung ist, so sehen Sie, wie das auf den jungen Mann wirkt: er arbeitet jetzt doppelt für die Sache u. betrachtet sie als sein eignes Reich. Übrigens ein entzückender Mensch. Dann ging ich mit beiden Kaffee trinken und hörte endlose Geschichten von d. Universität etc. Es ist so vielerlei Einzelnes auch in m. Situation, daß ich Ihnen nicht alles
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| schreiben kann. Es wird stramm hergehen: viele tüchtige Köpfe begegneten mir schon heute. Ich muß durch Gesamtauffassung ersetzen, was mir am einzelnen fehlt.
Eine Decke brauche ich nicht, da ich mir das Plaid nachschicken lassen möchte. Auf Anfrage bei Walzel erfuhr ich, daß das Gehalt praenum. gezahlt wird. Es ist also im Moment nichts nötig; natürlich kann ich noch garkeinen Etat machen wegen der vielen Extraausgaben. Doch hoffe ich, von nun an in Ordnung durchzukommen, da ich noch 100 M habe, also der Umzug eigentlich außer Rechnung bleibt. Sollte die Nachricht von Watzel nicht zutreffen, so würde ich gleich noch schreiben. Meine Notizen erbitten von Ihnen (obwohl das hier auch zu haben wäre, aber aus lieber u. sinnreicher Gewohnheit) einen Kalender, auf dem man Examenstermine etc. vermerken kann, nicht voluminös, am liebsten ab 1.X. bis 1.IV., oder sonst erst für 1912, da die nächsten Monate wohl noch zu übersehen sind.
Als Danksagung für die Beethovenhefte etc. erhielt ich 18 Briefe. Übhpt viel Liebes, von Frau Riehl Rosen u. andere Blumen aus Klösterli. Frau Paulsen fragt nach Ihrer Adresse.
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Ich will nicht sagen, daß ich mich als Simson fühle: aber Aufregung empfinde ich weit weniger als in Berlin. Und doch steht Wichtigeres bevor. Wie gesagt, die Nüancen lassen sich nicht so schreiben, schon weil Sie die Personen u. ihre Bedeutung nicht so kennen. Demnächst sehe ich Trendelenburgs u. Rabl. Soll ich bei dem letzteren etwas von Ihnen erwähnen?
Vor meinen Fenstern liegen dicke Haufen von großen Platanenblättern. Trotzdem ist es warm, daß man bei offenem Fenster sitzen könnte. Aber es wird nun nicht mehr lange dauern.
Ich hätte wohl noch viel zu schreiben u. zu beantworten. Aber es ist spät, u. die Feder kratzt, die Nachrichten aus Berlin lauten bis jetzt gut. Sorgen Sie dafür, daß ich von Heidelberg immer das gleiche sagen kann. Von jetzt an, fürchte ich, werden die Schreibepausen leider etwas größer werden; denn wissenschaftlich war ich bisher ganz faul. Ich arbeite am besten, wenn es eilt. Kollege Brahn scheint sich nicht zu übernehmen. Beiliegendes zur Ansicht. Viel innige Wünsche in treuer Dankbarkeit für alle Liebe
Dein Bruder.

[re. Rand] Eben ist ein Emailleschild angebracht worden: Prof. Dr. Sp.
[li. Rand] Knauer dachte mich vorgestern u. gestern in Dresden zu treffen. – Haben Sie vielleicht Nr. u. Qualität der <Kopf> Strümpfe notiert, die Sie für mich gekauft haben?
[re. Rand S. 5] Die Lage der Wohnung ist für m. jetzigen Zwecke die denkbar beste.
[li. Rand S. 5] Viele Grüße an die Damen Knaps u. Seitz!