Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. November 1911 (Leipzig)


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Leipzig, den 29. November 1911.
10 1/2 Abends nach 2 geschlagenen
Stunden Seminar.
Liebe Schwester!
In Heidelberg grollt etwas, aber es ist nicht nur das Erdbeben, sondern jemand, der längst auf einen Brief wartet, und mit Recht. Ihre Briefe liegen vor mir: ich staune über die Daten. Mir sind sie wie von gestern: die Zeit rast, täglich etwas Neues, täglich etwas sehr Wichtiges, angespanntes Bemühen, nichts zu versäumen oder zu verderben, und der Kopf voll von kleinen Dingen, die erledigt werden müssen. Man wird auch immer im ganzen bisher ohne Überlastung fertig; aber es bleibt auch nicht die mindeste Zeit, und von allen Seiten kommen verstimmte Briefe.
Ihnen Einzelheiten wie sonst zu berichten, ist ganz unmöglich; denn jedes für sich ist schließlich wichtig, aber es hat 1000 Nüancen, die sich nicht schreiben lassen. Deshalb müssen wir uns irgendwie zu Weihnachten sehen, aber ich sehe noch nicht, wie
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| es werden soll, denn die Ferien brauche ich voraussichtlich dringend für Examina u. Antrittsvorlesung. Lassen wir das noch in der Schwebe: die Hoffnung, Sie bei der Taufe zu sehen, ist mir vorläufig ein Weihnachtslicht; und wie sich damit der Wunsch verbindet, daß Sie die verehrte Tante bei besserer Gesundheit finden mögen, davon sind Sie selbst überzeugt.
Ich war in Dresden beim Minister, der mir eine moralische Rede hielt zunächst, auf die Verantwortung u. die Schwierigkeiten hinwies, besonders, da ich einen so ungewöhnlich tüchtigen Vorgänger hatte. Diese Phrase hat mich verstimmt; denn was Meumann für Sachsen geleistet hat, ist = 0. Seine Geschäftsführung war überdies bummlig u. er hat mir die Sachen in ungehörigem Zustande übergeben, so daß ich trotz stundenlanger Überlegungen aus der finanziellen Unordnung des Instituts nicht herauskomme. Und seine wissenschaftliche Tiefe paßte zur Pleiße. Der Decernent Schmaltz besprach die Stipendienangelegenheit. Ich müßte weit ausholen, wenn ich klarlegen sollte, weshalb das wieder nicht zu. einer Regelung kam.
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| Quintessenz: das Ministerium will mich als Pädagogen, die Fakultät entschieden auch als Philosophen, u. darum dreht sich der Kampf. Der Geh. Schulrat Müller machte diesmal einen netteren Eindruck. Persönlich freundlich waren übhpt alle. Nachher rannte ich zu Elsenhans, rannte nach Stadt Gotha, wo ich ein üppiges Diner herunterschlang, rannte zum Bhf, Bummelzug, abds langweilige Gesellschaft in L. beim netten alten Stieda. Sonntag durchgearbeitet, Excellenz Binding u. 2 Mathematiker bei mir. Montag eine Dissertation bis in die Nacht gelesen u. mit Schmerzen abgelehnt. Dienstag lange Beratungen mit Brahn u. Volkelt über Institutssachen außer 2 Kollegs.
So geht es alle Tage. Aber ich bin und bleibe befriedigt, und vor allem auch deswegen, weil die Sache eine melkende Kuh ist. Die Ausgaben sind nach m. bisherigen Begriffen bedeutend; aber es ist auch immer Zufluß da, der noch weit größer werden wird, u. so kann ich hier, wenn ich mir Arbeit u. Leben vernünftig einteile, zunächst
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| einmal in geordnete Verhältnisse kommen. Ich habe heute 400 M an Sie geschickt, die ich voraussichtlich nicht brauche. Ich kann ja die Gestaltung im einzelnen noch nicht übersehen. Aber was Sie mir über Ihre Zeichnerei bei Port schreiben, ist mir zu schrecklich, und ich möchte Sie bitten, die Sache doch bald zu beenden. Solche Tätigkeit ist nichts für Sie. Lassen Sie mich nun sorgen. Wenn ich gesund bleibe, so kann ich Ihnen bald [über der Zeile] nach und nach zurückschicken, was Sie mir gegeben haben, und wir haben ja doch immer aus einer Kasse gelebt. Ich kann den Posten für die Steuern noch nicht übersehen. Auch sind ja gerade jetzt besondere Ausgaben. Aber ich habe ein Einkommen von 11000 M nach mäßigem Voranschlag deklarieren müssen. Ich genieße zum 1. Mal das Gefühl, in meinem Portemonnai immer mehr Geldstücke zu finden, als ich erwartete, u. z. T. sehr leicht verdient. Neulich habe ich 2 Kandidaten zusammen 3/4 Std. gezwiebelt - macht 30 M. Für schriftl. Arbeiten habe ich allein bis heute 145 M erhalten. Das alles also doch außer dem Fixum von 9000 M.
