Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. November 1911 (Leipzig, Grassi-Str. 14)


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Leipzig, Grassi-Str. 14. Den 2.XI.11.
Mein Geliebtes!
Hier kommt keine Antwort, sondern eine Frage, die eilig ist, und obwohl ich eigentlich noch nicht über Überlastung klagen kann, kommt es doch im Moment noch nicht zu Ausführlicherem.
Hermann hat mich durch einen lieben Brief erfreut, worin er zugleich den Wunsch ausspricht, daß ich bei seinem Kleinen am 3. Weihnachtsfeiertag Pate stehen soll. Sie erinnern sich vielleicht in diesem Augenblick an gewisse Vorgänge und Gespräche in Heidelberg 1905 am Tage der Schlachtbank. Meine Auffassung von der Patenschaft im allgemeinen ist ja in der Tat nicht hoch. Aber dies ist doch ein höchst individueller Fall. Denn dieser Wunsch trifft mein Herz sehr tief, und ich lege den allerhöchsten Wert darauf, in dieser symbolischen Form ausdrücken zu können, wie ich der Familie Hadlich bis zum letzten Atemzuge nahestehen möchte. Das ist mir wie ein Vermächtnis,
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| das vom Marienfriedhof ausgeht: "Es erbt der Väter Segen."
Ich werde also wohl schon zusagen, ehe ich Ihre Antwort abwarten kann. Nur ergibt sich daraus eine Kollision: denn wenn ich in den Weihnachtstagen nach Stettin fahre, so leidet dadurch der Casseler Plan. Voraussichtlich nämlich muß ich in den Weihnachtsferien die Staatsexamensarbeiten erledigen, die sich bis dahin aufschichten und die gleich nach den Ferien zur mündlichen Verhandlung gelangen. Auch muß wahrscheinlich die Antrittsvorlesung bis nach Weihnachten bleiben, und bei der Kürze der Ferien ist der Rest gering.
Sollen wir uns nun garnicht sehen? Das wäre doch traurig. Und andrerseits ist m. Hoffnung gering, daß Sie auch zur Taufe kommen; dieselben Erwägungen, die voriges Jahr dagegen sprachen, treten auch diesmal ein: es wäre für Sie bei unvorherzusehendem Wetter eine sehr weite und anstrengende Reise. Außerdem wenig Ruhe für uns. Lassen Sie uns das beraten. Was soll man tun? Ein Jahr später sitze ich, wenn ich gesund bleibe, wohl auf dem Geldsack.
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| Aber vorläufig heißt es (außer der Arbeitsquelle neuer Art auch noch sparen. Wie wäre dann z. B. ein Zusammentreffen in Gotha? Oder von Gotha aus in der Nähe? Überlegen Sie das doch bitte. Leider würde ich dann die verehrte Tante nicht sehen. Sie haben mir lange nichts von ihrem Ergehen geschrieben?
Nach einer wirklich recht schlechten nervösen Periode geht es mir seit Dienstag, wo ich beim Rektoressen alles Mögliche durcheinandergetrunken habe und in der entsetzlichsten Luft im Kaffeebaum vor Geschrei fast verging, ganz ausgezeichnet gut. Beim Diner nahmen mich die Philologen der Fakultät in ihren Cerkle, nachher aber Dölken in besondere Obhut, wie mir ein Fachkollege warnend sagte, um mich auszuforschen. Ich habe von seiner Liebenswürdigkeit das Gefühl, daß er ein recht unangenehmer Mensch ist, und weiß jetzt auch wenn Frl. Scheibe den getragenen Ton imitiert. Er führte mich zum Sekt und allerhand späten Genüssen; das Geld tut mir leid, aber der Sekt scheint auf mein Herz geradezu medizinell gewirkt zu haben.
Jetzt ist alles im Gange, das Seminar habe
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| ich mit 43 Leuten sehr glücklich eröffnet, während mich bei der Vorlesung immer noch die unselige Stunde stört. - Die Kollegenschaft ist mir durch allgemeine Vorgänge beim Rektoressen recht verekelt worden. Morgens der Einzug unter Pauken und Trompeten in die Aula war für romantische Gemüter ganz nett.
Der Diltheynachruf hat dem Geheimrat Keller von der Comeniusgesellschaft so gefallen, daß er einen Zweitdruck bringen will; auch sonst erhalte ich immer noch begeisterte Zuschriften.
Ich habe bisher eigtlich nicht viel zu tun; das macht gewiß Ihr liebes schönes Kalenderchen, wo in der Tat nicht viel raufgeht. Der Witz ist doch der, daß die Examina keine festen Tage haben, und daß diese mit Tag, Stunde, Namen der Kandidaten notiert werden müssen; dazu die Abendeinladungen, die nun schon kommen. Aber Sie wissen, wie sehr mich das zierliche Werk Ihrer Kunstfertigkeit entzückt hat. Zu Weihnachten wollen Sie mir anscheinend ein Licht aufstecken. Das kostet bei m. Wirtin 15 <altes Pfennigzeichen> Wie finden Sie diese Preise: Heizung pro Tag: 30 Pf. Gas 21 Tage 1 M. Petroleum 20 Tage 3 M. Bedienung 2 M. Ich habe kein Urteil, bin aber sonst so zufrieden, daß ich es hinnehmen würde.
Viel herzliche Grüße. Es ist spät.
Dein Bruder.

[re. Rand] Verzeihen Sie m. Kürze, es eilt heute!
[li. Rand] Eben kommt beiliegender Brief, den ich sofort zurückerbitte. Am 17.–19. plane ich nach Berlin zu fahren.