Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. November 1911 (Leipzig, Grassi-Str. 14)


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Grassi-Str. 14, den 8. November 1911.
Liebe Schwester!
Ich verstehe natürlich vollkommen, was Sie an dieser Taufgeschichte bewegt, und muß Ihnen ganz recht geben, daß man nicht zartfühlend verfahren ist. Dies vorausgeschickt suche ich jedoch die mildernden Umstände auf, und diese scheinen mir im vorliegenden Fall doch wirklich vorhanden. Sie kennen selbst mein Verhältnis zu Hermann seit Jahren: es hat doch eigentlich nur durch Sie bestanden, und erst im Frühling dieses Jahres empfand ich es seit langem wieder als echte Freundschaft. Ganz ähnlich muß es Hermann gegangen sein. Wenn er nun auf den Patengedanken kommt, so gibt es nur 2 Möglichkeiten: entweder der Titel spielt eine Rolle, dann werden Sie hoffentlich sagen: auf solchen Posten lege ich keinen Wert; oder es ist reine Freundschaft: dann ist es eine Verbeugung vor Ihnen, und die Ehrung gilt eigentlich Ihnen: Sie sind nur wegen wahrscheinlicher Hochflut weiblicher Paten nicht auch gewählt worden, – was ich ja allerdings von seiten Ihrer Familie am schönsten fände, wenn man uns so beide bei einem Familienfest vereinte. Dazu kommt,
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| wenn ich einmal nach Motiven suchen soll, daß Sie im vorigen Jahr die Reise scheuten. Sie erinnern sich, daß ich die Sache damals in Ihr Gefühl schob. Hermann ist gewiß nicht empfindlich und nachtragend; aber er entschuldigt sich nun vielleicht: dies Jahr zu Weihnachten ist das Wetter nicht besser als voriges Jahr.
Aber das alles ändert natürlich an Ihrem Gemütseindruck nichts, und da kann ich dann auch nicht trösten, als daß ich sage: Dafür haben wir uns, und die andern stehen an den Vorhöfen und sehen zu. Wie sich nun das Problem mit dem Zusammensein zu Weihnachten lösen wird, kann ich im Moment noch nicht übersehen. Ich sehe nur, wie sich die Staatsarbeiten schichten, die wahrscheinlich die Ferien kosten werden; mit ihnen auf Reisen gehen, kann ich weniger als mit andern Sachen: sie müßten immer als Wertpakete mitwandern. Aber wie gesagt, darüber ein andermal. Heute – an m. Seminartage 3 Uhr – nur noch ein paar Nachrichten und Antworten.
Ohne Zweifel ist diese Verpflanzung für mich ein großer Segen. Ich fühle mich in einer so gleichmäßig friedlichen Gemütsstimmung, wie seit Jahren nicht, und dazu wäre ich zu Hause nie gekommen. Ich kann jetzt wieder denken und mich innerlich
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| entwickeln: ich bin wie neugeboren und denke zwar gern, aber ohne Sehnsucht nach den alten Verhältnissen nach Hause zurück. Es war einmal absolut unmöglich, und so ist das Verhältnis brieflich das denkbar beste und innigste. Möge es so noch eine Zeit bleiben, damit die schweren Wunden verheilen.
Meine Wirtin u. ihre Tochter (über deren Preise Sie sich bitte noch äußern wollen) nehmen die unglaublichste Rücksicht: sie fliehen in den äußersten Winkel der Wohnung, um mich nicht zu stören, und wenn da wirklich mal was vorgeht, ist es mir egal. Auch physisch ist es hier (abges. v. Klima) nach Erledigung der Besuche für mich wohltuender. Ich habe lange nicht so viel zu tun wie in Berlin. Obwohl ich den ganzen Tag beschäftigt bin, kommt es nie zu einer Hetze. Die Eisenbahn habe ich heute vor 4 Wochen zuletzt gesehen. Aber ich bin auch nicht spazierengegangen: Diese Notwendigkeit des vielen Laufens war z. T. Angewohnheit u. Folge der fehlenden Ruhe zu Hause, aber bei den weiten Geschäftswegen direkt schädlich. Jetzt nehme ich langsam wieder zu. Und wenn ich gehen will (was ich meist zwischen 12 u. 1 mache) so bin ich in 5 Minuten im Wald u. kann am Elsterufer über 1 Stunde bis Connewitz gehen. Ein Kursbuch habe ich mir gekauft und lese darin häufig, obwohl sicher nichts daraus wird. Oder wenn
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| ich mal 12 M u. 1 freien Tag haben sollte, fahre ich nach Oberhof u. gehe abwärts über die Schmücke nach Ilmenau. Um 6 aus m. Wohnung, um 10 Oberhof; wenn ich um 7 von Ilmenau fahre, bin ich um 11 zu Haus.