Tagelang ging es mir sehr gut. Ich bin
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| auch meistens sehr arbeitsfähig. Nur in Dresden und heute hatte ich wieder Nervenschmerzen im Körper links, die ich aber mehr auf das Erlebte, als auf die Gegenwart zurückführe, die mir doch selten Veranlassung zur Hast gibt.
Die Sache mit dem Klavier wäre Luxus. Nebenan steht eins, aber ich habe garkeine Lust zu spielen. Mein Amt ist jetzt mein höchster Gedanke, und ich habe alle Veranlassung, die Sache ernst zu nehmen. Der Erfolg fehlt übrigens nicht. Die Gesellschaften sind hier meist langweilig. Leipzig scheint keine geistreichen, interessanten Leute zu haben. Die Menschen sind hier alle pflichttreu und erwerbslustig. Volkelt ist sichtlich abgearbeitet u. froh daß er mich hat. Aber er ist ein reicher Mann dabei geworden.
Vom "Büchlein heb mich auf" habe ich leider noch einen ganzen Stoß in Ch. Ich werde ihn an Frl. Knaps schicken lassen.
Der Fall Weber - Althoff interessiert mich sehr, gerade im Moment. Könnten Sie mir Dokumente darüber schicken, wäre ich sehr dankbar.
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Daß ich den kl. Scholz in Neubabelsberg sah (auch Lindau) schrieb ich wohl. Unter uns: ich weiß lange, daß auch er verlobt ist.
Das Joachimthalsche Gymn. will eine Trauerfeier für Diltheyhalten u. die Akademie, Univ., Minist. einladen. Ich soll die Rede halten. Ich werde aber ablehnen, wenn es nicht bis März Zeit hat. Daß der Nachruf in den Comeniusheften bereits erschienen ist, wissen Sie wohl.
Zum Schluß habe ich noch eine Bitte, denn ich kann nun nicht mehr schreiben: Lassen Sie es sich nicht nahe gehen, wenn meine Briefe in diesem Semester seltener sind. Ich denke Tag u. Nacht an Sie; aber die Kraft fehlt einfach für so eingehende Nachrichten, wie Sie sie haben müßten. Und da will ich Ihnen lieber erzählen, in Stettin, oder Berlin, oder Cassel, wie es geht. Sie dürfen nicht glauben, daß ich mich überanstrenge. Bis Mittwoch ist die Woche immer schwer; dann kommt stillere Zeit. Aber ich bin dann oft faul, u. gerade heut ist kein günstiger Tag.
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Lassen Sie den Port nun bald ein Ende nehmen. Ich höre lieber, daß Sie solche Pfalzausflüge machen. Schonen Sie Ihre Kräfte für mich.
Innigst u. treu
Dein
Bruder Eduard.

30.XI.
Wenn ich die Zusammensetzung des Wundermittels, die ich schon in Cassel vergessen hatte, heute noch wüßte, so hätte ich mir selbst das Elixier schon gebraut. Es war glaube ich 30 g Kaiserborax und 30 g Franzbranntwein auf 1/4 l Wasser. Die Sache ist unter allen Umständen: Sie könnten es versuchen: wenn sich beim Reiben zu wenig Schaum entwickelt, fehlt Borax. Aber vielleicht probieren Sie einmal Pixavon (Flasche 2 M.) wozu ich neulich eine sehr einleuchtende theoret. Erläuterung las. Die Bücher werde ich von Ch. aus gleich kommen lassen. Ich muß
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| in d. Universität, u. 6 eilige Anfragen liegen da. Ich fürchte, daß die Postanweisung Sie gerade jetzt im Abreisen stört. Lassen Sie sie sich doch nach Frkft nachschicken. Das macht die wenigste Schererei. Viel gute Reisewünsche und eine ruhige Zeite in Frkft. Meine Empfehlungen an Frau Weise.
Herzlichste Grüße
D. O.