Das Schicksal verfährt manchmal symbolisch u. bedeutungsvoll: es zeigte mir in diesen Tagen 2 alte Männer, die ganz jung u. verständnisvoll geblieben sind: beide sind 78½ Jahr. Der eine ist unsre alte Excellenz, die wir in Heidelberg sahen; mit dem, Brahn u. dem Rentmeister war ich heute Mittag Wohnung suchen, d. h. für Brahns u. mein Seminar. Dieser klare, ruhige, liebenswürdig bescheidene Mann ist wirklich eine herrliche Erscheinung. Am Sonntag bin ich bei ihm zum "einfachen Mittagessen" [nachdem ich am Vorigen bei Biermann zum opulenten mit mäßiger Gesellschaft, aber wundervollen, mich tief ergreifender Klingerradierungen war.] Der andre alte war Lasson: auf m. Vorschlag hatte d. akad. phil. Verein ihn zu einem Vortrag eingeladen. Er kam zu Fuß vom Bhf, aß nichts, hielt einen excellenten Vortrag, ging mit uns ins Kaffee mit Musik und fuhr um 12½ v. Berl-Bhf, um 5 in Berlin, um 10 Kolleg!! Das Wiedersehen war ihm u. mir eine herzliche Freude. Außerdem war Barth an jenem Abend da, ein Mann, den ich glühend verehre. Ich hatte ihn 2mal vergeblich besucht, da schenkte er mir sein neu erschienenes Buch – vielsagend genug die 3. Aufl.!! seiner Pädagogik, besuchte mich u. lud mich schon des Morgens am selben Tage brieflich zum Abend ein (leider heute, wo Seminar.) Er war sehr freundlich
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| und offen, und wünschte mir alles Gute mit den Worten: "Was ich dazu tun kann, soll gewiß geschehen." So ist der wahre Philosoph; und deshalb wahrscheinlich ist er so unbeliebt. Brahn ist aber auch ganz nett: der liebenswürdige Jude, mit viel Geld, ohne Ehrgeiz, immer nachgiebig und vergnügt, also sehr umgänglich. Im übrigen warnt einen hier immer der eine vor dem andern. Besonders Wirth, der amtlich allein in m. Qualität, ist die reine Professionsunke.
Es ist schon spät: ich muß aber doch über die finanzielle Situation etwas hinzufügen: das Gehalt gibt es monatlich praenumerando. 60 M Eintritt für eine Töchterkasse (?) gingen ex officio ab. Außerdem 15 M 1. Quartalsrate: der Diltheynachruf hat das gerade eingebracht. Das Kolleggeld wird nach meiner Taxe mindestens 1200 + 240 in diesem Semester betragen: später viel mehr: die Phil. d. Gesch. lese ich à fonds perdu: war in Berlin besser besucht. Die Examina werden im Laufe der Zeit sehr viel Geld bringen. Aber wann die beiden letzten Einnahmequellen kommen, ist noch fraglich; hoffentlich ein Teil vor Weihnachten: ich muß noch manches anschaffen u. es liegt im Interesse m. Stellung hier, wenn ich mich ein wenig standesgemäßer einrichte. Die Unkosten sind auch sehr bedeutend. Aber 10000 M jährlich habe ich so gut wie sicher.
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Die Paulseneinleitung ist halb fertig. Ich kann durch diese Ausgabe meine Verpflichtungen dort halb regulieren. Grete Paulsen heiratet in den nächsten Tagen den Halligmaler Alberts. Darüber mündlich, ebenso wie über Frau Dilthey. Die Sache ist nur deshalb ein Problem, weil Sie die Frau nicht selbst kennen. Voll von halb hysterischer Schwärmerei für ihn war sie immer; gelebt hat sie mit ihm anscheinend so wenig wie er mit ihr: denn beide waren volle Egoisten: sie wollte genießen, er kannte nur seine Pläne. Ich bin noch nicht zur Antwort gekommen. Da bahnt sich ein schwieriges Kapitel an.
Der Kalender endlich, m. liebe Schwester, sollte eigentlich gar keine so schöne Handarbeit sein wie der erste u. kein Katzenkopf wie der letzte, sondern vielleicht ein liegender Abreißkalender, wo irgendwo AEI steht.
Zu vielen Studenten habe ich schon eine ganz gutes Verhältnis. Hoffentlich lesen nicht alle 1½ Stunden ihre unfertige Diss. vor, wie ein Naivus heute morgen. 1 Arbeit habe ich abgewiesen.
Die Pädagogik macht mir viel Mühe, weil ich über die Fundamente stundenlang nachdenke.
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| Viel weiter bin ich eigentlich nicht gekommen. Die Buchhändler zupfen auch an einem herum.
Das Salonblatt hat das Bild gebracht; verzeihen Sie, daß ich es nach Berlin geschickt habe. Ich bin auf dem rechten Auge blind. – Meine Korrespondenez ist ungeheuer. Sympathiekundgebungen aus Berlin kommen häufig, so bes. von Riehls u. Lindau mit großem von Lindau gezeichneten Bild von Klösterli.
Es gäbe noch endlos viel, aber es geht nicht. Ob ich am 18. reisen kann? Am 17. Abends haben Volkelts mich eingeladen: das ist Pflicht. Ev. fahre ich am 20. früh zurück. Aber am 18. ist hier Professorium: dem möchte ich entgehen.
Schreiben Sie mir von Heidelberg Neues und Gutes. Ich muß eilen u. schließen mit den innigsten Grüßen
Dein Bruder.
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Se Magnificenz hat mich am Sonntag besucht.